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Ausgabe 2/07


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Der Krieg im Museum

Seinerzeit ist alles klar gewesen. Da wurden Heeresmuseen errichtet, wie im Wiener Arsenal, im Berliner Zeughaus oder in der Dresdner Albertstadt.

 

Sie orientierten sich an anderen schon bestehenden Einrichtungen und hatten in der Regel ein einziges Ziel: Sie wollten zeigen, wie die Streitkräfte des eigenen Landes zur staatlichen Existenz beigetragen und im österreichischen Fall den Erhalt der Habsburgermonarchie zumindest einigermaßen sichergestellt haben, oder im deutschen Fall die angestrebte Weltmachtstellung militärisch vorbereitet hatten. Nach dem Ersten Weltkrieg war diese Linie so einfach nicht mehr zu verfolgen. Doch mit der Brücke „Im Felde unbesiegt“ ließ sich auch für das Hunderttausend-Mann-Heer des Deutschen Reichs eine Krücke konstruieren. Im österreichischen Fall wurde suggeriert, dass trotz der Kleinheit von Staat und Heer die Größen der Vergangenheit in den Reihen des Bundesheers mitmarschierten und sich in der musealisierten Tradition selbstverständlich wiederfanden.


Das Schöne an der Traditionspflege ist ja, dass man sie selektiv einsetzen kann: Was gegenwärtig von Bedeutung und richtungweisend für das Selbstverständnis ist, das sollte gepflegt und gezeigt werden; was da nicht hineinpasst, das lasse man einfach weg. In den Museen des deutschsprachigen Raumes dominierte in der Zwischenkriegszeit sehr bald der Erste Weltkrieg und wurde die Tapferkeit der Soldaten und deren Opferbereitschaft hervorgehoben und eben auch zu zeigen versucht, wie man angeblich nur der drückenden materiellen Überlegenheit der Feinde erlegen war. Kein Wort vom Versagen der Politik und zahlreicher militärischer Führer gerade Österreich-Ungarns oder gar von einer Militärdiktatur in Deutschland. In Wien wurde freilich die Präsentation der militärischen Geschichte des Landes für so wichtig angesehen, dass längere Zeit ernstlich überlegt worden ist, das Heeresmuseum aus dem Arsenal in die Hofburg zu übersiedeln. Dann kamen NS-Zeit und Krieg.

 

 

Die dritte Schatzkammer


Wieder gab es Brüche und den Versuch der Wiederanknüpfung, wobei das Wiener Museum trotz der starken Zerstörungen der Museumsgebäude im Arsenal und des Verlusts eines Teils der Sammlungen gegenüber den deutschen Museen 1945 einen klaren Startvorteil besaß. Die schon in der Provisorischen Staatsregierung und vor allem in der Person des kommunistischen Unterrichts- und Kultusministers Ernst Fischer deutlichgewordene Überzeugung, dass es gelte, Österreich von Deutschland abzuheben, ihm seine große Vergangenheit vor Augen zu führen und zumindest nachträglich Maria Theresia über Friedrich II. und die Preußen siegen zu lassen, fand durchaus Anklang bei der eigenen Bevölkerung und nicht zuletzt bei den Besatzungsmächten, allen voran den Sowjets. Als schließlich das mittlerweile zum Heeresgeschichtlichen Museum gewandelte Haus 1955 wiedereröffnet wurde, schwangen mehrfach emotionale Saiten mit. Im Staatsvertragsjahr, angesichts der noch nicht erklärten aber wenige Wochen später verkündeten immerwährenden Neutralität, schien das Heeresgeschichtliche Museum der deutlichste Ausdruck eines neu und wieder gefundenen Selbstverständnisses zu sein. Da die Sammlungen, die allerdings nur bis 1914 gingen, auch viel Kostbares enthielten und manches in seinem historischen Wert zweifellos einzigartig war, lag es wohl nahe, dem Museum die Bezeichnung einer dritten Schatzkammer Österreichs, neben der weltlichen und der geistlichen, zu geben.


In Deutschland war man noch lange nicht so weit. Der Partikularismus der Länder und die Teilung Deutschlands verhinderten die Errichtung eines gemeinsamen Museums, und erst in den Sechziger Jahren wurde in Rastatt in Anlehnung an die großherzogliche Sammlung im Schloss ein Museum einzurichten begonnen, das sich als Wehrgeschichtliches Museum Rastatt präsentierte und in die Zuständigkeit der Bundeswehr fiel. Doch in Ingolstadt entstand beispielsweise das Bayerische Armeemuseum, und in Dresden wurde das Museum der Nationalen Volksarmee eingerichtet. Erstgegenwärtig und singulär in der deutschen Geschichte entsteht in Dresden ein gesamtdeutsches Militärhistorisches Museum. Es lässt schon in seiner Bezeichnung einen begrifflichen Anklang an das Wiener Haus erkennen, und da die beiden großen historischen Museen Deutschlands, das Deutsche Historische Museum in Berlin und das Haus der Zeitgeschichte in Bonn, die militärische Komponente weitestgehend ausklammern, kommt dem Haus in Dresden zweifellos die Funktion zu, eine der schwierigsten und wohl weiterhin kontroversiell zu diskutierenden Fragen ausstellungsmäßig zu bewältigen, nämlich die Frage nach den Ursachen für Gewaltsamkeit und der Rolle deutscher Truppen im Zusammenhang mit der Entfesselung und der Einhegung von Gewalt. Dabei wird dem Zeitraum 1918 bis zur Gegenwart der anteilsmäßig größte Raum gegeben.

 

 

Politik und Gewalt


Seit Jahrzehnten wird die Militärgeschichte in Deutschland und Österreich nicht mehr als Sonderdisziplin, sondern als integrativer Bestandteil der Geschichtswissenschaft gesehen. Es geht daher auch im Dresdner Fall darum, die Militärgeschichte im Zusammenhang mit der geschichtlichen Gesamtentwicklung der jeweiligen Epoche darzustellen. Es geht darum, die Militarisierung und zeitweilige Brutalisierung einer Gesellschaft zu zeigen und die Frage anzuschließen, ob und wie man darüber hinwegkommt.


Und in Wien? Da ist man mittlerweile zurückgeblieben. Zum Teil hat das seine Ursache in den baulichen Rahmenbedingungen, da in dem museal genutzten Arsenalgebäude in der permanenten Ausstellung kein bis in die Gegenwart reichender Abschnitt unterzubringen ist. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Es war und ist nämlich nicht angenehm, sich Fragen zu stellen, die sich aus dem Anteil Österreichs am Nationalsozialismus zwangsläufig ergeben. Daher wurde seit dem Oktober 1998, als der Abschnitt Republik und Diktatur, 1918 bis 1945, in die permanente Ausstellung einbezogen worden ist, nicht nur über Details des Gezeigten gesprochen und immer wieder auch erregt diskutiert. Noch vor drei Jahren lautete eine Empfehlung des Verteidigungsministeriums gänzlich unumwunden: Der Saal sollte wieder geschlossen werden. Sollen sich doch andere mit der Zeit des Nationalsozialismus abmühen. Genau das wäre aber nicht nur der falsche Weg, sondern eine Katastrophe.

 

Das Heeresgeschichtliche Museum hat so wie das Militärhistorische Museum in Dresden die Aufgabe, sich mit Gewaltsamkeit auseinanderzusetzen und die Zusammenhänge zwischen Politik und Gewalt deutlich zu machen. Und sollte jemand der Meinung sein, das alles ließe sich mit dem Verweis auf Hitler und den Nationalsozialismus abtun, der irrt gewaltig. Aber es gehört durchaus zur gelebten österreichischen Gegenwart, dass man so tut, als ob es nach der bösen Nazizeit keine Zusammenhänge mehr gäbe, dass z.B. die Neutralität an sich schon schütze und dass notfalls die anderen Krieg führen sollten, weil wir selbst so friedfertig sind und so etwas nie tun würden (tu felix Austria nube). Noch pointierter gesagt: Sollen doch die Tschechen und die Slowenen darauf achten, dass uns nichts passiert. Liegt doch in deren eigenem Interesse, oder? - Das hat man alles schon gehört. Doch es ist sicherlich die falsche Antwort auf die Frage nach den Wurzeln von Gewalt und deren Ausdrucksformen. Und dass dabei nicht nur die Geschichte in den Zeugenstand gerufen werden kann, sondern in ganz besonderer Weise auch nach den Ursachen für militärische Gewaltanwendung in der Gegenwart zu fragen ist, liegt eigentlich auf der Hand.


Militärhistorische Museen müssen sich freilich generell mit der Frage beschäftigen, für wen sie ausstellen und Vergangenes bewusst machen: Für jene, die es erlebt haben, jene, denen es erspart geblieben ist oder jene, die sich darüber bewusst werden müssen, dass auch in Zukunft Politik und Gewalt nicht nur Lexikonbegriffe sind. Man könnte freilich weiter fragen: Wie denn soll man die Geschichte von Kriegen und die Entfesselung von Gewalt zeigen? Konkret: Genügt es, zweihundert Jahre Kriege des Hauses Habsburg gegen das Osmanische Reich zu zeigen und dabei nicht auch zu berücksichtigen, dass unter den Schülern, die das Museum gegenwärtig besuchen, vielleicht 20% Türken sind? Auch sie werden interessiert und angesprochen werden müssen. Sie wurden freilich in einer ganz anderen Zeit als der dargestellten sozialisiert, doch sie identifizieren sich auch anders. Und dabei kommt fast unausweichlich ins Spiel, dass militärhistorische Museen nur dann, wenn sie keine reinen Waffen- und Kriegsmuseen sind, eine immens wichtige Rolle im Rahmen einer Gesellschaft spielen: Sie zeigen wie keine anderen Einrichtungen, dass Kriege und Konflikte auch überwunden werden können und dass es nicht nur Kriegs- sondern auch Friedensordnungen gibt.

 

Manfried Rauchensteiner
Historiker, 1992-2005 Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums