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Ausgabe 2/07


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Endlager Museum

Museen sind ambivalente Räume: Orte der Erinnerung und des Vergessens, Orte der Bewahrung und des Todes. Für jüdische Museen in Europa muss dies nach dem von Deutschen und Österreichern initiierten und europaweit mit ihren Kollaborateuren umgesetzten systematischen Massenmord am Judentum während des Zweiten Weltkriegs besonders gelten. Sie stellen jedoch nicht nur einen Extremfall dar, sondern können zugleich als paradigmatisch für die Institution Museum und Prozesse von Musealisierung gelten.


Bereits die NS-Täter hatten während der „Endlösung“ ein jüdisches Museum errichtet: das „Jüdische Zentralmuseum“ in Prag, das 1942 aus lokalen Initiativen und Interessen der Opfer und der Täter, aufbauend auf einem schon 1906 gegründeten Museum, hervorgegangen war. Seine Nachfolgeeinrichtung stellt heute einen der größten Anziehungspunkte für Touristen in der tschechischen Hauptstadt dar.


Die Gemeinden des „Protektorats Böhmen und Mähren“ hatten jeweils vor ihrer Deportation ihre Kultgegenstände, gut verpackt und systematisch verzeichnet, an das „Zentralmuseum“ in Prag zu senden. Dort wurden sie von jüdischen Wissenschaftlern inventarisiert, gelagert und zu Ausstellungen in den Synagogen des jüdischen Viertels zusammengestellt. Die Aufsicht führte das Prager „Zentralamt zur Regelung der Judenfrage in Böhmen und Mähren“, Eichmanns Außenstelle zur Durchführung der „Endlösung“ im Reichsprotektorat.

 


Zwischen Beraubung und Bewahrung


Das Prager Museumsprojekt, wenn auch nicht, wie häufig angenommen, für den gesamten deutschen Machtbereich zuständig, stellt gewissermaßen das Endlager der „Endlösung“ dar: den Ort der Aufbewahrung dessen, was nicht ohne weiteres wie Wohnungseinrichtungen und Gebrauchsgegenstände aus jüdischem Besitz an die nichtjüdische Bevölkerung umverteilt werden konnte. Der höchst systematisch organisierte Raub musste das Problem übrig bleibender Kultgegenstände zwangsläufig aufwerfen. Diese blieben im Zuge der Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager natürlich massenhaft zurück. Gleichzeitig musste die in Prag zentralisierte Jüdische Kultusgemeinde ein Interesse daran haben, die Kultgegenstände für die Zeit nach dem Krieg zu bewahren – in der Hoffnung, ein jüdisches Leben fortsetzen zu können.


Die Aktivitäten um das Zentralmuseum oszillieren somit zwischen Beraubung und Bewahrung. Sie sind das Ergebnis sich gegenseitig aufschaukelnder und paradoxerweise in einem Punkt vereinbarer, ansonsten aber inkongruenter Interessen von SS/SD und Juden im Rahmen der nationalsozialistischen Beraubungs- und Vernichtungspolitik. Der Wille der Opfer, ein Überleben oder zumindest ein Gedächtnis zu sichern, und der Wille der Täter, ihre Opfer zu erniedrigen, zu berauben und zu vernichten, verschränken sich im Projekt des Museums.

 


Die Sammlung als Produkt der Deportationen


Das Anschwellen der Sammlungen des Prager Museums von etwa 1.000 Objekten im Jahr 1941 bis auf 200.000 in acht Gebäuden und 50 Warenhäusern zu Kriegsende spiegelt unmittelbar die Deportationen der jüdischen Gemeinden aus dem Protektorat. Die Kultgegenstände wurden wie die sie benutzenden Menschen direkt aus dem Leben, aus ihrem alltäglichen Gebrauch herausgerissen. Wenn es schon immer eine Allianz zwischen Museum und Tod gibt, so ist sie hier doch enger und direkter: Der Tod, der die Musealisierung ermöglicht oder sogar erzwingt, ist ein Mord. Die Vorgänge in Prag sind somit nicht nur eine skurrile oder kafkaeske Geschichte, sondern sind direkt und unmittelbar mit der Vernichtungspolitik verbunden, durch sie bedingt. Das Depot des Museums wuchs in dem Maße, wie die Dörfer und Städte des Protektorats „judenfrei“ gemacht wurden.


Depots als Speicher von Museen beinhalten normalerweise keine Aussage. Erst durch die Zusammenstellung und Inszenierung in den öffentlichen Räumen des Museums entsteht ein Narrativ, wird eine Position artikuliert. Bezeichnenderweise war es somit auch möglich, dass Opfer und Täter in Prag ein gemeinsames Interesse an der Sammlung der Kultobjekte hatten, es aber bei Detailfragen zur Einrichtung der Ausstellungen zu unüberbrückbaren Konflikten zwischen den aufsichtsführenden SD-Männern und den jüdischen Museumsfachleuten kam. Doch in Prag gewann selbst das Depot einen Aussagewert, allein durch seine alles umfassende Totalität. Am Ende mussten die jüdischen Mitarbeiter sogar noch ihre eigenen Besitztümer in den Bestand des Museum eingliedern, bevor sie fast alle in den Tod deportiert wurden. Ein jüdisches Leben außerhalb des musealen Raumes existierte praktisch nicht mehr. In den Ausstellungen wurde dies durch die Herstellung von lebensgroßen Wachsfiguren zur Veranschaulichung jüdischer Sitten zu kompensieren versucht. Bemerkenswert ist allerdings, dass sich die teilweise fotografisch dokumentierten Ausstellungen kaum von jüdischen Museen der Nachkriegszeit unterscheiden. Offen denunziatorische Strategien wie in den berüchtigten Propagandaaustellungen „Entartete Kunst“ und „Der ewige Jude“ sind hier nicht zu finden. So kann es auch kaum verwundern, dass während des Krieges nur einige SS/SD-Leute das Museum sehen durften, es ansonsten geheim gehalten wurde, nach Kriegsende aber praktisch unverändert für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte.

 


Die Zweischneidigkeit von Musealisierung


Was hier an einem Extremfall besonders radikal zu Tage tritt, ist die Zweischneidigkeit jeglicher Musealisierung. Bereits die beginnende Selbstmusealisierung des Judentums in Europa und Amerika um die vorletzte Jahrhundertwende war sowohl ein Versuch, die eigene Identität in Zeiten der Assimilation zu bewahren, zugleich aber eine Form der Selbsthistorisierung, ein Ablegen der eigenen alte Kultur, um als gleichberechtigte Bürger von den Nationalstaaten angenommen zu werden. Damals wurden Kultgegenstände aufbewahrt, wenn sie nach dem Abriss einer Synagoge oder nach der Auflösung einer Gemeinde nicht mehr für den Gottesdienst gebraucht wurden. Während des Zweiten Weltkrieges kam es zu einem massenweisen, weil erzwungenen Herausfallen von jüdischen Kultgegenständen aus einem bis dahin alltäglichen Benutzungszusammenhang. Ursache dafür war der Massenmord an denen, die diese Objekte benutzten. Der Vorgang der Musealisierung wird zum Raubmord. Insofern muss Auschwitz, müssen die Todeslager und die Erschießungsstätten als die eigentlichen Orte der „Musealisierung“ des Judentums verstanden werden.


Musealisierung und Museum ermöglichen den Tätern scheinbar Gegensätzliches: die tatsächliche Vernichtung des angeblichen Feindes und seine Konservierung und weitere Repräsentation zur Stützung der eigenen Ideologie, die auf Grund ihrer bipolaren Konstruktion ohne das Gegenbild „des Juden“ gar nicht aufrechterhalten werden kann. Der Schriftsteller H. G. Adler, der Theresienstadt überlebte und unmittelbar nach dem Krieg für kurze Zeit im Museum arbeitete, lässt dies in seinem Schlüsselroman über die Vorgänge in Prag, Die unsichtbare Wand, einen SS-Mann mit den Worten zusammenfassen: „Ihr müsst sein, auch wenn ihr nicht mehr seid...“. Auf Seiten der NSTäter ist die Gründung des Zentralmuseums – bewusst oder unbewusst – eine Folge dieser Einsicht. Es steht damit der verbreiteten Annahme einer parallel zur systematischen Ermordung geplanten Löschung der Juden aus Geschichte und Gedächtnis entgegen. Von einer geplanten „Endlösung der Erinnerung“ kann keine Rede sein, vielmehr von dem Versuch einer „Arisierung“ des Gedächtnisses, einer Bewahrung und Instrumentalisierung für die Zwecke der nationalsozialistischen Ideologie über den Massenmord hinaus.

 


Vernichtung und museales Erinnern


Das komplementäre Phänomen zur physischen Vernichtung muss nicht das Vergessen, sondern kann vielmehr das museale Erinnern sein. Nicht die Auslöschung überbietet den Massenmord, sondern die Bewahrung eines von den Tätern hergestellten Bildes „des Juden“. Die physische Vernichtung wäre erst komplettiert gewesen, wenn auch die Erinnerung an die Opfer von den Tätern hegemonial definiert worden wäre. Im Unterschied zur heutigen Situation hätte es eine Erinnerung ohne Gegenstimmen und ohne Konkurrenz sein sollen. Die Dargestellten hätten keinen Anteil mehr daran gehabt. Die Projekte der NS-Täter zur Sammlung und Ausstellung von Judaica und auch „jüdischen“ Körpern, von denen das Prager Museum keinesfalls das einzige, aber wohl das größte ist, sind allerdings weder neu noch singulär. Sie stehen vielmehr in der Tradition von Völkerausstellungen und Freak-Shows, von ethnologischen und anthropologischen Museen.


Inzwischen errichten die Nachkommen der Täter den Opfern Museen und Denkmäler und erinnern an die Verbrechen ihrer Väter und Großväter mit Mahnmalen und in Gedenkstätten. Ein deutscher „Endsieg“ jedoch hätte wohl auch jüdische Museen und vielleicht sogar Denkmäler für den Massenmord, als notwendige und heroische Tat verstanden, nach sich gezogen. Die scheinbar wesensmäßige Verbindung von Vernichtung und Vergessen auf der einen sowie Gedächtnis und Gerechtigkeit auf der anderen Seite, die eine Grundlage unserer Erinnerungskultur darstellt, entlarvt sich damit als Kurzschluss. Entscheidend ist, wer die Macht über Erinnerung und Gedächtnis hat, wer sie konstruiert und kontrollieren kann. Die NS-Täter haben diese Macht mit dem Kriegsende und ihrer Niederlage keinesfalls vollständig verloren. Ihre Gedächtnispolitik, der auch das Prager Museumsprojekt zuzurechnen ist, wirkt noch oftmals subkutan und unbemerkt nach.


Dirk Rupnow,
geb. in Berlin, Historiker,
dzt. APART/ÖAW Visiting Fellow, IWM Wien.
Zuletzt erschien sein Essayband: „Aporien des Gedenkens. Reflexionen über ‚Holocaust’ und Erinnerung“