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Ausgabe 1a/07


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„Von Wien nach Shanghai“

Buchrezension


Vivian Jeanette Kaplan beschreibt aus der Sicht ihrer Mutter, Nini Kosiner, geborene Karpel, die Flucht einer jüdischen Wiener Familie, die 1939 in letzter Minute nach Shanghai fliehen konnte.


Eine unbeschwerte Kindheit und Jugend in Wien wird von wachsendem Antisemitismus getrübt. Letztlich steht auch Nini Kosiner vor der Frage: Entweder hier bleiben und sterben oder flüchten und eventuell überleben. Aber selbst nachdem ihr das klar geworden ist, bleibt immer noch zu beantworten: „Wohin?“, denn die als Fluchtziel akzeptablen Länder haben eines nach dem anderen die Grenzen geschlossen. Endlich findet Familie Karpel die Lösung: Shanghai!

Die Flucht gelingt mit der Hilfe eines vermögenden „arischen“ Anwalts, der alle Gefahren auf sich nimmt, um Schiffspassagen für die Karpels sowie für die Eltern von Ninis zukünftigem Mann, Leopold (Poldi) Kosiner, zu bekommen.

Doch der Anblick, der sich ihnen in Shanghai bietet, ist zunächst ein Schock: Ich stehe auf verfaulenden Planken, übergebe mich in das übel riechende Wasser und frage mich, ob wir den Gefahren in Europa entkommen sind, um nun in einer Hölle zugrunde zu gehen, wie wir sie uns in unseren schlimmsten Träumen nicht hätten ausmalen können.“

In Shanghai ziehen sie vorerst in ein christliches Kloster, in dem sie den ständigen Bekehrungsversuchen der Nonnen ausgesetzt sind. Doch trotz verlockender Angebote und Überredungsversuche bleiben sie ihrer Religion treu, die ganze Familie hält zusammen und bestärkt sich gegenseitig.

Schließlich gelingt es ihnen, eigene Wohnungen zu bekommen. Nini und Poldi arbeiten nun als Teilhaber in einer Bar. Endlich, so scheint es, können sie beginnen, ein einigermaßen normales Leben zu führen. Doch 1941, nach Pearl Harbor, ändert sich ihre Situation drastisch. Alle in Shanghai lebenden staatenlosen Flüchtlinge, gemeint sind die Juden, müssen in ein begrenztes Areal namens Hongkou ziehen, das von japanischen Soldaten, die ganz Shanghai besetzt haben, bewacht wird. Der Kampf ums Überleben beginnt von neuem.

Bis 1945 müssen die Juden in ständiger Angst vor dem Tod in den halb verfallenen Baracken Hongkous dahinvegetieren. Sowohl Juden als auch Chinesen werden von den Japanern auf grausamste Weise gequält, gefoltert und schikaniert. Nach der Befreiung durch die USA keimt in Nini und Poldi neue Hoffnung auf, die jedoch bald durch die chinesischen Kommunisten zunichte gemacht wird.

In déjàvuartiger Verzweiflung versuchen Nini und ihre Familie Ausreisevisen und Schifftickets zu bekommen. Endlich erklärt sich ein in Kanada lebender Cousin von Poldi bereit für die gesamte Großfamilie zu bürgen. Zuerst fahren die mit dem zweiten Kind hochschwangere Nini, Poldi und ihr erstes Kind, Vivian; alle anderen folgen einen Monat später. „Wir haben unsere Vertreibung überlebt, sind um mehr als den halben Erdkreis gereist und nun hier angekommen, an einem Ort, wo wir in Frieden einen neuen Anfang wagen können.“

Fazit: Die Autorin erzählt sehr lebendig die Geschichte ihrer Mutter. Bei den Recherchen zu dieser Zeitungsausgabe äußerten sich die meisten Zeitzeugen auch sehr positiv über das Buch. Es sei großteils so gewesen, wie es geschildert wird.


Judith Engel

Vivian Jeanette Kaplan, Von Wien nach Shanghai, Die Flucht einer jüdischen Familie, DTV München 2006,
ISBN 3423245506