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Ausgabe 2/07


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„Vom Schild und Schwert der Partei“

Ein Besuch in der Forschungs- und Gedenkstätte „Normannenstraße“


Irgendwo in Berlin-Lichtenberg suche ich in einem Labyrinth aus sozialistischen Wohnungsbauten nach der Forschungs- und Gedenkstätte „Normannenstraße“. Verborgen in einem Hinterhof finde ich schließlich das Gebäude, dass zum Synonym für Überwachung, Bespitzelung, Verfolgung in der Deutschen Demokratischen Republik wurde – die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit, kurz MfS, die heute das Museum über die Staatssicherheit beheimatet.

 

Schon beim Aufstoßen der Flügeltür empfängt mich eine Wolke jenen Geruchs, der für mich typisch, ja authentisch für DDR geworden ist. Der muffig-schwere Duft ist schwer zu beschreiben, aber jeder würde ihn wiedererkennen. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, es ist bloß eine Feststellung, die mich für den ersten Moment beschäftigt.


Sehr schnell wird deutlich, dass nicht nur der Geruch im Gebäude haften geblieben ist. Das gesamte Inventar wurde bis auf einige notwendige Veränderungen, wie Vitrinen oder an den Wänden angebrachte Tafeln, in seinem ursprünglichen Zustand belassen.


Von Beginn an wirkt alles schwer und niederdrückend auf den Besucher, aber auch nüchtern und kalt. An den Decken flackert Neonlicht und die Stille wird einzig durch Baulärm aus einem der oberen Stockwerke zerrissen. Das Museum ist fast leer. Hier und da ein paar Studenten, vereinzelt ältere Personen. Sie nehmen sich viel Zeit die drei Stockwerke zu erkunden. Bedächtig langsam laufen sie durch die langen Flure und verharren vor den vielen Plakaten und Collagen, die für sich selber sprechen müssen, andernfalls unerklärt bleiben.

 


Unkommentierte Kuriosa


Die Sammlung beginnt im ersten Obergeschoss. Gezeigt wird die Observationstechnik der Staatssicherheit und die Traditionsarbeit des MfS, sogenannter „Politkitsch“. Eine thematische Einführung, ein Kurzabriss der Geschichte des Geheimdiensts sucht man vergebens. Zahlreiche Zitate, Briefwechsel, originale Beschreibungen, Plakate sind zusammengetragen, sowie einige grotesk anmutende „Container“, die der Bespitzelung parteikritischer Mitbürger dienten: unter anderem ein imitierter Feldstein mit eingebautem Miniaturmikrophon oder ein Betonpfeiler mit verborgener Fototechnik.


Den Besucher berührt vor allem die Absurdität des Gesehenen. Es einzuordnen, fällt hingegen schwer. Natürlich darf etwas wie eine Geruchskartei nicht sein, natürlich widern Erklärungen über die effizienteste Observationstechnik des Nachbarn an, aber wie war es überhaupt möglich einen solchen Überwachungsapparat aufzubauen, wo wurzelten diese Ideen, wer trug sie und warum?


Perspektiven auf die Gegenwart fehlen und auch die Folgen der Vergangenheit bleiben gänzlich unbeleuchtet. Der Überwachungsstaat ist mit dem Ende der DDR nicht untergegangen. Das Grundgesetz soll unsere Privatsphäre schützen, doch welche Maßnahmen wenden die Geheimdienste heute an? Wer wird wie und wann überwacht? Die Ausstellung schürt diese Fragen und gibt nicht einmal Ansätze für Antworten.


Der „Politkitsch“ weckt in mir, der noch in der DDR-Geborenen, Erinnerungen. Nicht weil ich die Gegenstände mit Ideologien und Parteidiktatur verbinde, sondern weil ich mit ihnen mir bekannte Menschen assoziiere. Es ist eine Aneinanderreihung der Versuche des MfS, des „Schild und Schwertes der Partei“ (Erich Mielke), die große Verblendung aufrechtzuerhalten. Der Bezug zum großen und starken Sowjetbruder wird immer wieder betont, die Idole des Sozialismus (Marx, Engels, Lenin, Thälmann oder wahlweise auch Dr. Richard Sorge) blicken von der Wand, von gläsernen Krügen oder Tellern. Zunächst schmunzeln die Menschen, wenn sie die Teppiche mit eingesticktem „Bruder- Handschlag“ betrachten. Aber es fällt schwer zu glauben, dass eine ganze Nation geschlossen treu und gutgläubig die Deckchen mit Hammer und Sichel auf den Wohnzimmertisch legte; und erneut überflutet den Betrachter die Sehnsucht nach Hintergrundinformation, nach Interpretation.


Im zweiten Stock erhält der Besucher Einblicke in die ehemalige Chefetage. Ich gehe sowohl durch die offiziellen Räumlichkeiten des Ministers für Staatssicherheit als auch durch seinen Individualbereich. Die Einrichtung ist pragmatisch und geprägt vom Stil der 1960er und 70er Jahre. Die Zeit scheint angehalten und in der ehemaligen Cafeteria werden noch heute Kaffee und Limonade serviert. Einladend ist es dort nicht. Auch hier keine Kommentare oder Hinweise.

 


Einzelschicksale und Schulbuch-Stil


Das dritte Stockwerk ist einer Dauerausstellung zur allgemeinen DDR-Geschichte gewidmet. Endlich, mag der Besucher denken und dann doch nur finden, was er nicht gesucht hat. Die Ausstellung trägt den Titel „Unterdrückung. Aufbegehren. Selbstbefreiung.“ Sie setzt noch in der sowjetischen Besatzungszone der späten 1940er Jahre an, erzählt weiter vom gescheiterten Aufbau des Sozialismus, von der politischen Zensur, der Einschränkung der Meinungsfreiheit und schließlich von jenen, die passiven oder aktiven Widerstand leisteten.


Dieser Teil der Ausstellung wirkt, weil er immer wieder Einzelschicksale aufgreift und dadurch Nähe zum Betrachter schafft. Ansonsten sind die wichtigsten Ereignisse in steriler Schulbuchmanier zusammengefasst.


Lange verweile ich vor den Wahlplakaten von 1990. Was ist geblieben von den damaligen Ankündigungen? Welche Versprechen wurden gehalten, wie viele verraten? Wieder schlagen meine Gedanken den Bogen zur Gegenwart und werden von der Ausstellung in keiner Weise aufgefangen.


Im Flur entdecke ich auf einigen Tafeln die Geschichte der Verfolgung der Zeugen Jehovas in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, die fast nahtlos an jene im Dritten Reich anknüpfte. Dieses Kapitel ist mir neu und erregt meine Aufmerksamkeit besonders. Fassungslos stehe ich vor Biografien 40 jähriger Verfolgung und Gefangenschaft. Aber auch hier wird das Potential museumspädagogischer Arbeit nicht ausgeschöpft.


Am Ende des Ganges wurde eine Zelle aus dem Gefängnis der Staatssicherheit in Berlin Hohenschönhausen montiert. Wie so vieles wirkt sie erschreckend und doch auch deplaziert.

 


Ein Museum als Manifest der Ratlosigkeit


„Weil dieses Dokument für sich selbst spricht, haben wir auf Kommentare verzichtet“, steht auf einer Tafel und bringt das Selbstverständnis der Gedenkstätte Normannenstraße auf den Punkt. Ihre museale Strategie spiegelt den Umgang und die Erinnerung der Deutschen mit den Jahren der Zweistaatlichkeit wider. Die Ausstellung scheint noch am Anfang ihrer Entfaltung und Aufarbeitung zu stehen, so wie auch der Identitätskonflikt 17 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer nicht gelöst ist.


Wie oft hatte ich in den vergangenen Jahren das Gefühl gehabt, dass Deutschland vereint, aber nicht geeint sei? Dass wir einander trafen, für eine Weile begegneten und dann doch weiterhin nebeneinander herlebten? Erschreckend dabei ist vor allem, dass sich dieses Phänomen der  Unterscheidung auch auf nachfolgende Generationen noch immer überträgt und brisantes Thema bleibt.


Maria Neumann,
EVS-Freiwillige bei Gedenkdienst