AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 3/07


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Gedenkdienst - ein „österreichisches“ Zeichen?

Der Freiwillige Dienst an ausländischen Gedenkstätten soll ein Bekenntnis zur österreichischen Mitverantwortung an den Verbrechen des Nationalsozialismus sein, im In- und Ausland. Ein solches Bekenntnis müsste nach Repräsentativität streben – sollte man wenigstens meinen. In der Praxis hängt die Möglichkeit Gedenkdienst zu leisten meist von zwei Faktoren ab: Vom sozialen Background und vor allem vom Geschlecht. Die Anbindung an den Europäischen Freiwilligendienst (EVS) war der Versuch, daran etwas zu ändern. Eine Bestandsaufnahme nach sechs Jahren.

 

Die Idee des GEDENKDIENST ist seit ihrer öffentlichen Anerkennung durch die Republik Österreich mit einem Kompromiss behaftet. Menschen, die dem österreichischen gesellschaftspolitischen Konsens in ihrer Mehrheit äußerst skeptisch gegenüber standen, die vor allem auch lange Zeit keineswegs beanspruchen konnten, ideell eine Mehrheit zu vertreten, verlangten vom Staat eine finanzielle Unterstützung ihres Auslandsengagements. Ihr Argument: Durch die Entsendung von Freiwilligen könne im Ausland glaubhaft gemacht werden, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse hierzulande seit der NS-Ära tiefgreifend geändert hätten. GEDENKDIENST würde somit das Ansehen der Republik mehren und läge daher im öffentlichen Interesse. Diese Darstellung korrespondierte durchaus mit den außenpolitischen Bedürfnissen Österreichs. Nach dem katastrophalen Bild, das die Waldheimaffäre vielerorts hinterlassen hatte, war man auch in den Ministerien zum Schluss gelangt, dass dem Ruf Österreichs in der Welt eine vergangenheitspolitische Frischzellenkur durchaus gut anstehen würde.

 

Finanzierung von Gedenkdienst: Ein Kuhhandel

 

Das Ergebnis des Wunsches nach finanzieller Unterstützung hüben und jenem nach Imagepolitur drüben war ein Kuhhandel, den beide Seiten – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven – nur sehr zögerlich hinterfragten: Eine strikt reglementierte Anzahl von Gedenkdienstleistenden (GDL) wird jedes Jahr finanziell unterstützt – jedoch nur im Rahmen des Zivilersatzdienstes. Wehrpflichtigen denen aufgrund familiärer Vermögensverhältnisse ein zwölfmonatiger Auslandsaufenthalt auch ohne finanzielle Unterstützung möglich ist, wird ihr Dienst immerhin noch als Zivilersatzdienst angerechnet. Die Organisation dahinter hat ehrenamtlich zu erfolgen oder ist von privaten SponsorInnen abhängig, aus öffentlichen Mitteln erhält Gedenkdienst für seine Tätigkeit bis heute keine wie immer geartete Basissubvention. Und vor allem: Der österreichischen – weiblichen – Mehrheitsbevölkerung bleibt nach wie vor die Möglichkeit versagt, zumindest unter gleichen Verhältnissen wie Männer Gedenkdienst zu leisten. Weder wird Frauen (und allen Männern, die den militärischen Anforderungen ans Menschenmaterial bei der Musterung nicht entsprochen haben) für ihren Dienst finanzielle Unterstützung gewährt, noch haben sie von einem GEDENKDIENST-Einsatz auch nur indirekte Vorteile zu erwarten, etwa eine Anrechnungsmöglichkeit im Rahmen der Sozialversicherung. Die einzige direkte Konsequenz, wenn eine Achtzehnjährige nach Beendigung ihrer Ausbildung Gedenkdienst leistet: Sie erhält keine Familienbeihilfe mehr, zudem streicht die Krankenkasse die Mitversicherung bei den Eltern.

 

Gedenkdienst als nichtrepräsentatives Bekenntnis?

 

Bleibt – etwa im Hinblick auf Deutschland, wo Frauen der Dienst bei „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF)“ ganz selbstverständlich finanziert wird – die Frage, wie ernst gemeint ein Bekenntnis zur historischen Mitverantwortung an den NS-Verbrechen denn sein kann, wenn so demonstrativ auf jede Repräsentanz verzichtet wird. Bleibt aber auch die Frage, wie ernst denn in Österreich das Thema Frauenförderung genommen wird, wenn das Engagement von Frauen nicht nur nicht unterstützt sondern in mannigfaltiger weise erschwert wird. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es geht hier nicht um die Einführung einer staatlichen Zwangsverpflichtung für Frauen, etwa durch ein obligatorisches „Soziales Jahr“, wodurch die ohnehin virulente Benachteiligung von Frauen weiter vertieft würde. Es geht um die Möglichkeit, freiwillig gesellschaftspolitisch sinnvoll zu wirken, dabei wesentliche Erfahrungen für sich selbst zu sammeln und dafür wenigstens nicht auch noch finanziell und sozialrechtlich bestraft zu werden.

 

Für die wenigen Frauen, die sich selbst von derartigen Rahmenbedingungen nicht abschrecken ließen gab es bis 2001 eine einzige Variante, ihren Dienst zu finanzieren: Eigene Ersparnisse aufbrauchen, einen Privatkredit aufnehmen oder Sponsorgelder akquirieren. War die eigene Familie nicht begütert, standen die Chancen schlecht: die Werbewirksamkeit gesellschaftspolitischen Engagements hält sich aus Unternehmenssicht bis heute in engen Grenzen.

 

Zwei Perspektiven auf EVS

 

Auf der Suche nach einer Lösung für dieses Problem stieß der Gedenkdienst 2001 auf den EVS, über den seither fünfzehn Freiwillige (dreizehn Frauen und zwei Männer) entsandt wurden. Parallel dazu nahm Gedenkdienst nun auch jährlich eine Freiwillige auf. Bei einem Resümee über Gedenkdienst und EVS müssen diese beiden Ebenen unterschieden werden: Gedenkdienst als Entsendeorganisation und als Aufnahmeorganisation von EVS-Freiwilligen. Begonnen beim zweiten Fall fällt das Feedback uneingeschränkt positiv aus: Das Engagement der Freiwilligen stellt eine unschätzbare Bereicherung dar, es entlastet die ehrenamtliche Struktur ganz erheblich und ermöglichte dem Verein in vielen Bereichen eine beträchtliche Ausweitung des eigenen Aktionsradius. Als wertvoll hat sich der Beitrag der EVS-Freiwilligen insbesondere auch für die künftigen Gedenkdienstleistenden erwiesen, in deren inhaltliche Vorbereitung die EVS-Voluntärinnen (bisher waren ausschließlich weibliche Freiwillige im Gedenkdiest vertreten) eingebunden sind. Nicht nur, dass sie mit jemandem konfrontiert sind, der selbst meist nur geringfügig älter ist und ein großes Maß an Eigenständigkeit und Verantwortung vorlebt, bereichert die Perspektive von außen die Wahrnehmung von selbstverständlich Geglaubtem beträchtlich.

 

Schwieriger ist die Bewertung von EVS als geeignetem Vehikel, einem möglichst breitem Personenkreis in Österreich die Möglichkeit zu verschaffen, selbst Gedenkdienst zu leisten. Unbestritten ist EVS eine deutliche Verbesserung für all jene, die ansonsten keinerlei Aussicht hätten, ihren Gedenkdienst anders als selbstfinanziert zu leisten. Aber ist deshalb alles in Butter? Bei genauerem Hinsehen ergeben sich eine Reihe von Aspekten, die durchaus kritisch zu bewerten sind: Problem 1: Die finanziellen Leistungen des EVS sind zum Teil empfindlich schlechter als im Rahmen des Zivilersatzdienstes. Problem 2: Eine ganze Reihe von Einsatzstellen – besonders jene in Übersee – bleiben EVS-Freiwilligen gänzlich verschlossen. Problem 3: Die Bewilligung der EVS-Einsatzstellen ist abhängig von den EU-Nationalagenturen in Österreich sowie im betreffenden Einsatzland. Die Genehmigungskriterien haben dabei im seltensten Fall etwas mit der österreichischen Geschichte zu tun. Problem 4: Last but not least: Grundsätzlich ist EVS ein Programm zur besonderen Förderung von Jugendlichen aus sozial benachteiligten Schichten und kein Ersatz für einen Dienst, der konkret mit der österreichischen Zeitgeschichte zu tun hat. Es ist nicht Sache Europas hierfür aufzukommen, sondern jene der Republik Österreich, die ja für sich in Anspruch nimmt, aus der Geschichte ihre Konsequenzen gezogen zu haben. Nach wie vor muss daher die Forderung gelten: Alle jungen ÖsterreicherInnen sollen unabhängig von Herkunft und Geschlecht die Möglichkeit haben, Gedenkdienst zu leisten. Der Einsatz, den sie selbst dafür zu bringen haben ist hoch: Ein Jahr ihres Lebens in recht bescheidenen Lebensverhältnissen einer Sache zu widmen von deren Richtigkeit man/frau überzeugt ist, bedeutet neben unzweifelhaft wichtigen Erfahrungen ja auch verzögerten Berufseinstieg, späteren Studienbeginn etc. Der Staat hat demgegenüber zumindest für ein bescheidenes Auskommen und die Beseitigung allfälliger sozialrechtlicher Benachteiligungen zu sorgen. Nicht nur, weil die Freiwilligen seine BürgerInnen sind und ein Recht auf seine Unterstützung haben. Sondern vor allem, weil die indirekte Unterstützung der Einsatzstellen, mithin von Institutionen, die sich mit den NS-Verbrechen, ihren Folgen und ihren Opfern befassen ein Teil dessen sein muss, was wir mit „historischer Verantwortung“ umschreiben.

 

--

 

Florian Wenninger

ist Obmann von GEDENKDIENST

is the chariman of GEDENKDIENST

 

 

 

 


Gedenkdienst - an "Austrian" symbol?

The voluntary service (Gedenkdienst) in memorial sites abroad should act as a commitment both home and away of the joint responsibility of Austria in Nazi crimes. Such a confession should at least aim to be a representative practice. However, the possibility to perform a Gedenkdienst depends on two factors: a person’s social background and most of all gender. The connection with EVS was an attempt at tackling this. This article looks back over the past six years.

 

The idea of GEDENKDIENST has been connected with compromise ever since its public acknowledgement through the Republic of Austria. Initially skeptical of reaching any socio-economic consensus and, above all, unable to claim to be representative of a majority ideal, those involved later demanded financial support. Their argument: that through sending volunteers it was possible to convey internationally that social attitudes in Austria had changed substantially since the Nazi period. GEDENKDIENST would therefore aid in improving the Republic’s reputation abroad and was therefore in the public interest. The notion fit into foreign policy well; the catastrophic image left in the wake of the Waldheim affair had also led the ministries to the conclusion that coming to terms with the past would benefit Austria’s reputation immensely.

 

Financing of Gedenkdienst: An obscure deal

 

Requesting financial support resulted, on the one hand, in image polishing, and on the other a strange deal, which was considered carefully by both parties – although for very different reasons – hesitantly: a strictly regulated number of Gedenkdiensts may be carried out with financial support each year, but only within the context of an alternative to National Service. For those people eligible for military service – and whose family circumstances allowed for a twelve month stay abroad without financial support – this offered an alternative to military service, and the organisation depended on volunteers to run it and private sponsors. GEDENKDIENST receives no basic subsidy from the public purse. Above all: the majority of the female Austrian population is not given the opportunity to carry out a Gedenkdienst – at least not under the same conditions as men. Women (and last but not least those men who don’t meet the requirements of the army medical to become cannonfodder) are not given any financial support for their service, nor can they expect indirect benefits such as credit to the balance of their social insurance. The only direct consequence of an eighteen year old woman doing Gedenkdienst after finishing her education: her family no longer receive State family benefits and she is taken off her parent’s health insurance.

 

Gedenkdienst as a nonrepresentative commitment?

 

This leads us to question – especially in respect to Germany where women completing a service with “Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF)” (roughly equivalent to GEDENKDIENST) are of course financed – whether the confession to a historical joint responsibility for Nazi crimes is honestly meant? Especially when such attempts at representative practice are blocked. And there still remains questions of how seriously the topic of women’s equality is taken in Austria if such commitments are not supported and in many ways made more complicated. Please don’t misunderstand: this is not about introducing a compulsory commitment for women, such as a social year by which the present virulent discrimination of women would be intensified . No, instead I am talking about the possibility of acting voluntarily and meaningfully in a social and political discussion, to collect at least essential experience whilst doing this and not to be impeded by finance or the law. For the few women who aren’t deterred by these general conditions there was just one option to consider for the financing of their service until 2001: to use up their savings, to raise private credit or to be sponsored. When the person’s family wasn’t too wealthy then the chances were bleak: from the perspective of a company, social-political convictions were not ‘effective’ until much more recently.

 

Two perspectives on EVS

 

In attempting to find a solution to this problem, GEDENKDIENST encountered EVS in 2001, a programme which has enabled 15 people (13 women and 2 men) to be sent until now, on top of this GEDENKDIENST accepts one volunteer per year. In a summary of EVS and GEDENKDIENST two aspects should be discussed: GEDENKDIENST as a sending organisation and as a host organisation. Starting with the latter point the feedback has been unrestrictedly positive. The commitment of the volunteers (who have, until now all been female) enriches the organisation invaluably, relieving pressure on its volunteer structure and representing a worthy contribution to the preparation of future Gedenkdienstleistenden. Not only are they only slightly older but they are a good example of somebody with a great deal of responsibility and independence, allow for an ‘outside’ perspective and challenge held beliefs.

 

More difficult to evaluate is the suitability of EVS as a vehicle to broaden the range of people in Austria with the opportunity to carry out a Gedenkdienst. EVS is undoubtedly a distinct improvement for those who would otherwise have had to finance their own Gedenkdienst, but does that mean everything is OK? On closer inspection there are elements which should be viewed more critically. Problem one: the financial provisions for EVS does not compare well to that for alternatives to National Service. Problem two: a number of placements – especially those oversees – remain closed off to EVS volunteers. Problem 3: the approval of EVS depends on approval by EU national agencies in the host and sending countries and the criteria has little to do with Austrian history. Problem four: last but not least, EVS is intended to be a special funding programme for young people from socially disadvantaged sectors of the population, not a placement service relating to recent Austrian history. Of course, it is not the worry of Europe to take responsibility, rather it is for the Republic of Austria to lay claim to the consequences of their own history. And so the assertion should be reinforced: all young Austrians – regardless of background or gender – should have the opportunity to serve a Gedenkdienst. The risk is high: to dedicate a year of their lives living in rather modest living conditions for the sake of something to which they are dedicated and, besides undoubtedly important experiences, delayed career progression and deferred entry to university. The State should at least ensure a modest livelihood and the removal of any social or legal obstacles. Not only because the volunteers are its citizens and have the right of its support, but this indirect support of placements, and consequently the institutions which are dealing with Nazi crimes, the consequences and victims has to be a part of what we describe as ‘historical responsibility’.

 

--

 

Florian Wenninger

ist Obmann von GEDENKDIENST

is the chariman of GEDENKDIENST