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Ausgabe 1a/07


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„Wenn ich einen Chinesen sehe, fühle ich mich wie zu Hause...“

Georg Fischer, geboren 1925 in Wien, musste als Jude nach der „Kristallnacht“ nach Shanghai flüchten. 1949 kehrte er nach Österreich zurück. Jetzt, mit 81, kam er in unsere Klasse, um uns von seinen Erlebnissen in Shanghai zu berichten.


In welche Schule sind Sie gegangen?

In die Machettigasse R6, im 6. Wiener Gemeindebezirk.


Wie haben Sie Ihre Schulzeit erlebt?

Mit der „Kristallnacht“ hat sich plötzlich alles geändert. Wir waren 40 Schüler, davon acht Juden. Wir haben uns blendend verstanden. Ich war damals in der zweiten Klasse. Ich hatte einen Freund, der hieß Platky. Der kam nach dem Anschluss mit einer HJ-Uniform in die Schule. Dann ist er zu mir gekommen und hat gesagt: „Schurl, du brauchst dich nicht fürchten, ich werde immer auf dich aufpassen.“ Er war stärker als ich, weil er sitzen geblieben ist. Das war ein echter Freund!

Man hat in diesem Alter noch nicht politisiert. Wir haben viel Sport betrieben. Dann hat es schon begonnen in den Pausen: Die Großen waren nicht immer judenfreundlich. Hier und da hat man als Jude einen Watsche bekommen können. Aber der Platky und die anderen haben sich um uns acht Mann gestellt und ich muss sagen: Das war echte Kameradschaft. Die haben uns geschützt. Das ist etwas, was ich nie vergessen werde.


Wie haben Sie die „Kristallnacht“ erlebt?

Mein Vater ging am Tag der „Kristallnacht“ aus dem Haus in der Viaduktgasse. Ein Polizist kam auf ihn zu und fragte ihn, ob er ein Jude sei. Und mein Vater hat „ja“ gesagt. Alle Juden wurden gesammelt und zum Appellplatz geführt. Dort traf mein Vater meinen Onkel, der in seinem Büro von einem Händler geschlagen und auch zum Appellplatz geführt worden war. Dann wurden sie nach Dachau gebracht.

Als meine Mutter hörte, dass die beiden in Dachau sind, hat sie sich einen schwarzen Mantel und ein Kopftuch angezogen und ist zur Hauptstelle der SS gegangen. Sie tat das, obwohl sie wusste, dass Juden dort der Eintritt strengstens verboten war. Der hätte meine Mutter sofort erschießen oder festnehmen können. Er machte es aber zum Glück nicht. Irgendwie muss ihm meine Mutter gefallen haben, vielleicht weil sie mutig war. Sie war auch eine sehr hübsche Frau. Auf jeden Fall ist sie zu dem Mann gegangen und hat ihm erzählt, dass mein Onkel und mein Vater in Dachau sind. Er hat sich das alles notiert und hat gesagt, dass er schauen wird, was er machen kann. Nach einiger Zeit sind dann mein Vater und mein Onkel wirklich freigekommen. Das war ein sehr großes Risiko, das meine Mutter eingegangen ist. Das hätte natürlich auch schief gehen können.


Was haben Ihre Eltern damals beruflich gemacht?

Meine Mutter und meine Großmutter hatten 1903 eine Strickwarenfabrik. Auch mein Großvater hatte damals eine Fabrik. Das war ein Großhandel mit Ölen und Fetten. Das Büro war in der Lichtenauergasse im 2. Bezirk. Da waren einige große Firmen, die Österreich und die Monarchie beliefert haben. Nach einiger Zeit bekamen wir einen komissarischen Verwalter namens Spiller. Das war bei fast allen jüdischen Betrieben so. Er war im Großen und Ganzen ziemlich anständig. Er hat uns immer etwas Geld zum Überleben gegeben. Er hat unser Geld sozusagen für uns bewilligt.


Waren Sie und Ihre Familie religiös?

Meine Familie war sehr liberal. Also nicht wirklich fromm. Ich kann auch nicht Hebräisch lesen. Das hat einmal in Shanghai für Verwirrungen gesorgt. Ich hatte einen jüdischen Lehrer in der Schule. Er war ganz erstaunt, dass ich nicht Hebräisch lesen konnte. Er fragte mich, was ich für ein Jude sei. Und ich hab geantwortet, dass ich ein österreichischer Jude bin.


Wann ist Ihnen die Idee gekommen, nach Shanghai zu flüchten?

Wir hatten einen Bekannten namens Hirsch. Der hat von seinem Bruder aus Shanghai einen Brief bekommen. Dieser hat ihm berichtet, dass man in Shanghai gut leben könne. Daraufhin hat unser kommissarischer Verwalter, der Herr Spiller, es uns ermöglicht, ein Ticket für die Schiffsreise nach Shanghai zu kaufen.


Mit wem sind Sie nach Shanghai geflüchtet?

Ich bin mit meinen Eltern und meinem Onkel geflüchtet. Meine Großmutter blieb in Wien, denn es war nicht möglich, dass sie mitkommt. Aber sie hatte das Glück, dass sie noch mit einer Eisenbahn nach Arabien ausreisen konnte, bevor der Krieg begonnen hat.


Wie sind Sie nach Shanghai gekommen?

Am 29. Mai wurden wir in Genua eingeschifft. Das war ein italienischer Luxusliner; wir haben First Class gewohnt. Ich war mit meinem Onkel in einer Kabine und meine Eltern waren in einer anderen.


Wie war die Ankunft in Shanghai?

In Shanghai haben sich die jüdischen Organisationen um die vielen Flüchtlinge gekümmert. Dort war eine Masse von Menschen. Als alle gesammelt waren, wurden wir in Camps gebracht. Die Flüchtlinge waren alle froh, dass sie lebten.


Was war Ihr erster Eindruck von Shanghai?

Es war einfach alles ganz anders. Es roch alles ganz anders. Und es war sehr laut, denn damals hatte Shanghai ca. fünf Millionen Einwohner. Es war auch irgendwie komisch, dass wir plötzlich so weit entfernt von zu Hause waren. Früher haben wir immer nur Ausflüge zur Hohen Wand oder zum Semmering gemacht und nun waren wir plötzlich in Shanghai. Aber mein erster Eindruck war trotzdem sehr positiv.


Wie und wo lebten Sie mit Ihrer Familie in Shanghai?

Zuerst lebten wir in Camps. Das waren Lagerhallen. Dort war alles ganz einfach hergerichtet. Es gab keine richtigen Zimmer, sondern die Wohnräume waren mit Laken abgegrenzt. Wir und alle anderen waren froh, dass wir noch lebten. Später lebten wir in einem Boardinghouse. Das war etwas ganz Besonderes für Emigranten, wie wir es waren. Wir konnten nur dort wohnen, weil mein
Vater schon vor dem Krieg gute Kontakte zu amerikanischen Firmen besaß, an die er geschrieben hatte und die in Shanghai
auch eine Filiale betrieben.


Welche Fremdsprachen beherrschten Sie, als Sie nach Shanghai kamen?

Ich konnte eigentlich überhaupt keine Fremdsprache. In der Schule in Wien habe ich nur ein paar Worte Französisch gelernt. Ich hatte dann in Shanghai einen Lehrer, der mir aber nicht viel beibrachte. Vor allem kann ich gut auf Chinesisch und Französisch schimpfen. Ich habe ein gutes Ohr für Sprachen. Ich kann jetzt Englisch, ein paar Worte Tschechisch und verstehe Mandarin.


Hatten Sie in Shanghai die Möglichkeit zur Schule zu gehen?

Ja. Zuerst war ich in einer Schule, wo fast nur Emigranten waren. Dann kam ich in die Young American School. Damals war ich 14 Jahre alt. Das war die beste Schule in Shanghai, aber sie war sehr teuer. Mein Vater aber musste kein Schulgeld zahlen. Es war etwas ganz Besonderes für einen Immigranten in so eine Schule zu gehen. Dort gingen Söhne von reichen Franzosen, Engländern und Amerikanern hin. Nach Ende der Schule arbeitete ich für die amerikanische Armee. Das war im Jahre 1946.


War es schwer, in Shanghai eine Arbeit zu finden?

Ja, natürlich. Die Menschen haben alles gemacht, um Geld zu verdienen.


Mögen Sie das chinesische Volk?

Ja, natürlich! Dieses Volk hat unser Leben gerettet. Wenn ich heute einen Chinesen sehe, fühle ich mich wie zu Hause. In Shanghai waren aber auch Menschen aus allen Ländern. Dort waren Russen, Polen, Ungarn, Engländer, Franzosen und Juden aus aller Welt.


Als Sie 1949 zurückkehrten, war es schwer für Sie, sich in Wien wieder einzuleben?

Ja, das schon. Aber man war wieder in seinem Heimatland. Das war mir wichtig. Die Stadt selber hat einem nichts getan.


Gründeten Sie, wieder zurück in Wien, eine Familie?

Ich lernte meine Frau kennen, die aus ihrer ersten Ehe einen dreijährigen Sohn mitbrachte. Ihre Familie nahm mich so herzlich auf, wie ich es noch nie erlebt habe. Das war mein größtes Glück im Leben.


Natayaporn Györi, Lisa Hobl, Isabella Zhang