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Ausgabe 1/07


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„Aber da war immer dieser Gegensatz, dieser Widerspruch"

Interview mit Silvia Riegner

 

 

Die Psychologin Silvia Riegner wurde 1943 in Buenos Aires als Tochter der Exilösterreicher Laura Dawid Lux und Kurt Lux geboren. Ihre Mutter hatte 1918 in Galizien das Licht der Welt erblickt, verbrachte aber Kindheit und Jugend in Wien. Ihr Vater Kurt Lux wurde 1914 geboren und ergriff den Beruf des Textiltechnikers. Als Juden sahen sich die beiden 1938 gezwungen die Flucht zu ergreifen. Das Interview wurde in spa­nischer Sprache geführt.

 

 

Wie und wann kamen Ihre Eltern nach Argentinien?

 

 

Mein Vater reiste im Juli 1938 nach Argentinien und holte seine Freundin (meine Mutter) und seine Mutter mittels einer llamada ins Land. Meine Mutter kam Anfang April 1939 nach Argentinien und heiratete meinen Vater wenige Tage später am 13. April.

 

 

Redete man bei Ihnen zuhause über die Flucht und über das Leben vor Argentinien?

 

 

Sehr viel. Ich denke, das Erzählte hat meinen Bruder und mich stark geprägt. Es war sehr hart, das alles zu hören. Viele meiner Verwandten sind in KZs ums Leben gekommen... Vor allem mei­ne Mutter hat sehr stark darunter gelitten. Mein Vater hatte das Glück, nur wenige Angehörige in der Shoa zu verlieren.

 

Meine Eltern haben Österreich immer geliebt, aber da war immer dieser Ge­gensatz, dieser Widerspruch. Die beiden sind später auch wieder nach Österreich gereist, und es hat Ihnen gefallen. Doch niemals wieder würden sie dort leben können, das haben sie mit aller Deut­lichkeit zum Ausdruck gebracht.

 

 

Welches Bild von Österreich ist Ihnen von ihren Eltern vermittelt worden?

 

 

Ich habe zwei verschiedene Bilder von Österreich in meinem Kopf: Eines bezieht sich auf die Zeit vor dem Anschluss und eines zeigt die Geschehnisse danach. Wie gesagt, meine Eltern hatten eine sehr innige Beziehung zu Österreich. Nach 60 Jahren in Argentinien fühlten sie sich noch immer mehr als Öster­reicher denn als Argentinier. Meine El­tern waren gute Staatsbürger. Genauso wie meine Großeltern. Sehr anständige Leute, überall gerne gesehen. Als Hitler in Österreich einmarschierte und einige Nazi-Schergen in das Gebäude eindran­gen, in der sich die Wohnung meiner Großeltern mütterlicherseits befand, ver­steckten die Nachbarn meine Großeltern und meine Mutter bei sich. Auf die Frage, ob sich in diesem Haus Juden befänden, schüttelten alle den Kopf.

 

Unsere Familie oder besser die bei­den Familien, die meines Vaters und die meiner Mutter, waren äußerst be­liebt, hatten eine gute Stellung in der Gesellschaft. Meine Großeltern mütter­licherseits sind leider Gottes nicht nach Argentinien nachgereist, sondern gingen nach Belgien, wurden dann dort gefan­gen genommen und in Konzentrations­lager gebracht.

 

Viele Österreicher, mit denen meine Mutter und mein Vater in Kontakt stan­den, beschützten und halfen ihnen, wo sie nur konnten. Es waren auch Öster­reicher, die meinen Großeltern halfen, versteckt nach Belgien zu gelangen. Mein Großvater (mütterlicherseits) war Sozialdemokrat und alle seine Freunde waren gegen den Nazismus.

 

Meine Eltern hatten also das große Glück Menschen zu kennen, die sich gegen den breiten Strom stellten. Dass die Mehrheit der Österreicher aber mit den Nazis sympathisierte, das konnten sie diesem Land niemals verzeihen.

 

 

Sprach man in Ihrer Familie in Argen­tinien noch Deutsch?

 

 

Ja. Die erste Sprache, die ich lernte war Deutsch. Wir besuchten außerdem eine deutsche Schule in Palomar, in der Provinz Buenos Aires, wo wir wohnten. Unser Kontakt mit der jüdischen deutschsprachigen Bevölkerung in Buenos Aires war auch sehr intensiv.

 

 

Hatten ihre Eltern Schwierigkeiten sich in die argentinische Gesellschaft zu integrieren?

 

 

Sehen Sie, sie hatten ihre Heimat ver­lassen müssen, der Schmerz darüber saß tief. Ich denke, es ist nie leicht, sich als Vertriebener einem neuen Kultur­kreis anzupassen. Aber sie wurden hier herzlich empfangen. Spanisch haben sie Schritt für Schritt gelernt, und dort wo sie wohnten, wurden sie sehr gut aufgenom­men, wurden stets von allen gemocht.

 

Sie hatten sowohl ihre deutschspra­chigen als auch ihre argentinischen Freundeskreise. Eine gute Mischung der beiden Kulturen, wenn Sie so wollen. Buenos Aires ist ein multikultureller Ort. Die Italiener, die Spanier, die Araber, die Juden... Natürlich gab und gibt es trotz allem viele Vorurteile und Anfeindungen. Der Antisemitismus ist auch nie ganz verschwunden.

 

Meine Eltern waren glücklich in Ar­gentinien, sie passten sich an, behiel­ten aber auch viel von ihrem österrei­chischen Wesen.

 

 

Österreichisches Wesen.. was darf man sich darunter vorstellen?

 

 

Zum Beispiel Pünktlichkeit. Das haben sie auch auf uns Kinder übertragen. Dann die frühen Essenszeiten, die Jause, die österreichischen Gerichte. Und ich habe viele dieser Traditionen weiter geführt.

 

 

Waren Sie selbst schon einmal in Ös­terreich?

 

 

Zweimal; ganz spezielle Erfahrungen waren das...

 

Ich möchte voranstellen, dass mich vieles anzieht, dass mich vieles interes­siert, das - auf welche Art auch immer - mit Österreich verbunden ist. Ich war in Wien, ich liebe Wien - was für ein schöner Ort! Ich war in Wien, als dieser Haider die Wahlen gewonnen hatte. Mir gefällt dieser Kerl nicht, nur um es gleich zu sagen. Und ich sah diese Welle der Euphorie und der Sympathie für diese Politik, für diese Einstellung. Ich habe dann mit vielen Leuten in Wien darü­ber gesprochen, und keiner hat sich als FPÖ-Wähler zu erkennen gegeben. Wer würde sich auch mir gegenüber als sol­cher zeigen?

 

Sonst fühlte ich mich in Österreich auf seltsame Art und Weise zuhause, ich habe ja die doppelte Staatsbürgerschaft. Wissen Sie, die Gewohnheiten, das Es­sen, das alles war mir bekannt. Es waren dieselben Gebräuche, die wir zuhause in Argentinien pflegten.

 

 

Würden Sie sagen, dass Ihre Eltern religiöse Juden waren?

 

 

Eher traditionell, aber gläubig, das auf jeden Fall.

 

 

Wie hat ihre Mutter1 auf die späten Entschädigungszahlungen aus Öster­reich reagiert?

 

 

Meine Mutter war froh über die Zah­lungen, wenngleich die Beträge gering waren. Sie freute sich weniger über das Geld, sondern mehr darüber, dass sich dieses Land endlich seiner Schuld be­wusst zu werden schien. Österreich zahl­te sehr, sehr spät. Man hat lange, lange Zeit versucht sich als Opfer darzustellen.

 

 

Roman Kaiser-Mühlecker,

 

GDIer an der Fundaciön Memoria del Holocausto, Buenos Aires

 

 

1 Der Vater war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben.

 

 

 

 

 

 

Flucht nach Argentinien

„Und die Frage: Wohin?"

 

Nach dem „Anschluss" konnten sich mehrere tausend österreichische Jü­dinnen und Juden ins ferne Argentinien retten. Dort hatte sich bereits um die Jahrhundertwende eine kleine, vorwie­gend aus dem russischen Zarenreich kommende jüdische Gemeinschaft for­miert. Die wirtschaftlich prekären 1920er Jahren führten weitere jüdische Auswan­derinnen in das Land am Rio de la Plata. Darunter befanden sich auch Öster­reicherinnen, die später den Grundstein für die Flucht aus der „Ostmark" bilden sollten: Das argentinische Einwanderungsmodell sah nämlich die Verwen­dung der so genannten „llamada" (zu Deutsch: Ruf) vor: Jede Einwanderln, die über eine argentinische Aufenthalts­genehmigung verfügte, durfte - unter be­stimmten Auflagen (Einkommensnach­weis, etc.) - Verwandte ersten Grades ins Land holen.

 

Auf diesem Weg kam ein großer Teil der österreichischen Exilantlnnen direkt nach Argentinien. Andere mussten jedoch abenteuerliche Routen einschlagen. Um­wege über Bolivien, Uruguay oder Paraguay, führten die meisten aber schlus­sendlich ins pulsierende, kosmopolitische Buenos Aires. Die Neulinge hatten es zu Beginn nicht leicht in dem Land, dessen Sprache sie nicht beherrschten.

 

Jüdische Hilfseinrichtungen, gegrün­det von jenen, die noch vor der nazistischen Repression nach Argentinien ge­kommen waren, linderten die erste Not der Ausgewanderten. Sie versorgten sie sie mit dem Notwendigsten, verhalfen den Flüchtlingen zu Wohnungen und Ar­beitsstellen. Außerdem organisierten sie Spanischkurse, um die größte Barriere für eine Integration in die argentinische Gesellschaft zu durchbrechen.

 

Dass sich die 1938 geflüchteten Öster­reicherinnen heute auch als Argentinier empfinden, darf als Verdienst der einhei­mischen Bevölkerung angesehen wer­den. Eine Emigrantin erzählt: „Wir haben diesem Land viel zu verdanken, es hat uns mit offenen Armen empfangen!" R.K.

 

 

Buchtipp:

 

Alfredo SCHWARCZ, Trotz allem... Die deutsch­sprachigen Juden in Argentinien, Wien u.a. 1995.

 

 

 

 

Das Museo del Holocausto in Buenos Aires

 

Die Fundaclon Memoria del Holo­causto (FMH) wurde 1993 mit dem Ziel gegründet, ein Holocaustmuseum in Buenos Aires einzurichten, um das Be­wusstsein für die Verbrechen des NS-Regimes in der argentinischen Gesell­schaft zu verankern. Eröffnet wurde das Museum 1999, drei Jahre später wurde die Dauerausstellung „Bilder der Shoa" installiert. Seither fanden 22 Wander­ausstellungen aus aller Welt ihren Platz in dem Museum. Die Institution verfügt außerdem über eine ständig wachsende Bibliothek. Sie führt Bildungsveranstal­tungen durch, empfängt Schulklassen1 und organisiert Zeitzeuglnnengesprä-che - im Museum selbst, in Schulen (auch in Polizeischulen), in Heeresein­richtungen, in der Stadt Buenos Aires wie im Landesinneren.

 

Das Museum sieht seine Aufgabe darin, in der Gesellschaft zugunsten einer Wertschätzung von kultureller Vielfalt zu wirken. Die Besucherinnen des Museums und die Teilnehmerin­nen der Veranstaltungen sollen für die verschiedenen Formen von Antisemitis­mus, Rassismus und generell von Dis­kriminierung sensibilisiert werden. Die Legislative von Buenos Aires bedankte sich 2006 für die Bemühungen des Mu­seums, indem sie es als einen „Ort von kulturellem Interesse" würdigte.

 

R.K.

 

 

1 2006 besuchten über 250 Bildungseinrichtungen und insgesamt über 12.000 Schülerinnen das Mu­seum.