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Ausgabe 1a/07


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„Alles, alles, nur nicht schön...“

Josefine Schwach war bei ihrer Hochzeit zur jüdischen Religion konvertiert. 1938 floh sie mit ihrem Mann nach Shanghai. Wir hatten die Möglichkeit, sie in ihrer Wiener Wohnung zu besuchen, dort durften wir sie zu ihren Erlebnissen in der Emigration befragen.


Wie war die Ausreise nach Shanghai?

Als wir 1938 auswandern wollten, war schon alles gesperrt. Alle Grenzen waren zu, wir konnten nirgends hin. Doch am Ring,Ecke Schwarzenbergplatz, gab es ein Verkehrsbüro, das ein riesiges Plakat in der Auslage hatte: Nach Shanghai ohne Visum. Mein Mann ist also hineingegangen und hat sich erkundigt, wie das vonstatten geht – nicht mit dem Schiff, sondern mit der Transsibirischen Eisenbahn, war die Antwort. Dann wären wir in der Mandschurei angekommen und von dort mit der chinesischen Linie nach Shanghai weitergefahren. Aber dafür hätte man das polnische und das russische Transitvisum gebraucht. Dazu musste er die Pässe abgeben, weil nicht mehr Wien, sondern Berlin die Hauptstadt war und alle Konsulate und Botschaften eben nur noch in dieser Stadt waren. Aber nach einigen Tagen stellte sich heraus, dass Polen kein Durchreisevisum gibt. Also war’s aus mit dem Traum – nichts mit Shanghai. Am nächsten Tag habe ich zu meinem Mann gesagt, er soll noch einmal zu der Schifffahrtsgesellschaft Lloyd Triestino gehen und nachfragen, ob sie nicht doch noch Passagen haben. Und tatsächlich hatten sie zehn Tickets, die sie uns geben könnten – aber wo waren die Pässe? In Berlin. Wieder ein Haken. Ohne Pässe gibt’s keine Tickets. Jetzt hat mein Mann den Geschäftsführer von diesem Reisebüro angefleht, bitte beschaffen Sie die Pässe! Und per Fernschreiben wurden von dem die Pässe angefordert und von Berlin wieder nach Wien zurückgeschickt. So konnten wir gleich am nächsten Tag dem Schiff nach Neapel nachfahren, da wir es in Genua versäumt hatten.


Was war Ihr erster Eindruck von Shanghai?

Elend, Not, Ratten, Dreck, Krankheiten... Alles, alles, nur nicht schön. Wenn man sehr reich war, konnte man in einer Gegend wohnen, wo es schöner war, man konnte alles haben, aber wir waren nicht reich, wir waren Flüchtlinge ohne Geld. Aber in Wien hatten wir in ständiger Angst gelebt, und darum war uns Shanghai, wie schlecht es auch war, eine Erlösung, es war das größte Glück, das wir erreichen konnten. Wir haben dann angefangen Wäsche zu erzeugen, weil das schon in Wien unser Beruf war, das hat ganz gut getan. Zum Schluss, 1943, haben wir für die Japaner „Shorts and Shirts“ erzeugt, Safarianzüge für die Soldaten. Das hat uns sehr viel Geld eingebracht. Mit dem Geld, das wir dort verdient haben, haben wir hier wieder angefangen.


Wo sind Sie in Shanghai untergekommen, hatten Sie eine Wohnung?

Also, eine Wohnung ist übertrieben, ein Zimmer. Solche Zimmer konnte man immer wieder bekommen, natürlich für teure Miete.
Das Furchtbare war, dass sie keine Toiletten hatten. Ein Kübel in einer Ecke, der für alle gedacht war, das war alles, und in der Früh ist dann ein Wagen gefahren, der das eingesammelt, in eine Tonne geschüttet und den Kübel wieder hingestellt hat. Gott sei Dank hatten wir das Glück, immer ein richtiges Klo zu haben. Ansonsten kein Gas, kein Strom. Eine Zeit lang haben wir mit Petroleum gekocht, aber das wurde uns im Ghetto auch bald nicht mehr erlaubt. Dann haben wir mit Eierkohlen, so haben wir die genannt, geheizt. Die haben Emigranten aus Kohlenstaub erzeugt, mit den Händen geformt. Und mit drei, vier, fünf Kohlen konnte man seine Suppe schon kochen. Fächeln, damit es immer brennt, der ganze Ruß, der ganze Staub ist herumgeflogen. Nicht besonders angenehm. Das kann sich niemand vorstellen, wie das war.

Als wir in Shanghai angekommen sind, lebten dort bereits russische Juden, die schon früher, vor der Revolution 1917/18, geflüchtet waren. Manche von ihnen waren inzwischen sehr reich geworden. Und die haben gespendet und gegeben, die haben uns sehr geholfen. Wenn die nicht gewesen wären, hätten wir unter der Brücke schlafen müssen.


Mit wem sind Sie nach Shanghai gegangen?

Meine Schwiegereltern haben wir mitgenommen, die waren damals 60, und die Schwester meines Mannes mit ihrem neunjährigen Buben.


Haben Sie in Shanghai Chinesisch gelernt?

Nein. Das ist sehr schwer. Obwohl ich ein paar Worte sprechen konnte, ging es nur mit Englisch. Mit ein paar Worten Englisch, ein paar Worten Chinesisch, so hat man sich verständigt, anders ging es nicht. Wir hatten auch gar keine Lust, Chinesisch zu lernen, weil niemand die Absicht hatte dort zu bleiben.


Shanghai war in Konzessionen eingeteilt. In welcher haben Sie gelebt?

Wir mussten ins Ghetto, das war die schlechteste Gegend, die es gab, Hongkou hat sie geheißen. Dort waren die meisten Häuser, die kein Klo hatten. Außerdem war in dieser Gegend 1936/37 Krieg zwischen Japan und China. Da war alles zerstört. Und wir Emigranten haben dann langsam angefangen aufzubauen, wir haben’s ja gebraucht, wir mussten ja irgendwo wohnen. Das ist dann ein ganz nettes Viertel geworden, außer dass die Ratten herumgerannt sind.


Hatten Sie in Shanghai Freunde oder Bekannte?

Na sicher! Wir waren ja alle zusammengepfercht. Wir waren sogar tanzen! Es gab dort einen Dachgarten und dort spielte eine wunderbare Band aus Wien. Und in der Nacht sind wir dorthin tanzen gegangen.


Haben Sie in Shanghai mitbekommen, was die Nazis mit den Juden gemacht haben?

Erst knapp vor dem Ende des Kriegs. Die Radios wurden uns weggenommen, aber ein paar hatten eines versteckt. Und einmal ist einer gekommen, der hat gesagt, er hat gehört, was geschehen ist.

Genauso wie bei Kriegsende. Offiziell war gar nichts. Auf einmal ist ein Flüchtling gekommen und hat gesagt, er hätte im Radio gehört, die Japaner sollen kapituliert haben. Für uns waren ja nur die Japaner wichtig, die das Gebiet besetzt hatten. Der hat also erzählt, der Krieg ist aus, keiner hat’s geglaubt. Aber auf einmal waren alle Japaner weg! Wie wenn sie der Erdboden geschluckt hätte. Wie sie das gemacht haben, weiß ich, wissen wir alle nicht. Doch das war damals, als die Atombombe gefallen ist. Es war nur aus, weil die zwei Atombomben waren.


Wie haben Sie bei Bombardierungen reagiert?

Immer wenn wir gehört haben, es werden diese kleinen Inseln vor Japan bombardiert, haben wir gewusst, in drei, vier Stunden werden auch wir bombardiert werden. Und es gab dort keine Keller, wo man sich verstecken konnte. Wir mussten im Freien herumstehen, ich, mit meinem kleinen Baby! Der einzige Schutz war, unter den Tisch zu kriechen.

Manches Mal denk ich, wieso konnte ich das alles überleben? Ich war doch jung, 26, wie wir ausgewandert sind.

Hitler hat verlangt, dass die Japaner uns vernichten sollen, indem sie Vernichtungslager bauen. Aber Hirohito, der damalige Kaiser von Japan, hat gesagt: „Wir töten keine Menschen.“ Aber damit er etwas tut, mussten wir ins Ghetto.

Man muss stark sein. Dass ich stark bin, das hab ich nicht gewusst, das weiß ich erst jetzt.


Haben sich einige Flüchtlinge vor dem Ghetto versteckt?

Niemand hat es gewagt, denn wenn sie erwischt worden wären, hätten sie die Japaner erschlagen.


Waren Sie in einem reinen Judenghetto, oder gab es dort auch andere Minderheiten/Nationalitäten?

Es gab auch noch Tschechen, Polen und viele andere. Auch Chinesen, da es ein bewohntes Gebiet war, obwohl einige Teile zerstört waren.


Hat es zwischen den verschiedenen Nationen im Ghetto Spannungen gegeben?

Natürlich, wie überall. Und wenn es jemandem besser gegangen ist, dann haben sich die anderen aufgeregt, aber das war normal. Überhaupt, wenn man so eng beieinander lebt.


Konnten Sie aus dem Ghetto hinausgehen oder brauchten Sie spezielle Erlaubnis dafür?

Das war nicht so einfach. Da gab es einen Japaner, Goya hieß er, der hat sich „König der Juden“ genannt und war der Befehlshaber über das Ghetto. Deshalb musste er auch die so genannten Passierscheine ausgeben. Auch mein Mann hat einmal so einen Passierschein gebraucht. Vor ihm ist ein alter Herr gestanden. Goya hat zu ihm gesagt, er solle seine Brille herunternehmen. Der Alte hat sie wirklich herunter genommen, und Goya hat ihn geschlagen, der ist am Boden gelegen! Und mein Mann hat sich umgedreht und ist weggegangen, von dem wollte er sich wirklich nicht verprügeln lassen!

Wir waren eingesperrt, aber es gab eine Öffnung, dort musste immer jemand stehen und aufpassen, ob die Leute, wenn sie die Erlaubnis hatten aus dem Ghetto zu gehen, auch wirklich zur richtigen Zeit wieder zurück waren. Wenn nicht – na fragen Sie nicht, was sich da abgespielt hat. Zuerst sind Japaner dort gestanden, später haben sie unsere Leute, mit einem Holzknüppel und einer Schleife um den Arm, hingestellt. Einmal ist ein gewisser Herr Schranz, der auch einer dieser Aufpasser war, mit dem Fahrrad gefahren und ein Lastwagen mit japanischen Soldaten hat ihn angefahren. Sein Rad war kaputt. Der hat also begonnen mit den Soldaten zu streiten. Er hat gemeint, dass sie ihm das Rad reparieren sollen. Darauf haben die Japaner dann gemeint, er solle doch auf den Wagen aufsteigen. Das hat er gemacht und niemand hat ihn je wieder gesehen. Man durfte also nichts mit den Japanern anfangen, denn die haben einen sofort umgebracht.


Haben Sie auch ein schönes Erlebnis gehabt in Shanghai?

Na ja, wie mein Kind geboren wurde, das ist doch ganz klar, er war ein gesunder, fescher Bub. Das war 1943; als wir zurückgekommen sind, war er vier Jahre alt.

Und etwas Lustiges gab es auch noch: Als wir nach Shanghai gekommen sind, haben die russischen Juden für uns vorgesorgt. Sie haben zwei große Säle organisiert, einen für Männer und einen für Frauen mit Kindern. Bei jeder Tür ist ein Mann in Uniform mit einem Gewehr gestanden und hat aufgepasst. Nachdem ich ein Platzerl gefunden hatte, ist mein Mann gekommen und hat mich gefragt, ob ich schon fertig sei. Plötzlich hat der Soldat auf Deutsch zu meinem Mann gesagt: „Ist das Ihre Frau?“ Mein Mann hat „ja“ gesagt. Dann hat er weitergefragt, ob ich in Wien eine Freundin namens Käthe gehabt hätte. Mein Mann hat wieder „ja“ gesagt. „Heißt Ihre Frau Fini?“ Da hat meine Mann wieder „ja“ gesagt. „Na, dann kenne ich Sie!“ Ich war einen Monat auf einem Schiff und erst zwei Stunden in einer fremden Stadt und kannte schon jemanden!


Haben Sie sich in Shanghai politisch engagiert?

Nein, man konnte nicht. Es gab außer dem Kommunismus auch gar keine anderen politischen Richtungen.


Haben die österreichischen Juden den Kommunismus positiv aufgenommen?

Nein, nein! Aber ich muss schon sagen, dass sich die Flüchtlinge nicht sehr politisch befasst haben, weil jeder weg wollte. Aber vor dem Kommunismus haben wir Angst gehabt. Wir hatten auch nach dem Krieg noch Angst. Denn dann waren zwar die Japaner weg, aber wir wussten nicht, wie uns die Chinesen behandeln würden. Doch die haben dann nichts gemacht, nur getanzt haben sie mit uns, als der Krieg aus war.


In welchem Jahr sind Sie zurückgekommen?

1947. Jetzt sind wir genau 60 Jahre zurück. Wir hätten auch nach Australien auswandern können, aber mein Mann wollte nur nach Wien, obwohl ich lieber woandershin gegangen wäre. Aber er hat etwas in der Hand gehabt, nämlich meine Eltern. Mit denen hat er mich unter Druck gesetzt. „Willst du nicht deine Familie wieder sehen?“, hat er immer gefragt. Natürlich wollte ich.

Außerdem habe ich gewusst, dass mein Mann, wenn er woanders ist, keinen Erfolg haben kann! Weil er dann nicht mit Leib und Seele dort ist! Wenn er in Wien ist, dann fühlt er sich zu Hause.


Wieso wollten Sie nicht nach Wien zurück?

Schauen Sie, wenn man verachtet wird und man darf nicht da hineingehen oder auf dieser Bank sitzen und all das, dann will mannicht. Das ist so erniedrigend und gemein!


Wohin sind ihre Schwiegereltern gegangen?

Die sind auch wieder mit nach Wien gegangen. Ohne die wäre mein Mann nirgendwohin gegangen, auch nicht nach Shanghai! Meine Schwägerin ist in Shanghai gestorben, ihr Sohn nach dem Krieg nach Kanada ausgewandert.


Wie war Ihre Rückreise?

Zurückgefahren sind wir mit einem amerikanischen Truppentransporter. Dreimal täglich haben wir uns um Essen angestellt, Kaffee konnte man den ganzen Tag haben, das war gar nicht schlecht. Aber dann, in Neapel, ist ein Zug gestanden, lauter Viehwaggons. Zwei Personen hatten einen Strohsack, in der Mitte des Waggons war ein kleines „Kanonenoferl“, so hat man diese kleinen Öfen genannt. Das war 47 im Jänner. Da war in Wien unglaublich viel Schnee. Also haben die Männer Holz geholt, aber das waren viel zu große Stücke für das winzige Oferl! Es war eine Emigrantin mit, die ein Fleischermesser mithatte. Damit haben die Männer dann Holz gehackt.

Der Zug ist mehr gestanden als gefahren, weil alle Brücken und Schienen kaputt waren. In Monte Casino haben wir von einer Brücke geschaut und haben lauter Helme und Gewehre dort liegen gesehen. Die Soldaten waren wahrscheinlich tot, aber man hat sie weggenommen.


Wie wurden Sie in Österreich empfangen?

Wir sind am Meidlinger Südbahnhof ausgestiegen. Zu unserer Begrüßung kam ein großer Herr, mit einem Mantel, ohne Hut und hat jedem die Hand gereicht. Und ich habe meinen Mann gefragt, was der denn von uns will.

Aber mein Mann hat gesagt, dass ich still sein soll, weil das der Wiener Bürgermeister Körner ist! Doch ich war noch sehr ängstlich!


Und wie wurden Sie von den Wiener Bürgern empfangen?

Die Leute waren im Allgemeinen freundlich, nur hat man nicht gewusst, ob sie es ernst meinen oder nicht. Dazu kam noch, dass wir misstrauisch waren. Es war eine schwere Zeit!

Ich hab damals Tag und Nacht geweint.


Haben Sie Ihre Wohnung wieder zurückbekommen?

Nein, die Wohnung wurde uns nicht zurückgegeben. Die Wohnung, die ich jetzt habe, hat uns damals ein Bekannter empfohlen, weil er sie zugewiesen bekommen hat. Selber hatte er jedoch kein Geld, sie wieder aufzubauen. Also ist er mit meinem Mann zur Hausverwaltung gegangen und hat gefragt, ob man uns die Wohnung geben könnte. Ohne weiteres.

Drei Monate hat das dann gedauert. Der Plafond ist auf dem Fußboden gelegen! Und es gab keinen Draht in den Leitungen, obwohl die Schalter da waren. In dieser Zeit haben wir bei meinen Eltern gelebt. Sie konnten ihre Wohnung behalten, da sie keine Juden waren.


Haben Sie für die Wohnung, die Ihnen genommen wurde, eine Entschädigung bekommen?

Ja, vom Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus haben wir für das Geschäft und für die Wohnung etwas bekommen. Aber unser Leben, wie wir es geplant hatten, das konnte man uns sowieso nicht mehr geben. Wir mussten uns immer wieder eine neue Existenz aufbauen. Jahrelang konnte ich über diese ganzen Sachen nicht einmal reden!


Sind Sie jemals wieder nach Shanghai gekommen? Hatten Sie das Bedürfnis wieder einmal zurückzukehren?

Nein! Da war ja noch lange der Kommunismus. Aber ich finde, dort war der Kommunismus wichtig! Weil die ganzen Kolonialherren das Volk ausgesaugt haben! Die Menschen sind auf der Straße krepiert! Unter dem Kommunismus hat jeder einmal am Tag seine Reisschüssel gehabt, und damit hatten sie immerhin genug zum Leben.


Haben Sie daran gedacht, nach Israel zu gehen?

Nein. Mein Mann war eben ein echter Wiener.


Zoë Herlinger, Anna Mörz