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Ausgabe 1a/07


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Flucht aus der Ostmark

Mit dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland am 13. März 1938  begann eine systematische Ausgrenzung der Juden und anderer Minderheiten aus Gesellschaft und Wirtschaft.

 

Im Zuge einer Welle von „wilden Arisierungen“ wurden Geschäfte jüdischer Mitbürger von SA-Angehörigen und Zivilisten mit Hakenkreuz-Armbinde geplündert, Unternehmen und Wohnungen unter fadenscheinigen Begründungen enteignet oder einfach übernommen. Bis zum 10. August 1938 wurden ca. 1.700 Fahrzeuge und bis Mai 1939 ca. 44.000 Wohnungen beschlagnahmt. Mobiles Eigentum wurde frei verkauft oder versteigert. Zudem mussten die Emigranten für ihre „Auswanderung“ die Reichsfluchtsteuer,
die Auswandererabgabe und die Sozialausgleichsabgabe an das NS-Regime entrichten, nach dem Motto „der Jud muss weg – sein Gerstl (Geld) bleibt da.“

Anfang 1938 lebten in Österreich noch ca. 200.000 Menschen, die gemäß den „Nürnberger Gesetzen“ Juden waren. Im Zeitraum bis November des Jahres verließen 130.000 Menschen das Land. Während der Novemberpogrome erreichten die gewalttätigen Übergriffe auf Juden einen Höhepunkt. Ab 1940 wurden sie in großer Zahl in Konzentrationslager deportiert.

Die von Adolf Eichmann begründete und geleitete „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ hatte zum Ziel, die „Ostmark“ schnellstmöglich von den Juden zu säubern. Das System von Adolf Eichmann war so gut koordiniert, dass es als Vorbild für das „Altreich“ (Deutschland) diente. Es entstand ein Klima des Terrors, in dem die Juden und Regimegegner gezwungen wurden, die Flucht zu ergreifen.


Fluchtwege und -ziele

Verzweifelt versuchten viele in Nachbarländer bzw. nach Übersee zu emigrieren. Die Exilanten hatten einen mühsamen Weg vor sich. Exil, das hieß Ausbürgerung, Entrechtung und Heimatlosigkeit. Dazu kamen im Aufnahmeland die Schwierigkeiten der Neuorientierung und des Wiederaufbaus einer beruflichen Existenz, verstärkt durch Geldmangel und Sprachprobleme, begleitet von Heimweh und der Sorge um das Wohlergehen der zurückgebliebenen Verwandten und Freunde.

Die Suche nach aufnahmebereiten Ländern war für die ihres Vermögens beraubten Menschen mit großen Schwierigkeiten verbunden, da viele Staaten die Einwanderung mittelloser Juden ablehnten. Um die internationale Lage zu besprechen, wurde auf Bitte der USA eine Konferenz in Evian (Frankreich) am 6. Juli 1938 einberufen. Die beteiligten Staaten Europas zeigten sich jedoch angesichts wachsender Flüchtlingszahlen zu keinen Zugeständnissen bereit, und auch die USA lockerten ihre Einwanderungsbedingungen nicht. Sie hielten an ihrer Quote von jährlich 27.370 Einwanderern aus Deutschland und Österreich fest. Trotz ihrer restriktiven Einwanderungspolitik nahmen die USA letztlich den Großteil der deutschsprachigen Emigranten auf.

Die Lage verschlechterte sich nach Kriegsbeginn im September 1939 dramatisch. Mit der Ausweitung der nationalsozialistischen Herrschaft in Europa wurde es für Flüchtlinge, die zuvor in die Nachbarstaaten geflüchtet waren, immer schwieriger. Viele Immigranten aus den westeuropäischen Hauptstädten, die nicht rechtzeitig nach Großbritannien oder Übersee flüchten konnten, wurden in Internierungslager eingesperrt, sofern sie nicht im illegalen Untergrund in den besetzen Ländern Unterschlupf fanden.

In der Folge suchten die Flüchtlinge Auswanderungsziele, die geografisch weiter entfernt lagen: wenn möglich die USA oder Palästina, ansonsten Lateinamerika, Afrika und Asien – hier vor allem das seit 1937 von Japan besetzte Shanghai, das bis 1941 keine Einreisebeschränkungen auferlegte. 18.000 Emigranten konnten ohne Visum einreisen.


Die Rückkehr

Die Organisationen des politischen Exils setzten sich für eine Rückkehr der überwiegend aus „rassischen“ Gründen Vertriebenen ein, forderten Rehabilitation und Wiedergutmachungen. Das Free Austrian Movement (FAM) veranstaltete im September 1944 in London eine Konferenz, um die Lage der österreichischen Flüchtlinge zu klären. Bei Kriegsende konnten aber vorerst selbst diejenigen, die meist aus politischen Motiven zur Rückkehr entschlossen waren, nicht nach Österreich fahren, da Großbritannien und die USA aufgrund der komplexen Lage in den einzelnen Besatzungszonen Rückreisesperren verhängten. Nur die Exilanten aus der Sowjetunion durften schon früher in die sowjetische Besatzungszone einreisen.

Das Unrecht und die Demütigungen, die sie erlitten hatten, die Wirtschaftslage im Nachkriegsösterreich und die ungelösten Vermögensfragen ließen auch in weiterer Folge die meisten nicht an eine Rückkehr denken. Laut Statistik kamen von den ca. 130.000 Emigranten bis 1959 nur 8.000 zurück.

Die österreichische Nachkriegsregierung hatte überdies die vertriebenen Juden
nie offiziell zur Rückkehr aufgefordert. Die Großparteien SPÖ und ÖVP hatten daran kein Interesse. Die KPÖ bemühte sich ihre politischen Genossen zurückzuholen. Remigranten nahmen in dieser Partei führende Positionen ein. Der Einfluss der KPÖ ging aber nach 1945 bald sehr stark zurück.


Samuel Baich, Daniel Gritsch, Otis Kerschbaum, Mateo Klansek, Lukas Lehner


Literatur:
Kopetzki, Ulrich: Die Vertreibung und Emigration von
Juden aus Österreich zwischen 1938 – 1945, Fachbereichsarbeit
am Akad. Gym. Wien 2006.
Krohn, Claus-Dieter (Hrsg.): Handbuch der deutschsprachigen
Emigration 1933 – 1945. Darmstadt 1998.
McLoughlin, Barry: Österreicher im Exil. Sowjetunion
1934-45, hrsg. von Dokumentationsarchiv des österreichischen
Widerstandes, Wien 1999.
Neugebauer Wolfgang und Siegwald Ganglmair: Remigration.
In: Dokumentationsarchiv des österreichischen
Widerstandes (Hrsg.) – Jahrbuch 2003.
Wien 2003, S. 96- 102.

 

Die Vertreibung der jüdischen Schüler aus dem Akademischen Gymnasium

Nur wenige Wochen nach der Eingliederung von Österreich in das „Deutsche Reich“ wurden allein in Wien mehr als 2.500 jüdische Schüler aus ihrer Schule vertrieben und zu einem Wechsel in Sammelschulen gezwungen. Die Nationalsozialisten nannten dies „Umschulung“.

Die jüdische Jugend war hilflos dem Spott, der Verachtung und den körperlichen Angriffen der österreichischen Bevölkerung ausgesetzt.

Am 28. April 1938 mussten 43% der Schüler das Akademische Gymnasium in Wien verlassen, weil sie der jüdischen Religion angehörten. Jedoch hatte sich eine große Anzahl der jüdischen Schüler bereits vor diesem Datum abgemeldet. Der Gesamtverlust an Schülern betrug ca. 50%.

Jährlich findet im Akademischen Gymnasium eine Gedenkfeier statt, die an die zu Unrecht vertriebenen Schüler erinnern soll. Dabei werden berühmte jüdische Absolventen vorgestellt, Klassen lesen selbst geschriebene Texte vor, begeisterte Musikerinnen und Musiker spielen dem Publikum Stücke vor, darunter auch Eigenkompositionen.

 

Gözde Kavalci, Soora Kim, Marina Paspalj