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Ausgabe 1a/07


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Chemiker und Humanist: Dr. Robert Tauber (1915-2000)

Robert Tauber wurde im März 1915 in Wien als Sohn von Julius und Hildegard Tauber geboren. Er wuchs bei seiner Mutter auf, da die Ehe seiner Eltern zerbrach, als Robert Tauber noch ein Kind war. Robert Tauber war Schüler des Akademischen Gymnasiums, wo er den humanistischen Klassenzug besuchte. Er war ein guter Schüler, sein besonderes Interesse galt Geschichte und Sprachen. Trotzdem begann er nach seiner Matura im Jahre 1934 an der Universität Wien Chemie zu studieren, da er später einen Beruf ergreifen wollte, dessen Ausübung auch im Ausland möglich sein könnte. Robert Tauber wurde in dieser Hinsicht auch von seiner Freundin und späteren Frau, Grete Klimont, beeinflusst, deren Vater an der Chemischen Fakultät der Technischen Hochschule unterrichtete. 1937 begann er im Radiuminstitut zu dissertieren.

 

Sofort nach dem Einmarsch der Deutschen im März 1938 musste er das Institut verlassen, da er Jude war. Am 10. November 1938 wurde Robert Tauber verhaftet und nach Dachau eportiert. Vier Wochen später gelangte er wieder in Freiheit, da Grete Klimont eine durch Geschicklichkeit erhaltene estätigung über eine Fahrkarte nach Shanghai vorgelegt hatte.

 

Exil in Shanghai

Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager heirateten Robert Tauber und Grete Klimont und es gelang ihm, tatsächlich eine Fahrkarte nach Shanghai zu bekommen.

In Shanghai lebte das Ehepaar Tauber zunächst in einem lüchtlingsheim in einem durch den japanisch-chinesischen Krieg schwer beschädigten Viertel, in dem 60 Personen in einem Raum schlafen mussten. Später konnte Robert Tauber durch seine Englischkenntnisse seine Position etwas verbessern und es gelang ihm, eine Stelle als Chemiker zu erhalten. Als die Firma aus Mangel an Rohstoffen schließen musste, musste er sich eine andere Arbeit suchen.

Mit dem Ausbruch des Ostasien-Krieges wurden die Lebensverhältnisse noch schwieriger. Als die letzte Firma, bei der er während des Krieges tätig war, von der japanischen Armee beschlagnahmt wurde, kündigte Robert Tauber selbst, da er nicht unter der japanischen Armee arbeiten wollte.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges begann Tauber in einer Seifenfabrik zu arbeiten und übernahm schon bald eine führende Stelle. Obwohl der österreichische Konsul in Shanghai sie vor einer Rückkehr nach Wien gewarnt hatte – die Lebensverhältnisse in Österreich seien auch für Personen in Taubers Stellung wesentlich schlechter als jene in Shanghai – kehrten Robert und Grete Tauber 1948 nach Wien zurück, wo Robert Tauber sein Studium beendete.

 

Zurück in Wien

In Wien lernte er Dr. Paul Löw-Beer kennen und unterstützte ihn bei seinen Plänen. Die Firma Loba Chemie wurde gegründet; Robert Tauber beschäftigte sich vorwiegend mit kaufmännischen Angelegenheiten. Später war er an der Gründung der Loba Feinchemie beteiligt, die 1975, als er in Pension ging, über Kunden in der ganzen Welt verfügte.

Das Ehepaar Tauber kümmerte sich nicht nur um berufliche Angelegenheiten, sondern trat auch für soziale Gerechtigkeit ein. Sie sahen die kommunistische Bewegung als wichtigste Kraft gegen den Nazifaschismus, wurden Mitglieder der Kommunistischen Partei, traten jedoch später des repressiven Charakters wegen wieder aus.

Robert und Grete Tauber bemühten sich stets, jungen Menschen aus ihrer Nachbarschaft, die in der Mittelschule Schwierigkeiten hatten, zu helfen.

Sie blieben kinderlos; Grete Tauber verstarb im Jahre 1980, Robert Tauber im Jahre 2000. Er beauftragte seinen besten Freund, Dr. Robert Rosner, mit der Verwaltung eines Großteils des Erbes. Dieser gründete schließlich den Tauber Fonds.

 

Julia Boyle, Dorothea Gielge, Doris Heisler, Philippa Parragh

 

Editorial:

Liebe Leserin! Lieber Leser!

In den 1930er Jahren vertrieb das nationalsozialistische Deutschland Hunderttausende von seinem Territorium, die meisten infolge ihrer Einstufung als Jüdinnen und Juden. Warum mauerten damals auch demokratische Länder, anstatt den von Verfolgung und Tod Bedrohten die Türen zu öffnen? Aus denselben Gründen wie heute. Die Nation kümmert sich nur um die ihren, jenseits ihrer symbolischen und staatlichen Grenzen befindet sich das Niemandsland der Unzuständigkeit, der Nicht-Ort des Flüchtlings, an dem zu existieren unmöglich ist. Überlastung von staatlicher Fürsorge, Enge des Arbeitsmarkts, kulturelle Inkompatibilität, politische Subversion waren und sind die Argumente der Abwehr, ob sie sich in wütenden Rassismus oder das schlechte Gewissen der liberalen Demokratie kleiden. Die vorliegende Sondernummer ist das Ergebnis der Recherchen einer vierten Klasse des Akademischen Gymnasiums in Wien. Den Angelpunkt bildet die Person Robert Taubers, der einst diese Schule besuchte, 1939 nach Shanghai floh und dessen Hinterlassenschaft in einen Fonds einging, der jungen Flüchtlingen bei Bildungsanliegen unter die Arme greift. Sämtliche Artikel stammen aus der Feder der SchülerInnen, redaktionell betreut von ihren LehrerInnen René Wintereder (Deutsch), der im Übrigen vor einigen Jahren Gedenkdienst in Terezín leistete, und von Doris Jackwerth (Geschichte). Ein Schulprojekt, das Schule machen möge. Abschließend zwei Hinweise. Erstens: Der Zeitung liegt ein Erlagschein bei – als Einladung, die Arbeit des Tauber Fonds durch Spenden zu unterstützen. Zweitens: Die Ausgabe ist der Versuchsballon für eine sanfte Veränderung in der Aufmachung unserer Zeitung. Michael Schneider sei für die Überarbeitung des Rahmenlayouts gedankt.


Oliver Kühschelm Chefredakteur GEDENKDIENST