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Ausgabe 3/07


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Die Geschichte eines Vaters, einer Mutter, eines Sohnes, einer Schwester, einer Oma, eines Schulfreundes ...

Erinnerungen an meinen Gedenkdienst im Herinneringscentrum Kamp Westerbork 2004/05

 

Als mein damaliger Englischlehrer vor sechs Jahren in unserer Klasse das Anne Frank-Projekt, die Wanderausstellung „Anne Frank – eine Geschichte für heute“ vorstellte, hätte ich nicht gedacht, dass ich nach meiner Matura ein ganzes Jahr intensiv verwenden sollte, um mich mit der Thematik der Shoah auseinander zu setzen.

 

Durch die besagte Ausstellung, die zwei Gedenkdienstleistende mit uns Schülerinnen und Schülern vorbereiteten, lernte ich den Verein GEDENKDIENST kennen und nachdem der Verein 2001 seine Pforten für den Europäischen Freiwilligendienst geöffnet hatte, nützte ich die Gelegenheit und leistete 2004/2005 Gedenkdienst im Herinneringscentrum Kamp Westerbork.

 

Bei meiner Ankunft im September 2004 war Niederländisch – bis auf die Wörter „ja“, „nein“ und „danke“ – eine mir gänzlich unbekannte Sprache. Obwohl ein Sprachkurs im Programm des Europäischen Freiwilligendienstes inkludiert ist, verzichtete ich darauf und praktizierte „learning by doing“, was überraschend gut funktionieren sollte. Natürlich waren die ersten Wochen etwas anstrengend, weil man erstens im Anschluss an die Schule nicht an einen acht-Stunden-Arbeitstag gewöhnt ist und zweitens meine Hauptbeschäftigung dem Einlesen in die Geschichte des Lagers und den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges in den Niederlanden galt – und nicht zu vergessen: das ganze auf Holländisch. 2004/2005 war übrigens auch die erste Freiwilligenperiode, ab der ein fix angemietetes Zimmer in der Studentenstadt Groningen für die Freiwilligen zur Verfügung stand. Das Leben in einer Stadt ist zwar angenehmer als irgendwo in der Nähe des Lagers, weil das Dorfleben bei durchschnittlich zweihundert Regentagen im Jahr wirklich verdrießlich stimmen kann, allerdings beinhaltet es Hin- und Herpendeln, was immerhin gut eineinhalb Stunden pro Tag an Reisezeit einnimmt.

 

Zu den ersten Aktivitäten meiner Freiwilligenzeit gehörte also Lesen, denn profunde Kenntnisse der Lagergeschichte sind für Führungen von Schulklassen unerlässlich. Westerbork hat eine sehr interessante und vor allem auch ambivalente Geschichte:

 

1939 wurde es ursprünglich als zentrales Flüchtlingslager für deutsche Juden von der niederländischen Regierung errichtet, drei Jahre später funktionierten die Nazis, nachdem die Niederlande im Mai 1940 besetzt worden waren, Westerbork in ein Durchgangslager um. Der Zeit zwischen 1942 und 1945 ist natürlich besondere Bedeutung in der Lagergeschichte zuzuschreiben, da das „Polizeiliche Durchgangslager Westerbork“ eine zentrale Rolle bei der systematischen Vernichtung der Jüdinnen und Juden spielte. Da ich an der niederländischen Geschichte in der Besatzungszeit im Allgemeinen und an der Geschichte des Lagers im Speziellen sehr interessiert war, suchte ich mir als eines meiner Hauptprojekte die Vorarbeit an einer Ausstellung aus, was für mich bedeutete, sämtliche relevanten Biographien, Briefe und Interviews zu dem Thema „Krankenversorgung im Lager“ zu durchforsten. Im Rahmen dieser Tätigkeiten begleitete ich auch meinen Kollegen, Mentor und Chef des Archivs nach Amsterdam zu einem Interview und ins Niederländische Kriegsdokumentationsarchiv (NIOD).

 

Der Freiwilligendienst in Westerbork lehnt sich sehr stark an eigene Interessen und Bedürfnisse an. Natürlich gibt es auch Aufgaben, die prinzipiell in den Bereich der Freiwilligen fallen, ohne dass man sich das per se aussucht, wie zum Beispiel die Instandhaltung des Lagergeländes und der Monumente oder die Mitarbeit an dem Projekt „Naam en gezicht“. Wöchentlich nimmt sich der/die Freiwillige hierbei einen Halbtag Zeit, um die Transportlisten zu digitalisieren.

 

Bei solchen Arbeiten ist man aber nie alleine, da es in Westerbork zwei Freiwilligenstellen gibt: eine Stelle des deutschen Vereins Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und eine Stelle des Verein GEDENKDIENST. Die Tatsache, alle Erlebnisse und die anfänglichen Schwierigkeiten miteinander teilen zu können, da sie einander ähneln, erleichtert die erste Zeit des Arbeitens in einer Gedenkstätte sehr. Als EVS-Freiwillige/r bewegt man sich zusätzlich in einem Freiwilligennetzwerk, das in Form von zwei Seminaren spürbar wird: Das erste Seminar findet Anfang/Mitte Oktober statt, damit alle EVS-Freiwilligen, die in den Niederlanden ihren Dienst versehen, die Möglichkeit haben, sich kennenzulernen.

 

Verwandte, Bekannte und Freunde wollten in den Monaten vor meiner Abreise natürlich wissen, was ich in Holland machen würde. „EVS“ zu sagen reichte damals aufgrund der Unbekanntheit dieser Möglichkeit leider nicht als Erklärung und reicht auch heute in den wenigsten Fällen.

 

Die Organisation von und die Mithilfe bei Gedenkveranstaltungen hatte vor allem in den ersten Monaten des Jahres 2005 eine große Bedeutung: 60-jähriges Gedenken. Eine Gedenkfeier, an die ich heute noch oft zurück denke, war das „102 000 namen lezen“. Auf die Initiative von Ida Vos, einer Überlebenden des Lager Westerbork, wurde diese Gedenkfeier als Zusammenarbeit von Herinneringscentrum Kamp Westerbork und dem niederländischen Auschwitz-Komitee realisiert. In 112 Stunden lasen rund 700 Freiwillige ununterbrochen die 102 000 Namen der Menschen, die aus den Niederlanden deportiert wurden, um irgendwo in einem Konzentrationslager ihren Tod zu finden. Das Lesen fand auf dem früheren Appellplatz, direkt auf dem Lagergelände, statt. Diese Gedenkveranstaltung war sehr berührend, nicht zuletzt, weil auch „gastsprekers“, Überlebende, die ihre Geschichte in Schulen erzählen, Namen vorlasen.

 

Das Lagergelände spielt in der Arbeit der/s Freiwilligen eine wichtige Rolle: Hier werden nämlich „rondleidingen“ abgehalten. Die Gruppenbegleitungen, erst auf deutsch, später dann auch auf Niederländisch, sind ein zentraler Bestandteil des Freiwilligendienstes. Holocaust-Education ist in den Niederlandensehr spannend, da schon Gruppen ab elf Jahren betreut werden. Jede Führung beginnt mit einer „inleiding“, einer kurzen Einleitung, in der anhand einer persönlichen Geschichte eines Einzelschicksals aus der Heimatstadt der Gruppenteilnehmerinnen und -teilnehmer der Verlauf des Zweiten Weltkrieges, der Judenverfolgung und der Deportationen gezeigt wird. Der zweite Teil der Führung findet, wie bereits erwähnt, am Lagergelände statt.

 

Eine weitere Aufgabe, die in den Bereich der/s Freiwilligen fällt, ist die Mitarbeit an LSG (Landelijk Steunpunt Gastsprekers), was die Organisation von ZeitzeugInnengesprächen beinhaltet. Da diese Aufgabe Katharina, meine deutsche Mitfreiwillige, übernommen hatte, blieb mir Zeit für einen Herzenswunsch, den ich mir im Zuge meines Freiwilligendienstes erfüllen konnte: Ich war an der Übersetzung der Biographie von Louis de Wijze, einem ehemaligen Mitwirkenden des Kabaretts in Westerbork, beteiligt.

 

In den letzten Monaten meines Aufenthaltes in den Niederlanden hatte ich noch die Möglichkeit, in alle Bereiche des Museumslebens hinein zu schnuppern: Ich hatte aufgrund Personalmangels in den Sommerwochen einige Rezeptionsdienste, übernahm einen großen Teil der Kinderaktivitäten und bastelte mit einem Kollegen in der Werkstatt. Einer meiner KollegInnen meinte zum Abschied: „Jetzt, wo du eingearbeitet bist und alles kannst, gehst du wieder!“.

 

Ich ließ Holland mit einem lachenden und einem weinenden Auge hinter mir: Einerseits freute ich mich sehr auf Österreich und den Start in mein Leben als Studentin, andererseits hatte ich in einem Jahr doch so viele Eindrücke sammeln können, mich so an das Leben in den Niederlanden gewöhnt, dass ich doch nicht so ohne weiteres Abschied nehmen konnte.

 

Rückblickend hat mich dieses Jahr enorm bereichert und wissend um all die Erfahrungen, die ich machen konnte und wissend um all die interessanten Projekte, die im Moment im Herinneringscentrum realisiert werden – zum Beispiel fand Anfang Oktober eine Gedenkveranstaltung für die zweihundert Roma und Sinti statt, die via Westerbork in die Vernichtungslager deportiert wurden – finde ich es umso trauriger, dass die EVS Stelle des Verein GEDENKDIENST im HcKW zu diesem Zeitpunkt unbesetzt ist. Die Freiwilligen sind ein integraler Bestandteil des Museumlebens und helfen mit, das Herinneringscentrum zu der Institution zu machen, die es ist – man ist als Freiwillige/r Teil des Teams, nicht nur irgendwer, der im Museumsbetrieb keine Spuren hinterlässt. Ich möchte die Erfahrungen, die ich während meines Gedenkdienstes gemacht habe, sowohl die guten als auch die weniger positiven, nicht missen.

 

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Julia Walder

 

Gedenkdienstleistende im Herinneringscentrum Kamp Westerbork 2004/05

Gedenkdienst-Volunteer in Herinneringscentrum Kamp Westerbork 2004/05

 

 

 

 


A Story of a father, a mother, a son, a sister, granny, a school friend ...

Memories of my Gedenkdienst at the Memorial Centre Camp Westerbork 2004/05

 

Six years ago when my then English teacher introduced the Anne Frank Project’s traveling exhibition “Anne Frank – A story for today” to my class, I had no idea that after my final exams I would myself spend a whole year explaining the Shoah to others. It was through the exhibition and the two Gedenkdienstleistenden who accompanied it that I got to know about the organisation GEDENKDIENST and so, after 2001 when the organisation started offering EVS as a possibility, I took the opportunity and carried out my Gedenkdienst in Memorial Centre Camp Westerbork in 2004/5.

 

On arrival in the Netherlands in September 2004 aside from words such as yes, no and thank you, Dutch was a completely alien language to me. Although a language course is included as part of the EVS programme I decided against the idea and opted instead for ‘learning by doing’, which actually worked surprisingly well. The first week – quite naturally – was somewhat exhausting, firstly as I was not used to eight hour workdays having just left school and secondly, because my principal task was reading through the history of the camp and the events of the Second World War in the Netherlands… in Dutch. 2004/5 also happened to be the first year in which a rented room was provided for the volunteer in the student town of Groningen. Living in the town was much more pleasant than living somewhere nearer to the camp, as village life – with an average of 200 rainy days per year – can prove to be quite trying. However, traveling back and forth to work each day took an hour and a half.

 

And so the first activities of my volunteer service were based on developing a deep understanding of the camp history, indispensable for the guided tours I would have to give to school groups. Westerbork has a very interesting – and above all ambivalent – history: The camp was originally founded in 1939 as a central refugee camp for German Jews by the Dutch administration but within three years (following the invasion of the Netherlands in May 1940) Westerbork was a transit camp under the control of the Nazis. The period from 1942 until 1945 is naturally of specific import with the “Police Transit Camp Westerbork” playing an integral part in the systematic annihilation of the Jews. As I was particularly interested in Occupation and the history of the camp I chose for this to be a main component of my project, beginning the preparation for an exhibition. For me this meant combing through collected biographies, letters and interviews on the subject of the ‘medical provision in the camp’.

 

As part of this project I accompanied my colleagues, my mentor and the Head of the archive to Amsterdam to conduct an interview and to visit the War Archive of the Netherlands (NIOD).

 

The voluntary service in Westerbork depended heavily on my own interests and wants. Of course there are duties and responsibilities which fall to the volunteer which may otherwise have not been chosen, for example, general maintenance of the camp and monument or collaboration on the project “Naam en Gezicht”. One half day per week was given over to digitalising the lists of Transports from the camp.

 

However, in completing such work you are never alone as there are two volunteer placements at Westerbork, one from GEDENKDIENST and one from the German organisation “Aktion Sühnezeichen Friedensdienste”. Having somebody in the same position as you to share the experiences and teething problems with is invaluable, especially when working in such a place as the memorial site. As an EVS volunteer there is the additional support of the volunteer network – especially the two seminars, the first at the beginning/ middle of October offering a good opportunity to get to know the other volunteers throughout the Netherlands.

 

In the months preceding my departure relatives, acquaintances and friends wanted to know what it was I was going to do in Holland. To say “EVS” was and is rarely enough.

 

The organisation of memorial events at the beginning of 2005 had an even greater meaning: 60 years of remembrance. One commemoration, one that I often think of today, was the “102 000 namen lezen.” Ida Vos, a survivor of Westerbork, worked in conjunction with the Memorial Centre Camp Westerbork and the Dutch Auschwitz Committee to realise the project. Over 112 hours 700 volunteers read the names of the 102 000 people deported from the Netherlands to their deaths in concentration camps, without interruption. The readings took place in the former roll call ground. The commemoration was very moving, not least because gastsprekers also took part, survivors who tell their stories in schools also read names.

 

The camp plays an important part in the work of the volunteer: “Rondleidingen”, leading groups – first in German and later in Dutch – are a central component of the volunteer service. Holocaust education in the Netherlands is fascinating – with groups starting from just eleven years old. Every guided tour begins with a short introduction by way of a personal story, the fate of someone from the home town of the participants, someone who was experienced the war, the Jewish persecution and the deportations. The second part of the tour is of the camp itself. A further task which fell into the realm of the volunteer is cooperation with the LSG (Ladelijk Steunpunt Gastspekers), an organisation which arranges talks by Holocaust survivors. My German counterpart, Katharina, took over this work allowing time for me to pursue something of a vocation: the translation of Louis de Wijze biography, a member of the cabaret who was in Westerbork.

 

In the last months of my stay in the Netherlands I got a taste of all aspects of museum life: due to staffing problems in the summer months I helped on reception, took on a large portion of the children’s activities and helping my colleagues in the workshop. One colleague commented at my leaving: “Now that you are trained and can do everything, you leave again!”

 

I left Holland with a smile and a tear on my eye: on one hand I was looking forward to Austria and beginning my life as a student, on the other hand in a year I had so many experiences and become so accustomed to my life in the Netherlands that I could not leave easily.

 

Looking back the year prepared me enormously and thinking about the experiences and knowledge I gained, and projects which are currently being realised at the Memorial Centre - for example at the beginning of October an event for the 200 Romany and Sinti people who were deported to extermination camps through Westerbork – I find it such a shame that at the moment the EVS position organised through GEDENKDIENST isn’t filled. The volunteers are an integral part of the museum and memorial centre which make up the Institution that as a volunteer you are part of the team, not just passing through and leaving little legacy. I would not have missed the experience for the world – both the good and the harder aspects.

 

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Julia Walder

Gedenkdienstleistende im Herinneringscentrum Kamp Westerbork 2004/05

Gedenkdienst-Volunteer in Herinneringscentrum Kamp Westerbork 2004/05

 

 

Weiterführende Informationen:

www.europainfo.at

europa.eu/youth/volunteering_-_exchange/index_eu_de.html

www.kampwesterbork.nl