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Ausgabe 2/07


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Der Nation ihr Museum geben?

Das Haus der Geschichte: Die Würfel sind wieder im Becher

 

Das Spiel „Mensch ärgere dich nicht“ zählte zu den essentiellen pädagogischen Mitteln in der Erziehung der heute 40 bis 70-jährigen und damit zur Sozialisation jener Personen, die seit 1999 im Regierungsauftrag an einem „Haus der Geschichte“ basteln. Die Bedeutung der Einübung in geduldigen Umgang mit jenen Grenzen, die einem durch die Kombination von Zufall und Wettbewerb gesetzt werden, kann gar nicht überschätzt werden. Kaum fühlte man sich dem Ziel nahe, als erster alle 6 Figuren ins Ziel zu bringen, schon wurde man von einem Mitspieler mit einem glücklichen Würfelwurf wieder abgefangen und an den Start zurückgeschickt. Das gab Tränenausbrüche, Zorn, mit der Zeit aber auch Einsicht in die Nutzlosigkeit kindlicher Allmachtsphantasie. Und irgendwann gab man das Spiel dann auf.

 

 

Der Fehlstart

 

Zurück an den Start heißt es nun zum x-ten Mal auch für die Leute am Tisch des „Hauses der Geschichte“. Begonnen hatte es 1999 mit zwei alternativen Konzepten, die jüngste Geschichte der Republik in ein Museumsformat zu packen und öffentlich zugänglich zu machen. Das im Rückblick gesehen von nobler Zurückhaltung geprägte Konzept eines „Hauses der Toleranz“, verantwortet von Anton Pelinka und Leon Zelman, fokussierte auf die jüdisch-österreichische Erfahrung mit Ausgrenzung und Verfolgung, um bei einer zeitgenössisch-universalen Auseinandersetzung mit Rassismus und Genozid anzukommen. Das von den Historikern Stefan Karner und Manfried Rauchensteiner vorgelegte Papier für ein „Haus der Geschichte der Republik Österreich“ wollte alles: die dreidimensionale Übersetzung von Längs- und Querschnitten durch ein Jahrhundert, die aus dem Gemenge heterogener historiografischer Texte ein einziges Tableau schaffen sollte.

 

Zwei Parteien, so sollte man spieltheoretisch meinen, hätten sich doch auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können. Indes: Beim „Haus der Geschichte“ änderten sich nicht nur die Personalien, sondern auch die Spielregeln. Die Möglichkeiten eines großkoalitionären Kompromisses waren mit der Wende des Jahres 2000 dahin; damals verlor das „Haus der Toleranz“ mit dem sozialdemokratischen Wissenschaftsminister Caspar Einem seinen wichtigsten Anwalt. Dafür machten aber die universitären WissenschafterInnen Front gegen die Vorstellung, die Unterrichtsministerin Gehrer nutze die Gelegenheit und statte nunmehr ein „Haus der Geschichte“ mit nationalhistorischer Deutungshoheit und ihrer eigenen Partei nahe stehenden Experten aus. So kam Sand ins Getriebe des Museumsprojekts, obwohl es in der Regierungserklärung Schüssel I verankert worden war.

 

 

Das trojanische Pferd „Gedankenjahr 2005“

 

Nach einem debattenmäßigen Hin und Her von zwei, drei Jahren sahen dann andere ihre Chance gekommen: Das „Gedankenjahr 2005“ bot sich einer Handvoll master-minds, die bislang noch nicht ins Geschehen des „kleinen“ Historikerstreits einbezogen waren, als trojanisches Pferd an. Ein Kulturjournalist, ein abgesetzter Museumsdirektor, ein ehemaliger Finanzminister und ein früherer Sprecher der Industriellenvereinigung beglückten das Volk mit einer teuren Ausstellung im Belvedere, listig argumentierend, damit den Grundstein für ein „Haus der Geschichte“ gelegt zu haben. Was nun so ganz staatstragend und repräsentationskulturell daher kam, rief nicht nur die HistorikerInnenzunft wieder auf den Plan, sondern kränkte auch die nicht ganz einflusslosen Initiatoren des ersten Konzeptes; immerhin war Manfried Rauchensteiner Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums, das eine Schlüsselstellung in der Umsetzung des Projektes hätte spielen müssen.


Im März 2006 fusionierte daraufhin die Unterrichtsministerin das Kernteam der Belvedere-Ausstellung mit dem Rest-Team der Projektgruppe „Haus der Geschichte der Republik“ und stellte dieser Arbeitsgruppe einen renommierten ORF-Programmgestalter und den neuen Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums bei. Der Auftrag: die Erstellung einer „Road-Map“. Und wieder gab es Protest seitens der Wissenschaft, und wieder einen Coup: Binnen Monatsfrist erhielt die „Arbeitsgruppe“ eine „Expertengruppe“ von 18 [!] regierungsseitig ernannten HistorikerInnen beigestellt, mit deren Unterstützung schon Ende Juni 2006 ein Papier zur „Umsetzungsstrategie“ fertiggestellt war. Und dann kamen die Nationalratswahlen und bei den knapp erfolgreichen Sozialdemokraten späte Erkenntnisse, dass diese Form von Geschichtspolitik in ihren inhaltlichen, demokratiepolitischen und finanziellen Dimensionen vielleicht doch gründlicher durchdacht sein will. Fazit (im Mai 2007): „Sehr bald“ soll ein Koalitionsgipfel in Sachen Haus der Geschichte einberufen werden, wobei eines feststeht, nämlich die Einsetzung einer neuen Projektgruppe. Zurück an den Start also.


Manfried Rauchensteiner hat bei Einsetzung der Expertengruppe in der Zeitschrift „Falter“ nicht unzutreffend kritisiert, dass ein Museal-Projekt - und ein solches stellt das „Haus der Geschichte“ in der „Road-map“-Version eindeutig dar - nicht von akademischen Forschern allein, sondern nur im Verbund mit Museumspädagogen, Didaktikern, Kommunikationsexperten und anderen konzipiert werden kann. Er hat weiter moniert, dass der „sozialpartnerschaftliche“ Zug in der Expertenkommission bloß zur Verwaschung der Konturen führen werde, zu einem Sowohl-als-auch, einem bizarren Ausverhandeln parteipolitischer Traditionskonflikte, einem Amalgam von Meinungen. Und sieht man sich die „Roadmap“ an, die sich auf die Strukturen des Projekts bezieht, dann konstatiert man zumindest eine Reihe von Widersprüchen. Ein „offenes Forum“ soll es werden, aber zur Vermeidung von Konkurrenz mit einem eigenen Forschungsbudgetausgestattet; ein „virtuelles Museum“ wird flankierend zu Ausstellungen in Aussicht gestellt, aber als elektronisches Ein-Weg-Archiv konzipiert; angestrebt ist ein „breites Spektrum an Material und (davon getrennt) [?] Interpretationen und Meinungen“, das gleichzeitig einer aus einem Popularitätsauftrag hergeleiteten Inszenierung“ unterzogen werden soll.

 

 

Die vielen Gesichter der Vergangenheit

 

Schöner, prächtiger, vielfältiger, „demokratischer“ soll es also werden, das Road-map-„Haus der Geschichte“. In einem kontrollierten Pluralismus sollen historiografische Angebote zur Deutung aktueller Probleme gemacht werden. Was könnte man daran kritisieren? Nichts, wenn man der naiven Meinung ist, die Vergangenheit sei durch die wissenschaftlichen Spezialisten zu ordnen, mit Sinn auszustatten und ästhetisch konsumierbar zu machen.


Die in einer Reihe von Artikeln und auf Tagungen formulierte Fundamentalopposition zu einem „Haus der Geschichte“ stellt gerade dies in Frage. Sie knüpft an zwei zeitgenössische Überlegungen an, die ihre Beziehung zu einem neuen politischen Denken nicht verdecken.


Zum einen handelt es sich um eine kritische Wendung in der Geschichtswissenschaft selbst. Ihr geht es um die kritische Auflösung von scheinbar unmittelbar gegebenen Größen und  Begriffen wie „Volk“, „Staat“, „Nation“ und um die Aufhellung der Verwechslung der Zeit der Historiker - der „Epoche“, „Ära“ etc. - mit abgeschlossenen, in sich stimmigen Formationen der Vergangenheit. Zum zweiten handelt es sich um die theoretische, ästhetische und praktische Entdeckung der Existenz einer Vielzahl unterschiedlicher Gedächtnisse, aus denen sich eine mannigfaltige und agonale „öffentliche Geschichte“ zusammensetzt.


Beide neue Haltungen zur Vergangenheit schließen an die Wende zu einem „postheroisch“ genannten Geschichtsbild an, das den verstummten Stimmen der individuellen und kollektiven Opfer der „geglückten“ (nationalen) Aufbauwerke mehr aktuell benötigten politischen Erfahrungswert zuordnet als den identitätspolitischen Erfolgsgeschichten. Der so oft im Mund geführte französische Historiker Pierre Nora hat in dieser Perspektive von „Erinnerungsmilieus“ und „Erinnerungsorten“ geschrieben, die sich gegen die großen Lehrbuch-Entwürfe stellen. Die „öffentliche Geschichte“ findet in einem neuinterpretierten Theaterstück ebenso statt wie in einem Film von Chris Marker oder in der Konstituierung eines Vereins zur Errichtung eines Mahnmals auf dem Gelände eines ehemaligen Deportations-Bahnhofs. Deshalb kommt ein „Haus der Geschichte“ auf jeden Fall „zu spät“, um nicht als Versuch zu gelten, diese Entwicklung aufzuhalten und umzudrehen. Allenfalls kann man sich noch eine Stiftung vorstellen, die das ganze Spektrum wissenschaftlicher, künstlerischer und praktischer Erinnerungsarbeit gegenüber politischer Einflussnahme absichert und verordnete Geschichtsbilder in schlechte Optik setzt. Damit wir nicht wieder, wie 2005, mit „25 peaces“ und einem Kartoffelacker am Heldenplatz im Auftrag der Regierung beglückt werden.


Vielleicht beherzigen die derzeitigen und die künftigen Mitglieder einer Projektgruppe für eine „Haus der Geschichte“ ja doch noch die Lehren des Kinder-Würfelspiels und wenden sich anderem zu.

 

Siegfried Mattl, Zeithistoriker, Co-Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft, Wien

 

 

 

Editorial

Liebe Leserin! Lieber Leser!

 


Der nationalen Geschichte ihr Museum geben. Ein problematisches Unterfangen? Offensichtlich, wie hierzulande das Projekt „Haus der Geschichte“ zeigt. Die öffentliche Hand betreibt Museen für alles Mögliche: für Kunst, Stadtgeschichte, Völkerkunde, Technik etc. Die Staatsnation verfügt zudem über eine Vielzahl von Kultur- und Bildungseinrichtungen, von der Volksschule bis zum Opernhaus; sie betreibt ihre Medienorgel, den ORF – warum also nicht auch ein historisches Museum ihrer selbst? Andererseits: Warum auch noch ein Museum bzw. warum noch ein weiteres?

 

Siegfried Mattl schreibt über das Vorhaben, Österreich in einem Haus der Geschichte zu repräsentieren; Andrea Brait berichtet über ein bereits eröffnetes deutsches Pendant. Manfried Rauchensteiner befasst sich mit dem „Krieg im Museum“ – nur scheinbar ein anderes Thema, denn ein Heeresgeschichtliches Museum, wie es Rauchensteiner lange führte, partizipiert schon durch die enge Verknüpfung von Militär, Staat und Nation zwangsläufig an nationaler Selbstverständigung. Maria Neumann reflektiert ihre Eindrücke beim Besuch des Museums über die Staatssicherheit in Berlin – aus Perspektive des vereinigten Deutschlands eine überwundene Vergangenheit, ein Gegenbild zur demokratischen Nation. Das Andere der Deutschen Nation als rassenreine Volksgemeinschaft waren die Juden. Ihnen widmete sich eine Politik der Vernichtung – und der Musealisierung, so Dirk Rupnow.

 

Der österreichische Staat leistet sich die „Wiener Zeitung“: Dort durfte Anfang des Jahres ein rechtsradikaler Anwalt schreiben. Deshalb unter anderem von Gedenkdienst kritisiert, droht Chefredakteur Andreas Unterberger unserem Verein mit einer Klage. Lustig, wenn man der Meinung ist, dass man das Amtsblatt der Republik ohnehin nicht ernst nehmen soll. Ansonsten sehr unlustig.

 

Oliver Kühschelm
Chefredakteur GEDENKDIENST