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Ausgabe 2/07


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(K)Eine regierungsamtliche Geschichtsdarstellung?

Zu den Debatten um das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland


In Österreich wird es seit 1998 einmal mehr und einmal weniger heftig diskutiert, in Deutschland ist es schon eröffnet: ein Museum, das rein der nationalen Zeitgeschichte gewidmet ist. Doch auch der Realisierung des Hauses der Geschichte in Bonn ging eine langjährige Debatte voraus.

 


Willensbekundung der Regierung und darauf folgende Kontroversen


Im Oktober 1982 schlug der damalige deutsche Bundeskanzler und promovierte Historiker Helmut Kohl in einer Regierungserklärung vor „eine Sammlung zur Deutschen Geschichte seit 1945“ aufzubauen; im Mai des folgenden Jahres betonte er die Notwendigkeit „dieses Vorhaben bald auf den Weg“1 zu bringen. Insbesondere nach der Erarbeitung und Veröffentlichung eines Grundkonzeptes war die öffentliche Debatte eröffnet.

 

Wie auch in Österreich gab es grundsätzliche Kritik an der Planung einer derartigen Einrichtung. Diese richtete sich nicht nur gegen das Bonner Projekt, sondern verschmolz teilweise mit jener gegen das ebenfalls von Kohl initiierte Museum in Berlin, das parallel geplant wurde, aber einen breiteren zeitlichen Rahmen behandeln sollte. Einige Kommentatoren zweifelten die Darstellbarkeit von Geschichte in einem Museum generell an. In diesem Zusammenhang wurde auch die Annahme kritisiert, mit einem historischen Museum lasse sich nationale Identität stiften. Außerdem gebe es die zur Legitimation des Bauvorhabens behauptete Geschichtslosigkeit der Deutschen gar nicht. Weiters wurde befürchtet, dass die neuen Museen ein regierungsamtliches Geschichtsbild vermitteln würden. Gegen diese Mutmaßung wehrten sich die Planer jedoch: Kohl verwies unter anderem auf die Mitwirkungsmöglichkeiten der politischen Parteien, mehrerer unabhängiger Sachverständiger sowie verschiedener gesellschaftspolitisch relevanter Kräfte in den Stiftungsorganen (Kuratorium, Wissenschaftlicher Beirat und Arbeitskreis gesellschaftlicher Gruppen).2


Daneben wurde über die konkreten Inhalte des Konzeptes diskutiert. Besonders bemängelt wurde das Ausblenden der Vorgeschichte der Bundesrepublik, also vor allem der NS-Zeit. Ein weiterer, immer wieder vorgetragener Kritikpunkt war, dass die Teilung Deutschlands durch eine derartige Ausstellung öffentlich abgesegnet und gebilligt werde. Außerdem wurden einzelne inhaltliche Aspekte kritisiert, wie beispielsweise die geplante Darstellung der Geschichte der Studen tenbewegung und der Aufbruchphase in den 1960er und 1970er Jahren unter Ausblendung der sich daraus ergebenden Reformen und gesellschaftlichen Bewegungen. Debattiert wurde aber nicht nur über die Inhalte des künftigen Museums, sondern auch über die Besoldung des Direktors sowie das Budget und die Personalausstattung. Ebenso wurden die späte Einbringung des Stiftungsgesetzes im Bundestag und die als zu gering angesehenen Mitwirkungsmöglichkeiten der Parlamentarier bei der Planung beanstandet.

 

Orte der Auseinandersetzungen waren neben den Tages- und Wochenzeitungen der Deutsche Bundestag sowie die Stiftungsorgane.

 


1989 und die Folgen für das Museumsprojekt

 

Die politischen Ereignisse der Jahre 1989/90 konnten nicht ohne Folgen für das projektierte Haus der Geschichte bleiben. Es bestand die Befürchtung, dass das neue Zeitgeschichte-Museum noch vor seiner Eröffnung obsolet werden könnte. Gegen diese Sorge wandte Gründungsdirektor Hermann Schäfer ein, dass das Museum von Anfang nicht als isolierte Darstellung der Geschichte der BRD geplant war und aufgrund der Offenheit des Konzeptes in der Lage sei auf die neuesten historischen Entwicklungen zu reagieren.3


In den ganzen Jahren der Vorbereitungen wurde der Standort des neuen Museums kaum diskutiert: Bonn stand als solcher von Anfang an fest. Die Einrichtung sollte ein zusätzliches Angebot an die vielen tausend Besucher des Regierungsviertels sein und war Teil des Planes die damalige Hauptstadt zu einem Kulturzentrum zu entwickeln. Diese Sinnstiftung verlor jedoch ihre Wirkung, als der Deutsche Bundestag Mitte 1991 beschloss den Regierungssitz nach Berlin zu verlegen. Diese Entscheidung hatte aber keine direkte Auswirkung auf das neue Museum, denn dessen Bau war bereits begonnen. Schäfer argumentierte, dass Bonn auch nach der Wiedervereinigung ein Symbol für jene Tradition Deutschlands sei, die das internationale Ansehen des Staates ganz entscheidend bestimmt habe und daher die Berechtigung des Standortes nicht infrage gestellt sei.4

 

 

Die Dauerausstellung ab 1994: Scharf kritisiert und hoch gelobt

 

Die Eröffnung der Dauerausstellung am 14. Juni 1994 brachte kein Ende der Debatten um dieses Museum. Der Historiker Hans Mommsen, von Anfang an erbitterter Gegner des Museumskonzeptes, bezeichnete die Schau als „inhaltsleere Selbstbespiegelung“5. Die musealisierten Aspekte wurden teilweise sogar noch heftiger als in der Planungsphase diskutiert. Viele sahen sich in ihren Befürchtungen bestätigt, dass hier das Geschichtsbild Kohls einen musealen Rahmen erhalten würde. Als Schwachpunkte wurden vor allem die Darstellung der DDR-Geschichte, die als „Westblick in den Affenkäfig“6 beschrieben wurde, sowie der zu kurz geratene Bezug auf die NS-Vergangenheit ausgemacht. Vermisst wurden ursächliche Erklärungen und eine die Exponate einigende Botschaft. Und dort, wo inhaltlich nichts zu bemängeln war, stieß man sich am chronologischen Aufbau der Ausstellung, an der Form der Inszenierung und an der Fülle von Exponaten. Auch die Architektur wurde beanstandet: Die innere Gestaltung der Ausstellungsfläche suggeriere durch die ständig aufwärts gerichtete Wegführung, dass die bundesdeutsche Geschichte ein unbestreitbarer Erfolgsweg sei.


Der ehemalige Bundesbauminister Oscar Schneider, 1986-99 Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Haus der Geschichte, hatte sich hingegen bereits vor der Eröffnung überzeugt gezeigt, dass das Museum nationalen und internationalen Vergleichen standhalten könne.7 In der Tat erhielt das Bonner Haus viel Zuspruch in der Fachwelt: 1995 wurde es vom Kulturausschuss des Europarates als Europäisches Museum des Jahres ausgezeichnet, was mit der „überzeugende[n] und wirkungsvolle[n] Darstellung aktueller zeitgeschichtlicher Probleme“8 begründet wurde; in der „Recommendation 1283 (1996) on history and the learning of history in Europe“ bezeichnete es die Parlamentarische Versammlung des Europarates als vorbildhaft für andere nationale historische Museen. Das Haus ist seit seiner Eröffnung eines der meistbesuchten Museen Deutschlands; in einer Umfrage (1995) bewerteten 90 Prozent der Besucher die Schau als gut.9


2001 wurde eine neue Dauerausstellung eröffnet, in der nun viele Bereiche, besonders jener ab 1974, überarbeitet sowie zahlreiche neue Objekte zu sehen sind. Der Blick wurde verstärkt auf die deutsch-deutschen Beziehungen sowie auf die frühere DDR gerichtet. Das Ende der Darstellung ist nach wie vor offen und so sammelt das Museum weiter Exponate, die später in die Ausstellung eingebaut werden sollen, so beispielsweise etliche zur Fußball-WM 2006.

 

Das Haus der Geschichte versteht sich jedoch nicht als reines Museum, sondern vor allem auch als Bildungseinrichtung. Diesem Anspruch wird mittels des freien Eintrittes und des Informationszentrums, das es ermöglicht Wissen zu vertiefen, Rechnung getragen. Somit wurde eine zentrale Forderung der Kritiker des Projektes erfüllt. Die SPD-Abgeordnete Doris Odendahl hatte etwa gemeint: „wir brauchen ... ein offenes Haus, in dem sich die Bürgerinnen und Bürger ... mit unserer Geschichte auseinandersetzen können.“10


Bezugnehmend auf die Europarats-Empfehlung von 1996 erhebt sich die Frage, inwiefern das Museum in Bonn einem künftigen österreichischen Haus als Vorbild dienen könnte. Doch die Situation stellt sich hier völlig anders dar: Abgesehen davon, dass die inhaltlichen Debatten ganz andere sind, fehlt bis dato ein durchgängiger politischer Wille ein solches Projekt zu realisieren.


Andrea Brait,
Historikerin, arbeitet an einer Dissertation zu historischen Museen in Österreich und Deutschland


1 Kohl, Helmut: Programm der Erneuerung: Freiheit,
Mitmenschlichkeit, Verantwortung. Regierungserklärung
des Bundeskanzlers am 4. Mai 1983 vor dem
Deutschen Bundestag in Bonn
2 vgl.: Rede von Kohl in der 125. Sitzung der 11.
Wahlperiode des Deutschen Bundestages vom 16.
Februar 1989
3 vgl.: Schäfer, Hermann: Ist es ueberhaupt sinnvoll,
zu diesem Zeitpunkt ein Haus der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland – noch ..., Handelsblatt
vom 12. April 1990, Seite 1
4 vgl.: ebenda
5 Mommsen, Hans: Das Haus der Geschichte besteht
seit zehn Jahren. „Inhaltsleere Selbstbespiegelung
statt Analyse“, Kölner Stadtanzeiger vom 10. Juni
2004
6 Der westliche Blick auf die Geschichte. Ein nachdenklicher
und aufschlussreicher Spaziergang durch
das Bonner Haus mit Jens Reich, Berliner Zeitung
vom 30. Juli 1994, Seite 37
7 vgl.: DPA-Meldung vom 8. Dezember 1993
8 Das europäische Museum des Jahres 1995, in: Süddeutsche
Zeitung vom 9. Dezember 1994, Seite 13
9 vgl.: DPA-Meldung vom 27. Mai 1995
10 Rede von Odendahl in der 125. Sitzung der 11.
Wahlperiode des Deutschen Bundestages vom 16.
Februar 1989