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Ausgabe 1a/07


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Letzter Ausweg Shanghai

Die klassischen Zielländer der europäischen Emigration hatten seit dem frühen 20. Jahrhundert und besonders nach Einsetzen der Weltwirtschaftskrise ihre Einwanderungsbestimmungen verschärft; und die Bereitschaft mittellose jüdische Flüchtlinge aus NS-Deutschland aufzunehmen hatte allerorten enge Grenzen. So blieb für viele Ausreisewillige nur eine Möglichkeit: Shanghai.

 

Nach dem Anschluss Österreichs an NS-Deutschland und den Novemberpogromen („Reichskistallnacht“ am 9./10. November 1938) flohen zwischen 1938 und 1941 circa 18 000 Juden aus Deutschland und Mitteleuropa in die bedeutende chinesische Hafenstadt. Es gab keine Zuzugsbeschränkungen und man benötigte daher kein Visum; das war ein entscheidender Vorteil dieser fernen Stadt, die dadurch auch zu einem Ort österreichischer und deutscher Geschichte wurde.

Shanghai bestand damals aus dem von China kontrollierten Stadtteil und zwei extraterritorialen Zonen (der französischen Konzession und der Internationalen Niederlassung).

Die Hauptroute nach Shanghai führte bis zum Kriegseintritt Italiens, am 10. Juli 1940, über den Seeweg. Nur wenige Passagierschiffe, wie z. B. die italienische Reederei Lloyd Triestino, befuhren die Strecke. Die Reise auf der Hauptroute dauerte vier Wochen. Von Italien aus steuerte man Alexandria an, durch den Suezkanal ging es weiter über Bombay und Hongkong nach Shanghai. Manchmal nahmen die Kapitäne auch Kurs über Südafrika, um die hohen Kanalgebühren zu vermeiden. Das verlängerte die Seereise um sechs Wochen. Die Nachfrage nach diesen monatelangen Reisen war so groß, dass sie das Zehnfache des normalen Tarifs kosteten und alle Schiffe bis zu einem halben Jahr vor der Abfahrt ausgebucht waren. Als 1940 Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg eintrat, wurde das Mittelmeer weitgehend für die zivile Schifffahrt gesperrt. Der Seeweg nach Shanghai war nunmehr blockiert. Bis dahin hatten sich bereits 40.000 bis 50.000 Juden nach China gerettet, davon 30.000 nach Shanghai. Darunter waren auch 3.000 Österreicher.

Als einziger Weg nach Shanghai blieb die 9.600 Kilometer lange Landroute mit der Transsibirischen Eisenbahn offen. Die Sowjetunion war sogar bereit, Transitvisa gratis zu verteilen. Der Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 schnitt jedoch auch diesen Fluchtweg ab und mit dem Ausbruch des Pazifikkrieges im Dezember 1941 kam endgültig jegliche Einwanderung zum Stillstand.

Nach ihrer Ankunft in Shanghai wurden meist diejenigen, die vor Ort über keine Kontakte verfügten, von jüdischen Organisationen in Heime und Camps eingeteilt – das bedeutete Massenquartiere und mäßige Verpflegung. Abseits der Heime wurden Wohnungen teuer vermietet; trotzdem hatten sie oft weder Toilette noch Fenster. Die Räume waren dunkel, stickig und feucht. Um einen Teil der Mietkosten zu refinanzieren, wurden die Quartiere zusätzlich untervermietet, d.h. während die Mieter tagsüber in der Arbeit waren, benützten die Untermieter die Wohnung. Die Wohnungssituation wurde dadurch verschärft, dass der chinesisch-japanische Krieg einen Großteil der Häuser zerstört hatte.

Eine Arbeit zu finden war schwierig, allerdings boten internationale Hilfsorganisationen wie der JOINT (American Joint Distribution Committee) und der HICEM (Zusammenschluss der HIAS - Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society, der - JCA - Jewish Colonization Association und der Emigdirect) sowie jüdische Gemeinden Unterstützung.

Den Emigranten gelang es trotz der widrigen Umstände eine vielfältige Infrastruktur aufzubauen. Sie gründeten Schulen, Krankenhäuser, Klubs, Handelsvereine, über 60 Magazine und Zeitungen, bauten auch eigene Friedhöfe. Ein Straßenzug, in dem Kaffeehäuser, Supermärkte, Tanzlokale und Konditoreien entstanden, wurde „Little Vienna“ genannt.

Die Situation verschlechterte sich für die aus Europa geflohenen Juden, als im Dezember 1941 Japan die USA angriff und die bis dahin noch freien Teile der Stadt Shanghai übernahm. Deutschland übte auf seinen Bündnispartner Japan Druck aus, Zwangs- und Vernichtungsmaßnahmen gegen die Juden zu ergreifen. In Hongkou, einem von zehn „inneren“ Stadtbezirken der Stadt Shanghai, wurde aufgrund einer Proklamation im Februar 1943 ein Ghetto errichtet. Alle seit 1938 angekommenen jüdischen Flüchtlinge wurden gezwungen, ihre Wohnungen und Geschäfte in den „ausgewiesenen Bezirk“ („Designated Area“) des Stadtbezirks Hongkou zu verlegen, der mit Mauern und Stacheldrahtzäunen umgeben wurde und nur wenige, leicht kontrollierbare Ein- und Ausgänge besaß.

Das Leben im Ghetto war katastrophal. Die Menschen lebten in äußerst beengten Wohnverhältnissen, viele hungerten. Außerdem durften Juden nur noch mit Einverständnis der japanischen Behörden den Ort verlassen. Ohne Sondergeneh migung ging nichts mehr. Auf dem Gebiet des Ghettos lebten allerdings nach wie vor mehrheitlich Chinesen. Innerhalb seiner Grenzen waren die aus der Ghettobevölkerung (vor allem aus ihrem chinesischen Teil, aber auch aus jüdischen Flüchtlingen) rekrutierten Polizeigruppen, die so genannten „Pao Chao“, für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zuständig.

Am 17. Juli 1945 wurde ein Teil Shanghais, darunter auch das Ghetto, von einer US-amerikanischen Bombe getroffen. Dabei kamen 31 Emigranten und viele Chinesen ums Leben. Das Ghetto wurde am 3. September 1945 aufgelöst. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs fiel die Stadt an China zurück, da die USA, Großbritannien und Frankreich auf ihre Ansprüche verzichtet hatten. Nach der Gründung des Staates Israel verließen fast alle Juden Shanghai. Nur wenige blieben. Heute leben noch ungefähr 800 Juden in der chinesischen Metropole.

 

Stephan Hübsch, Josef Tu, Yu Wei Wang, Queenie Yap

 

Literatur:
Kneucker, Alfred W.: Zuflucht in Shanghai. Wien 1984.
Krohn, Claus-Dieter u.a. (Hrsg.): Handbuch der deutschsprachigen
Emigration 1933 – 1945. Darmstadt 1998.
Maul, Heinz Eberhard: Japan und die Juden, Studie über
die Judenpolitik des Kaiserreiches Japan während
der Zeit des Nationalsozialismus 1933 – 1945. Bonn
2000.
Su-Strubreiter, Regina: Die jüdischen Flüchtlinge in
Shanghai 1938 bis 1945. Wien 1996.
Tausig, Franziska: Shanghai-Passage. Wien 1987