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Ausgabe 1/07


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Kärnten. Im Land der Abwehrkämpfer.

Gedenken an den Kameraden Oskar Kraus

 

 

„Meiner Überzeugung und meinem Bekenntnisse zu der Idee und zu der Bewegung, der ich bis zum traurigen Ende dienen durfte, blieb ich auch jetzt treu, verleugnete nichts, schämte mich nicht, für Führer und Reich gearbeitet und gelitten zu haben, und nach dem Zusammenbruche stand ich in den engl. Anhaltelagern und in den Arbeitslagern nach meiner Verurteilung und ebenso wie heute ungebeugt und ungebrochen zu unserer großen jüngsten Vergangen­heit. Mag sie auch verleugnet und be­sudelt werden, sie ist das Samenkorn für ein Wiedererstehen eines noch herr­licheren deutschen Vaterlandes." Dies vermerkte der in Villach lebende und 1887 in Wien geborene Oskar Kraus 1965 acht Jahre vor seinem Tod in ei­ner autobiographischen Rückschau auf sein Leben. Sein Beruf als Bedienste­ter der k&k Staatsbahn hatte ihn 1910 für zwei Jahre nach Kärnten, dann in die Steiermark geführt, von wo er 1916 als „Beamte in gehobener Verwendung" endgültig nach Villach zurückkehrte. Seine politische Karriere begann etwas später mit einer kleinen Nebenrolle als völkischer Agitator bei der Kärntner Volksabstimmung am 10. Oktober 1920 - heute Kärntner Landesfeiertag - und erreichte ihren Höhepunkt, als Kraus von 1938 bis 1945 als nationalsozialistischer Oberbürgermeister von Villach amtierte. Zwischen diesen beiden Eckdaten lie­gen 18 Jahre antisemitische und antis­lowenische Agitation und Hetzarbeit in deutsch-völkischen Vereinen, die Arbeit als nationalsozialistischer Gemeinderat in Villach während der 1920er Jahre, seine Funktion als Gauredner und als Lei­ter des illegalen Gauamtes für Kommu­nalpolitik in den Jahren 1934 bis 1938. Mehrfach wurde er in diesem Zeitraum wegen illegaler nationalsozialistischer Betätigung verhaftet, 1945 folgte eine Internierung im Entnazifizierungslager Wolfsberg. Am 19. August 1947 hatte er sich wegen illegaler NSDAP-Mitgliedschaft zwischen 1934 und 1938 vor dem Grazer Volksgericht zu verantworten, wo er wegen Hochverrates nach dem Ver­botsgesetz und angesichts seiner hohen NS-Funktion zu 20 Monaten schwerer Kerker bei gesamtem Vermögensverfall verurteilt wurde. Am 19. April 1948 wur­de der nunmehr 61-jährige Oskar Kraus auf Bewährung frühzeitig entlassen und abgesehen von einem kurzen Versuch, mit der Nationalen Liga noch einmal im Villacher Gemeinderat reüssieren zu können, trat er 1953 endgültig in den Ruhestand. Seit 1950 erhielt der Kriegs­unversehrte von den Österreichischen Bundesbahnen aufgrund einer Einstu­fung in Versehrtenstufe 4 eine Pensi­onszahlung zuerkannt.

 

„Dein Bild eines Lebensgläubigen wird uns ebenso vor den Augen ste­hen bleiben wie das eines von Grund aus wahrhaftigen und treuen deutschen Mannes und eines selten guten Kame­raden", hieß es bei der Beerdigung am 6. Juni 1973 über Kraus, der im Kol­lektivgedächtnis der Villacherlnnen bis heute als „korrekter Nazi" und braver Beamter verankert blieb. Anstelle von Blumenspenden solle des Kärntner Abwehrkämpferbundes gedacht werden, hatte auf seiner Parte gestanden, jener Vereinigung also, die sich - so steht es heute auf ihrer Website - als „Vertretung der Rechte und Interessen der Deutsch­kärntner Bevölkerung im Grenzland" versteht und gemeinsam mit dem Kärn­tner Heimatdienst seit Jahrzehnten die Minderheitenpolitik bestimmt und sowohl vom Land als auch von der Republik Österreich offiziell als Verhandlungspartner in der so genannten „Ortstafelfrage" an­erkannt wird.

 

Und wie es Oskar Kraus, respektive seiner hinterbliebenen Frau Risa ein An­liegen war, dem Abwehrkämpferbund zu gedenken, so ist es dem Abwehrkämp­ferbund bis heute ein Anliegen geblie­ben, das Gedächtnis an Oskar Kraus hochzuhalten.

 

 

Ein Denkmal aus dem Jahr 2002

 

 

Mehr als 30 Jahre nach seiner Beerdingung findet Oskar Kraus als „Ab­wehrkämpfer" und „KHD Einsatzleiter" den Weg auf ein Denkmal, das am 14. September 2002 im Zuge eines groß angelegten Denkmalprojektes des Landes Kärnten - initiiert von Landes­hauptmann Haider - bei der Freizeit­anlage am Villacher Silbersee enthüllt wird. Kein monumentales Heldendenk­mal, kein Pathos auf der Inschriftentafel, keine weiteren, namentlich genannten „Abwehrkämpfer", einfach nur Oskar Kraus mit oben genannten Funktionen auf einem Metallrelief, das kartogra­phisch auf die Abstimmungszonen von 1920 verweist. Unauffällig, einfach im Raum. Das Denkmal ist eines von insge­samt acht Erinnerungszeichen entlang des Drauradweges, das mit Hilfe der so genannten „Abstimmungsspende" des Bundes anlässlich des 80-jährigen Volksabstimmungsjubiläums im Jahre 2000 realisiert wurde. Das Projekt lief unter dem Stichwort „bildungspolitische Maßnahme". Beteiligt waren neben den Gemeinden ein vom Landeshauptmann ernanntes Historikerteam (Alfred Ogris, Claudia Fräss-Ehrfeld, Gernot Piccotini) sowie der Kärntner Abwehrkämpferbund. Im südlichsten Bundesland hat­te schon bisher kein Mangel an „Ab­wehrkampfdenkmälern" geherrscht, der neu geschaffene „historische Lehrpfad" fügte sich also bruchlos in die jahrzehn­telang gepflegte Traditionslinie der Kärn­tner Geschichtspolitik. Die Denkmäler sollten, so Haider gegenüber dem Kurier vom 4. April 2001, „den Bezug der jewei­ligen Gemeinde zum 10. Oktober 1920 herstellen." Ferner wurde im Zuge des einsetzenden Gerangeis um die Vertei­lung der Abstimmungsspende - immer­hin die Summe von 55 Millionen Schilling - allgemein bemerkt, dass das Geld nur für „sinnvolle Großprojekte" ausgegeben werde.

 

Was blieb, ist im Wesentlichen ein Denkmal, auf dem ein Nazi als „Abwehr­kämpfer" gewürdigt bzw. öffentlich reha­bilitiert wird. Dazu kommt das gewohnt bescheidene Resümee des Kärntner Landeshauptmannes, der anlässlich der Präsentation des „Abstimmungsgedenk-Radweges" im Jahr 2003 erklärte, dass es sich um eine „tolle Initiative in Koo­peration mit den Gemeinden und His­torikern" gehandelt habe. Damit sei „die Geschichte Kärntens [...] aufgearbeitet worden."

 

Was fehlte, war ein Aufschrei der Kärntner Öffentlichkeit und der Kärntner Medien. Diese berichteten im Kontext der Denkmalsetzung zwar ausführlich über einen Finanzierungskonflikt zwischen Land Kärnten und Stadt Villach, sie verabsäumten allerdings zu bemer­ken, dass unter Rekurs auf „Abwehr­kampf" und Volksabstimmung eine Na­ziprovinzgröße zum ehrenwerten Vorbild stilisiert wurde.

 

 

Das Forschungsprojekt

 

 

Die demokratiepolisch inakzeptable Denkmalsetzung sowie das Ausbleiben von öffentlichen Protesten gaben Anlass für ein Forschungsprojekt des Villacher Vereins Industriekultur und Alltagsge­schichte, in dem einerseits der bislang unbearbeiteten politischen Biographie von Oskar Kraus nachgingen und andererseits die Frage nach dem Prozess der Denkmalsetzung in einem überge­ordneten Kontext, nämlich dem Kärntner Landesfeiertag, stellten: Geschichte(n) über den 10. Oktober, über seinen Wer­degang zum Landesfeiertag, über seine Tradierungsformen und seine antisiowenische Erinnerungsgeschichte, über das Verhältnis der Kärntnerinnen zu „Volks­abstimmung und Abwehrkampf", über die damit verbundenen gesellschaft­lichen Verflechtungen und vor allem über die Zusammenhänge zwischen Kärntner Abwehrkampftradition und Nationalsozi­alismus.

 

Die Ergebnisse dieser Untersuchung liegen seit Oktober 2006 als Publikation der edition kärnöl vor. Sie beleuchtet die dichten atmosphärischen Verflechtungen zwischen Vergangenem und Gegenwär­tigem vor dem Hintergrund des Rechts­rucks seit dem Jahr 2000, rekonstruiert den politischen Werdegang von Oskar Kraus und bietet eine Edition der bis dato unveröffentlichten Autobiographie aus dessen Privatnachlass.

 

 

Lisa Rettl,

 

Historikerin, lebt und arbeitet in Wien.

 

 

 

Buchtipp:

 

Lisa Rettl / Werner Koroschitz,

 

Ein korrekter Nazi.

 

Oskar Kraus - NS-Oberbürgermeister von Villach. Kärntner Erinnerungsk(r)ämpfe. Drava Verlag (edition kärnöl), Klagenfurt/Celovec 2006. ISBN-10:3-85435-501 -7 | Preis: € 14,90

 

Zu bestellen bei Drava Verlag Fon: +43 / 463 / 501 099 | Fax -20 office@drava.at | www.drava.at