AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/07


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Gedankenwirrwarr aus dem hohen Norden der Niederlande

Wenn ich darüber nachdenke was mich in der Zeit als Freiwillige hier am meisten beschäftigt hat, fallen mir eine ganze Menge Dinge ein. Oft ärgere ich mich über Verharmlosungen. So zum Beispiel wenn, wie so oft, bei Gedenkveranstaltungen die Rede davon ist, dass ‘solche Dinge ja auch heute noch passieren’ oder wenn eine Geschichte von Massenmord ohne Verantwortliche erzählt wird.


Viele Stunden lang habe ich mir auch den Kopf zerbrochen über all die Zwänge, mit denen ich hier konfrontiert werde. Denn ich empfinde Arbeit nicht als Befreiung und auch das Eingliedern in hierarchische Strukturen ist nicht etwas, wozu ich mich gerne freiwillig melde. Mir ist jedoch auch klar, dass die Welt im Moment nun einmal so funktioniert und mensch sich mit gewissen notwendigen Übeln mehr oder weniger arrangieren muss.


Gedenkdienst bietet mir auf jeden Fall die Möglichkeit eine ganze Menge spannende Erfahrungen zu machen. Dazu kommt, dass ich mich als Freiwillige bei weitem nicht in derselben Abhängigkeit befinde wie meine lieben zwangsdienstleistenden Kollegen. Diese Tatsache musste ich mir immer wieder bewusst machen, wenn ich mich an diesen dunklen, verregneten Tagen, die nur aus Schlafen, Essen und Arbeiten bestanden wieder einmal fragte ob das wirklich das ist, was ich will.


Inzwischen hat sich mein Leben hier ziemlich verändert. Ich fühle mich meist wohl in der Stadt, in der ich wohne und habe Dinge gefunden, die ich gerne tue. Dies war wohlgemerkt nicht von Anfang an so. In der Arbeit habe ich inzwischen eine tolle Begleitperson und finde mich immer besser zurecht. Viel Zeit verbringe ich mit meinem Projekt, in dem ich mich mit der Bedeutung von Gender für das Leben im Lager auseinandersetze. Das Begleiten von Gruppen hingegen nahm bisher sehr wenig Zeit in Anspruch, denn bisher kamen beinahe keine deutschsprachigen Gruppen, und mit niederländischen Gruppen beginne ich gerade erst. Es gibt unendlich viele Dinge die ich hier noch gerne machen würde, doch irgendwie vergeht die Zeit wie im Flug.


Judith Katzlinger,
EVS-Freiwillige in Westerbork