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Ausgabe 1/07


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Gedenkdienst im Altersheim „Adolfo Hirsch"

Die Asociación Filantropica Israelita (AFI) - der Hilfsverein Deutschspre­chender Jüdinnen und Juden - wurde am 26. April 1933 von Adolfo Hirsch, Ernesto Oppenheimer und Ricardo Sadler gegründet. Die Gründer und Gründungs­mitglieder des Vereins waren allesamt Juden deutschen Ursprungs.

 

Der Nationalsozialismus erreichte rasch die deutsche Kolonie in Argentini­en. So erlebte Doktor Jose S. Weil, ein Gründungsmitglied der AFI und Mitglied des deutschen Krankenhauses in Bu­enos Aires, wie in einer Versammlung kurz nach der Machtergreifung Hitlers im Jänner 1933 ein Arzt des Kranken­hauses und Parteigänger der Nazis den Ausschluss der "nicht-arischen" Mitglie­der aus der Mitgliederversammlung forderte. Der damalige Präsident des Hospitals war aber Jude deutscher Her­kunft und mit ihm auch einige Mitglieder. Sie konnten diesen ersten Versuch der Gleichschaltung abwenden.

 

Bald darauf riefen deutschsprachige Juden als Ergebnis einer Analyse der Situation in Deutschland und ihrer Aus­wirkungen auf Argentinien einen Wohltä­tigkeitsverein ins Leben, der Emigrantin­nen behilflich sein sollte: die AFI. Ihnen war bereits klar, dass die nationalsozia­listische Regierung die Lebenssituation der Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht nur verschlechtern, sondern ein normales Leben in der Heimat unmög­lich machen würde.

 

Und es gab viel zu tun: Einreiseerlaub­nisse mussten aufgetrieben und Arbeits­möglichkeiten gesucht werden. Man bot außerdem Spanischkurse an, da viele Einwanderinnen mit schlechten bis gar keinen Sprachkenntnissen nach Argentinien kamen. Im Lauf der Jahre traten neue Aufgaben hinzu: Ein Kindergarten wurde gegründet, weil viele Mitglieder des Vereins Kleinkinder hatten, aber bei­de Elternteile arbeiten mussten, um die Familie zu erhalten. Da auch ältere Jü­dinnen und Juden aus Deutschland mit ihren schon erwachsenen Kindern nach Argentinien flohen, schuf man 1940 ein Altersheim. Das passende Grundstück wurde in San Miguel, einem Vorort im Nordwesten von Buenos Aires, gefun­den. Am 20. Oktober 1940 war es dann so weit: der Hogar Adolfe Hirsch (HAH) öffnete seine Pforten. Die Mittel zum Kauf, zur Erhaltung und zum Ausbau dieser ca. 3 Hektar großen Quinta (Quin­ta = Villa in einem Vorort mit großem, privaten Park) kamen und kommen aus Spenden der AFI-Mitglieder, aus Fonds der Claim Conference und Mitteln der deutschen Wiedergutmachung. Die Be­wohnerinnen bezahlen ihren Aufenthalt, allerdings wird der zu leistende Betrag auf ihre finanziellen Möglichkeiten ab­gestimmt.

 

 

Die Struktur des Heims

 

Anfangs hatte das Heim nur eine Ka­pazität für 21 Bewohnerinnen. Schon ein Jahr nach der Eröffnung wurde durch den Bau eines neuen Flügels auf 60 Betten aufgestockt. In den ersten Jahren gab es noch keine medizinische Assistenz im HAH, für die Betreuung von alten und gebrechlichen Klienten erwies sich diese jedoch bald als unabdingbar. Heute ist rund um die Uhr mindestens ein Arzt im Heim. Der Hogar wuchs immer weiter, machte einige Veränderungen durch, neue Gebäude wurden gebaut und alte abgerissen, bis er schließlich seine heu­tige Größe erreichte. Insgesamt arbeiten im Heim über 200 Personen: 30 Fach­leute aus verschiedensten Bereichen der Medizin, 150 Altenpflegerinnen, Büroangestellte, Küchen- und Sicherheits­beamte, Gärtnerinnen. Das Heim bietet Platz für fast 200 Personen, die in drei verschiedenen Wohnbereichen unterge­bracht werden. Das Durchschnittsalter der Bewohnerinnen beträgt an die 90 Jahre (zum Vergleich dazu liegt die mitt­lere Lebenserwartung in Argentinien bei 76 Jahren, in Österreich bei 79 Jahren), mehr als die Hälfte sitzt im Rollstuhl. Die meisten Bewohnerinnen sind Jüdinnen und Juden deutscher Herkunft. Öster­reicherinnen, Ungarinnen, Polinnen und Argentinierinnen stellen die Minderheit dar. Bis vor einigen Jahren war der Ein­tritt ins Heim konfessionell gebunden.

 

Die Zimmerzuteilung hängt in erster Linie von der körperlichen Verfassung des jeweiligen Klientinnen ab. Leute die noch relativ selbstständig sind, werden im sogenannten „Sector 6" einquartiert. Dieses Wohngebäude befindet sich et­was abseits vom eigentlichen Haupt­gebäude, der SAE (Sector de Atención Especializada). Näher an der SAE liegt der kleinste Wohnbereich des Hogar, der „Sector 4". Hier leben etwas gebrechli­chere Bewohner, die mehr Pflege und Hilfeleistung brauchen. Jene Heimbe­wohnerinnen, die durch körperliche und/ oder geistige Einschränkungen schon intensiver Pflege bedürfen, werden in der SAE selbst untergebracht. Dieses Gebäude ist das Herz des Heimkomple­xes und besteht aus folgenden Sektoren: acht Gängen mit Zimmern für ein bis drei Personen, der UCE (Unidad de Cuidado Especializado - hier werden die Leute nur zeitweilig untergebracht, wenn sie sich verletzt haben oder ihr körperlicher Zustand ständige ärztliche Betreuung verlangt), dem Speisesaal „Marc Cha­gall" (für die Bewohnerinnen, die selbst­ständig essen), dem Speisesaal „La Pa­loma" (für jene Bewohnerinnen, die Hilfe bei der Nahrungsaufnahme brauchen), Kinesiologie, Beschäftigungstherapie, Frisiersalon und Küche. Die SAE ist der Hauptarbeitsbereich des Gedenkdieners im Hogar Hirsch.

 

 

Die Arbeit des Gedenkdieners

 

Seit 2005 entsendet Gedenkdienst eine Zivilersatzdienstleistenden an das Altersheim, ich bin also nach meinem Vorgänger Robert Hafner erst der zweite an dieser Stelle. Die Arbeitswoche glie­dert sich in zwei Teile: Jeweils einen Tag verbringe ich im Büro der AFI in Buenos Aires. Dort beschäftige ich mich mit Pfle­gegeldanträgen und nehme Kontakt mit österreichischen Mitgliedern der AFI auf, die nicht im Heim wohnen.

 

Vier Tage pro Woche verbringe ich aber im am Stadtrand gelegenen Hogar als Teil einer Gruppe von Freiwilligen, die von Montag bis Freitag verschiedene Aktivitäten vorbereiten und durchführen: Musikworkshops und -therapie, Diskus­sionsgruppen, Yoga-Workshop, Herstel­lung von Marmeladen, Bingo etc. Nach­dem eine Volontärin ausgefallen war, die Mittwochs Nachrichten in Deutsch präsentiert hatte, übernahm Robert die­se Aufgabe und gab sie an mich weiter. Ich bereite also die Nachrichten vor und verlese sie dann in einer Kleingruppe. Oft entspinnen sich Diskussionen mit den Teilnehmerinnen. Das stärkt den persönlichen Kontakt.

 

Viele Heimbewohnerinnen haben Verwandte und Bekannte, die sie nicht oft besuchen können, aber trotzdem den Kontakt nicht verlieren wollen. Die ein­fachste Möglichkeit ist der Austausch von Neuigkeiten via Email. Einziges Hindernis: Vielen der betagten Bewoh­nerinnen des Hogar fällt der Umgang mit Computern schwer. Daher helfe ich zwei Mal pro Woche beim Lesen und Schreiben von Emails. Diese Arbeit wird von den Bewohnerinnen sehr geschätzt, da sie dadurch mit ihren Freundinnen und Verwandten leichter in Verbindung bleiben können. Als Zivildiener profitie­re ich durch den persönlichen Kontakt mit den Hilfesuchenden. Ich lerne so nebenbei ihre Geschichte kennen, da sie natürlich erzählen, wer ihnen welche Mails schreibt und wieso. Aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters und schlechten Gesundheitszustands sitzen viele Heim­bewohnerinnen im Rollstuhl. Um das auszugleichen und den Körper vor ei­nem weiteren Verfall zu bewahren, wer­den in der Kinesiologie die Knochen und Muskeln der Patientinnen bewegt: Leu­te, die noch gehfähig sind, werden zu kleinen Spaziergängen begleitet. Andere werden mit gezielten, leichten Schlägen massiert, um Körperfunktionen zu reak­tivieren. Da das Gelände des HAH sehr weitläufig ist und viele Bewohnerinnen mindestens zweimal pro Woche in die Kinesiologie müssen, ist der Transport der Klientinnen ein Problem. Hier eröff­nete sich daher ein drittes Arbeitsfeld des Gedenkdieners. Dabei ergeben sich wiederum Gelegenheiten, mit den Leu­ten zu reden und ihnen zuzuhören.

 

 

Ein Resümee meiner bisherigen Erfahrungen

 

Ich habe die Arbeit im Hogar Hirsch als eine wunderbare Möglichkeit ken­nen gelernt, meine Sozialkompetenz zu schulen und mit interessanten Leuten in Kontakt zu treten. Ich arbeite mit alten, teilweise schwachen und gebrechlichen Menschen, die einen besonderen Teil unserer europäischen und österreichi­schen Geschichte am eigenen Leib mit­erlebt haben. Viele wollen erzählen, wie es ihnen ergangen ist. Man merkt, wie stark sie die erzwungene Emigration ge­prägt hat. Sie brauchen viel Aufmerk­samkeit und der Gedenkdiener muss Geduld und Ruhe aufbringen. Das ist es aber wert, da man von den Bewoh­nerinnen viel zurückbekommt. Natürlich sollte man für diese Art von Zivildienst kommunikativ und kontaktfreudig sein. Auch gute Spanischkenntnisse sind vor­teilhaft. Aber am wichtigsten scheint mir, dass man sich nicht verstellt und den Leuten mit Offenheit entgegentritt.

 

 

Georg Sommerbauer,

 

seit August 2006 GDler im Hogar