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Ausgabe 1/07


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Clash of Narratives oder die Flucht aus der Realität

Florian Wenninger versucht in seinem Artikel „Clash of Narratives" (Gedenk­dienst 1/2006) die sehr divergierenden Meinungen der sogenannten „Neuen Historiker" zusammenzufassen.

Einige von diesen haben einen wert­vollen Beitrag zur Weiterentwicklung der Historiographie geleistet, andere bege­hen gerade die Fehler, die sie pauschal der „alten" Geschichtsschreibung vor­werfen: Sie verbreiten Mythen, Ideologie und Indoktrination.

 

 

Unmittelbar nach der Entstehung Isra­els gab es tatsächlich eine Geschichts­schreibung im national-epischen und romantischen Stil, die zu Recht kritisiert wurde.

 

Der Sechs-Tage-Krieg 1967 bildete einen Wendepunkt in der zionistischen Historiographie. Themen, die bis dahin fast tabuisiert waren, wie das Verhältnis des Zionismus zu der Notlage des euro­päischen Judentums vor, während und nach der Schoah sowie das Verhältnis der Juden zur arabischen Welt wurden nun aufgegriffen. Der anerkannte His­toriker Yehuda Bauer - der nicht zu den „neuen Historikern gehört - schrieb be­reits in seinem ersten, 1970 publizierten Buch: „Die Antwort des Yishuv (und im Allgemeinen des Judentums der Welt) auf die Nachrichten über die Vernich­tung des europäischen Judentums ist eine der entscheidenden und schreck­lichsten Themen, welche die moderne Jüdische Historiographie konfrontieren. Gewisse Aspekte dieser Sache sind bis jetzt nicht geklärt, geschweige denn ent­schieden."1

 

Tom Segev versucht den Eindruck zu erwecken, die israelische Geschichts­schreibung habe mit seinen Bestsellern erst begonnen. Jedoch veröffentlichte Yehuda Bauer schon lange zuvor seine wichtigen Werke. Tom Segevs Erklä­rung, sie seien nicht „neue", sie seien die ersten Historikerinnen Israels gewesen hat also nichts mit der Realität zu tun. Sein von Florian Wenninger zitierter Vor­wurf, „den Zionisten sei es nicht gelun­gen, ihr wichtigstes Versprechen wahr zu machen und die jüdische Bevölkerung auf der Welt zu schützen", gehört in den Bereich der politischen Agitation. Wie hätten zionistische Führer ein sol­ches Versprechen vor 1948 abgeben können? Ohne eigenen Staat, selbst in gefährdeter Position, wie sich das 1942 während der Schlacht um El Amein her­ausstellen sollte.

 

Der Vorwurf von Segev projiziert Wer­te, Konzepte und Realitäten von heute in die Vergangenheit, um die Führer der zionistischen Bewegung moralisch ver­urteilen zu können. Das hat mit kritischer Geschichtsschreibung nichts zu tun.

 

Zwar sahen die Zionisten (und da ma­che ich keinen Unterschied zwischen linken und rechten) die Katastrophe kommen, doch mit der Schoah haben sie nicht gerechnet. Die jüdischen Geg­ner des Zionismus, die nach der Schoah verstummten, sind verborgen hinter der modischen Maske des „Postzionismus" wiedergekehrt, um die „Monopolisie­rung" der Schoah durch die Zionisten zu verdammen, das besondere an der Schoah zu leugnen und diese als einen von vielen Genoziden zu verharmlosen.

 

Tom Segev weist darauf hin, dass rechte israelische Politiker Yassir Arafat mit Hitler gleichgesetzt haben. Linke is­raelische Historiker haben jedoch ge­rade während des Libanonkrieges die Haltung der eigenen Regierung mit jener der Nazis verglichen und der im deut­schen Sprachraum bekannte linke isra­elische Historiker Moshe Zimmermann ging sogar so weit die Bibel mit „Mein Kampf zu vergleichen.2 Der Historiker llan Pappe, Professor an der Universität Haifa, gehört zu den denjenigen, die eine Verbindung zwischen dem Schicksal der Palästinenser und der Schoah herstel­len. Er ignoriert die Periode des jüdisch­arabischen Konflikts vor 1948, denn würde er sich damit befassen, müsste er von den 1929 in Hebron und Zfat an nichtzionistischen Juden begangenen Massakern sprechen. Pappe argumen­tiert, dass die Palästinenser Opfer der Schoah sind, wie es die Juden waren. Indem Pappe die Schoah mit einigen isolierten Gräueltaten vergleicht, die in einer Lage des gegenseitigen Kampfes 1948 geschahen, verharmlost er gröb­lich die Schoah.3

 

 

Der Yishuv und die „Transfer-Lösung"

 

Florian Wenninger schreibt an zen­traler Stelle seines Texts: „Zwar konnte Morris nicht die Existenz eines vorge­fassten israelischen Planes zur Vertrei­bung der autochthonen arabischen Be­völkerung zweifelsfrei belegen, etwa in Form eines eindeutigen Befehls." Damit unterstellt er, dass Morris etwas zwei­felsfrei belegen wollte. Nach Sichtung des Materials kam dieser jedoch zu dem Schluss, dass es einen solchen Plan nicht gegeben hatte. Immerhin blieben auf is­raelischem Gebiet 150.000 bis 160.000 Araber, während auf arabischem Gebiet kein einziger Jude bleiben durfte.

 

Wenninger zitiert die wahrheitswid­rige Behauptung Pappes, „innerhalb der Eliten des Yishuvs habe die so genannte „Transfer-Lösung", also die Vertreibung der ansässigen arabischen Bevölkerung immer eine wichtige Rolle gespielt". Auch hier ist es wichtig den historischen Kon­text zu kennen, bevor man urteilt: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde ein Bevölkerungstransfer zwischen der Türkei und Griechenland vollzogen. Die britische Peel-Kommission machte unter Bezug auf diese Erfahrung 1937 den Vor­schlag, das Mandatsgebiet zu teilen und die Juden aus dem arabischen und die Araber aus dem jüdischen Teil zu trans­ferieren. Das Thema wurde 1941 wieder aktuell. Die britische Labourpartei forder­te nicht nur die Abschaffung des 1939 von den Briten erlassenen Weißbuchs, das gerade zur Zeit der größten Not die jüdische Einwanderung in das Man­datsgebiet radikal beschränkte, sondern sie propagierte auch als Teil der Lösung des Palästinaproblems die Umsiedlung der Araber in ein benachbartes Land.. Während des Zweiten Weltkrieges hatte man auch den Transfer der Wolgadeut­schen und der Tschetschenen in den asi­atischen Teil der Sowjetunion vor Augen, der sofort nach dem deutschen Angriff durchgeführt wurde.

 

David Ben Gurion akzeptierte zwar 1937 den Vorschlag der Peel-Kommis­sion, sprach sich aber während der 1940er Jahre gegen einen zwangswei­sen Transfer aus, denn er glaubte nicht, dass die palästinensischen Araber dem zustimmen würden. Er sah daher diesen Plan als eine unrealistische Träumerei. Der Standpunkt von Mapai, der sozialde­mokratischen Arbeiterpartei, die damals eine führende Position einnahm, war auch in dieser Frage rein pragmatisch.

 

Ben Gurion und seine Genossen nah­men an, dass die siegreichen Alliierten nach dem schrecklichen Krieg bereit sein würden gordische Knoten zu durchhauen, um Probleme aus der Welt zu schaffen, die durch Verhandlungen nicht lösbar waren. Bei Erez Israel (Palästina) handelte es sich um solch einen Fall, denn die arabische Seite war zu keinem Kompromiss bereit. Erinnern wir uns an die Geschehnisse in Europa nach der Befreiung durch die Alliierten, als viele Millionen Menschen transferiert wurden. Millionen Polen wurden z.B. aus den pol­nischen Ostgebieten an die Oder-Neisse Grenze verfrachtet.

 

Der Prozentsatz der Nationalsoziali­sten war in Schlesien nicht höher als in Österreich (damals Ostmark), doch fällt es keinem seriösen deutschen Historiker ein, diesen Transfer rückgängig machen zu wollen. Die palästinensische Führung besteht aber bis heute darauf, dass die Ergebnisse des Unabhängigkeitskrieges von 1948 rückgängig gemacht werden. Das wird aus verständlichen Gründen von der überwiegenden Mehrheit der Is­raelis (mit wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel llan Pappe) nicht akzeptiert.

 

 

Rechtsruck und Postmodernismus

 

Tatsächlich rückte ab Ende der 1970er Jahre die israelische Gesellschaft nach rechts und der Marxismus übte auch keine Anziehungskraft mehr aus. Eini­ge Israelis revoltierten, indem sie die intellektuelle Mode des Postmodernis­mus aus den Vereinigten Staaten (bzw. Frankreich) importierten. Sie kamen fast ausschließlich aus dem akademischen Bereich und ihre Hauptangriffe waren nicht gegen die Rechten sondern ge­gen den linken Zionismus gerichtet. Die Einwanderer aus der Sowjetunion und die längst schon eingesessenen Ein­wanderer aus den arabischen Staaten haben und hatten mit „Narrativen" und „Hegemonie" nichts am Hut. Natürlich sind die Postzionisten in keiner Frage einig. Manche geben sich als prinzipielle Gegner des Nationalismus, andere wie zum Beispiel Ilan Pappe identifizieren sich mit dem arabischen Nationalismus.

 

Die meisten „neuen Historiker" geben keine Antwort darauf, was nach 1945 mit den Überlebenden der Schoah hätte geschehen sollen. Es darf angenommen werden, dass sie der Meinung sind, Isra­el wäre besser nicht entstanden. Pappe hat dies explizit erklärt. Solche Auffas­sungen sind in Israel nicht tabuisiert und können diskutiert werden. Nur haben sie mit den realen Problemen des Lan­des herzlich wenig zu tun. Zionisten ha­ben vielen Tausend Juden während der Schoah gerettet und nach der Schoah Hunderttausende aufgenommen, die nicht in Europa und der arabischen Welt bleiben konnten und/wollten. In Polen, Ungarn und der Slowakei kam es noch in der Jahren nach der Befreiung zu Pogromen. Doch die meisten neuen Hi­storiker sind bestrebt, gerade von diesen Tatsachen abzulenken.

 

Florian Wenninger leitet seinen Bei­trag in der GD-Zeitung folgendermaßen ein: „Der nationale Konsens wird da­bei in Zeiten äußerer Bedrohung und rechter Parlamentsmehrheiten wesent­lich aggressiver verteidigt als noch vor fünfzehn Jahren." Diese Behauptung ist substanzlos.

 

In Israel werden diejenigen Partei­en, die an den 1967 eroberten Gebieten festhalten, als rechts qualifiziert. Die überwiegende Mehrheit der Israelis vertritt nicht diese Haltung und die ge­genwärtige Regierungskoalition hat die Räumung der meisten Siedlungen im Programm, kann daher gerade in diesem Punkt auch nicht als „rechts" qualifi­ziert werden. Der Gazastreifen wurde im Sommer 2005 geräumt.

 

Ilan Pappe agitiert dafür, die Universi­tät zu boykottieren, an der er selbst lehrt und die ihm sein Gehalt zahlt. Trotzdem kann er seine Lehrtätigkeit ungehindert fortsetzen. Ilan Pappes Beschwerde „Die Offenheit und der Pluralismus sind in Israel verschwunden" mag zwar ein mit Vorurteilen behaftetes ausländisches Publikum beeindrucken, hat aber mit der israelischen Realität nichts zu tun. Es genügt einen Blick in die online-Ausgabe von Haaretz zu werfen, um das Gegen­teil bewiesen zu bekommen.

 

 

„Nakba" - die Einseitigkeit des palästinensischen Narrativs

 

Unter der Überschrift „.Unabhängig­keitskrieg" versus ,Nakba'" formuliert Flo­rian Wenninger: „Nach dem Abzug der Briten hatte der Yishuv, wie sich die jü­dische Gemeinschaft in Palästina selbst nannte, einen eigenen Staat auf Basis des UN-Teilungsplanes proklamiert, und die arabischen Staaten hätten umgehend versucht, das junge Israel militärisch von der Landkarte zu tilgen." Der Konjunktiv „hätten" lässt darauf schließen, dass hier die Fakten der Geschichte umgeschrie­ben werden sollen, um dem arabischen „Narrativ" entgegenzukommen. Jedoch versuchten die arabischen Staaten tat­sächlich, das junge Israel militärisch von der Landkarte zu tilgen. Dieses bekam es zunächst mit einer Übermacht von fünf Invasionsarmeen zu tun.

 

Die erste Phase des Krieges setzte am Tag nach dem UNO-Beschluss zur Teilung Palästinas ein, als Araber am 30. November 1947 zwei jüdische Busse angriffen und sechs Juden töteten. Noch in Anwesenheit der britischen Truppen brach ein Bürgerkrieg zwischen dem Yishuv und den Arabern des Landes aus, denen ein paar Tausend Freiwillige aus den Nachbarländern zur Hilfe eilten. Die­se erste Phase des Krieges endete mit einer arabischen Niederlage. Die Zweite Phase begann am 15. Mai 1948, als die arabischen Invasionsarmeen, die eine bessere Ausrüstung und größere Feu­erkraft besaßen, den jungen jüdischen Staat angriffen. Während der ersten zwei Wochen der Invasion standen den Ara­bern mehr als 70 Kampfflugzeuge zur Verfügung, der Yishuv hatte nicht ein einziges. Nachdem die Israelis die Be­standteile der ersten vier tschechisch gebauten Messerschmidt-109-Flugzeu-ge zusammengesetzt und am 29. Mai in den Kampf gesandt hatten, wurden zwei sofort verloren. Während der kom­menden Monate hatten die Araber einen überwältigenden Vorteil bei Kampfflug­zeugen. Bis Ende Juni besaßen sie eine massive Überlegenheit bei allen schwe­ren Waffen.

 

Israel verlor etwas über 6000 Men­schen (ein Drittel davon Zivilisten) im Krieg. Das entspricht einem Prozent der damaligen Bevölkerung von 650.000 Personen. Überdies wurden zwei von hundert Einwohnern schwer verletzt. Umgerechnet auf das heutige Österreich würde das bedeuten, dass binnen etwas mehr als ein Jahr 80.000 Österreicher getötet würden.4

 

Wenninger sucht die Ursache für den Sieg über die arabischen Armeen in der „mangelnden arabischen Koordination und der vergleichsweise besseren Be­waffnung des Yishuvs". Bis zum Spät­sommer 1948 existierte eine solche bes­sere Bewaffnung (siehe oben) nicht. Die von Wenninger kolportierte Sichtweise hat mit seriöser Geschichtswissenschaft nichts zu tun. Damit möchten nur einige „neue Historiker" wieder einmal dem ara­bischen „Narrativ" entgegenkommen.

 

Dass im palästinensischen Narrativ das Jahr 1948 als „Nakba" als Urkatastrophe gilt, ist nachvollziehbar. Doch die palästinensische Nationalerzählung erwähnt lediglich die Massaker, die Ju­den an Palästinensern begangen ha­ben und keine von Palästinensern an Juden begangenen Massaker. Gerade Benny Morris, dessen Werk „The Birth of the Palestinian Refugee Problem 1947-1949" Wenninger anführt, hat aber auch diese registriert. Und wie steht es mit den behaupteten „großflächigen Vertrei­bungen"? Die meisten der damals rund 650.000 Araber flüchteten im Zuge der Kriegshandlungen und wurden nicht ver­trieben.

 

Florian Wenninger hat zwar richtig vorausgesagt, dass es zu einer großen Koalition in Israel kommen wird; er hat sich aber geirrt, als er meinte, das Un­terrichtsministerium würde einer der kleineren religiösen Parteien zufallen. Er stellte damit die Drohung einer insti­tutionellen Entscheidung der Diskussion über die legitime Sicht auf die israelische Geschichte in den Raum. Jedoch heißt, wie wir heute wissen, die Unterrichts­ministerin Juli Tamir und ist Mitglied der Arbeiterpartei. Die Auseinandersetzung über Historiographie wird in Israel sicher nicht institutionell, sondern durch Argumente entschieden werden.

 

 

Karl Pfeifer,

 

Journalist und Buchautor

 

1 Yehuda Bauer, Diplomatsia ve-machteret ba-medini-ut hazionit 1939 -1945 [Diplomatie und Widerstand in der zionistischen Politik 1939-1945], Merchavia 1970, S. 232.

 

2 Interview mit Zimmermann in den mit Yediot Aharo-not verbundenen Lokalzeitungen am 28.4.1995.

 

3 Karl Pfeifer, Neue Historiker" ersetzen Tatsachen durch Narrative (www.nahost-politik.de/israel/wis-senschaft/historiker.htm).

 

4 Benny Morris, The Ignorance at the Heart of an In-nuendo. And Nowfor Some Facts, in: New Republic, 5.8.2006.