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Ausgabe 3/07


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Europäischer Freiwilligendienst und GEDENKDIENST - Eine andere Perspektive

Der Europäische Freiwilligendienst wird bei GEDENKDIENST vorwiegend mit dem Fokus auf die Entsendung von österreichischen Freiwilligen diskutiert. Damit das europäische Austauschprogramm im Vereinszusammenhang ausschließlich zu einer rein österreichische „Angelegenheit“ zu erklären, hieße einen kleinen aber feinen Aspekt außer acht zu lassen. Fungiert doch der Verein seit 2000 im Rahmen des erwähnten Europäischen Freiwilligendienstes auch als Aufnahmeorganisation. Neun nichtösterreichische Freiwillige - es waren bislang durchgehend Frauen - haben seither in Wien Gedenkdienst geleistet.

 

Ich konnte während meines einjährigen Aufenthaltes in Wien sowohl inhaltlich (u.a. die Tagung anlässlich des zehnjährigen Bestehens von GEDENKDIENST) als auch infrastrukturell (Etablierung des neuen „Headquarters“ im Rabensteig) wichtigen Meilensteinen der Vereinsentwicklung begleiten und vielfältige Erfahrungen sammeln, die meinem Zugang zur Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus entscheidend geprägt haben und auch weiterhin beeinflussen. Diese „Auswirkungen“ unterscheiden sich wohl nur in einem Punkt von denen österreichischer Gedenkdienstleistenden: Ich habe interessanterweise nie die Erfahrung gemacht, dass mir durch meine Tätigkeit bei GEDENKDIENST die „Botschafterrolle“ eines scheinbar „zur Vernunft gekommenden“ Landes zugeschrieben wurde, mit der das offizielle Österreich „seine“ Gedenkdienstleistende im Allgemeinen versieht. Sich als Deutsche mit der Thematik Nationalsozialismus beschäftigen, schien in Wien wenig Irritationen hervorzurufen, schwerer wog der Umstand, es gerade in Österreich zu tun.

 

Was zu der Frage führt, warum die „incoming“ Freiwilligen fast ausschließlich aus Deutschland stammen. Über die individuellen Motivationen, die jedem einzelnen Engagement konkret zugrunde gelegen sein mögen, kann hier nur spekuliert werden. Aber sie werden denen österreichischer Gedenkdienstleistenden sicherlich nicht gänzlich unähnlich GEWESEN WEG sein. In der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sehen sich österreichische und deutsche Freiwillige mit den gleichen Fragen konfrontiert. Als Angehörige von „Tätergesellschaften“ werden Ursachen, Auswirkungen und Folgen des NS-Regimes aus einer ähnlichen Perspektive betrachtet und auch wird der Frage nach der Verstrickung der eigenen Familie die gleiche Relevanz zukommen. Dennoch sind Unterschiede nicht zu übersehen. Wenn auch die Verantwortung für den Nationalsozialismus historisch von Österreich und Deutschland geteilt wird, sind doch im Umgang mit der Übernahme dieser Verantwortung in die jeweiligen Nachkriegsgesellschaften gravierende Differenzen zu verzeichnen. Mündete die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Erbe in Westdeutschland in einer „Internalisierung“ (Rainer Lepsius) der NS-Vergangenheit, wurde in der DDR das Selbstbild eines „besseren Deutschlands“ aufgebaut, welches zwar unter anderen Vorzeichen aber mit ähnlichen Resultaten wie in Österreich das Eingestehen einer kollektiven Verantwortung über Generationen mit gesellschaftlich Konsens verunmöglichen konnte. Mag es diesem Aspekt geschuldet sein, dass die Mehrzahl der Freiwilligen einen ostdeutschen Hintergrund aufweisen? Ob und in welchem Maße die individuelle erinnerungspolitische Sozialisierung der Freiwilligen die Entscheidung beeinflusst hat, sich mit den Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus in Österreich auseinander zusetzen, kann hier aber leider nicht geklärt werden.

 

Die Frage nach dem Engagement deutscher Freiwilliger für eine veränderte Sichtweise der österreichischen Gesellschaft auf die „eigene“ Teilhabe am NS-Regime und deren Opfer kann ich aus meiner Sicht wohl beantworten. Zum einen war das „Phänomen“ Nationalsozialismus, seine Auswirkungen und Folgen jenseits heutiger Grenzen zwischen Deutschland und Österreich präsent. Daher ist eine von nationalstaatlichen Territorien begrenzte Beschäftigung nicht zielführend. Zum anderen ermöglichen Selbstverständnis und Zielsetzung von GEDENKDIENST eine fruchtbare Integration verschiedener Perspektiven. Die Aktivitäten konzentrieren sich zwar auf die Vorbereitung und Entsendung junger ÖsterreicherInnen an ausländische NS-Forschungs- und Gedenkstätten im Ausland, ein nicht nur symbolisches Zeichens eines veränderten Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs fernab von Verdrängens- und Vergessensstrategien. Auch werden im Inland zahlreiche Schritte gesetzt, Auseinandersetzungen mit (österreichischer) Täterschaft, Erinnerung an die Opfer und deren Stellung in der Zweiten Republik zu initiieren und intensivieren. Die dabei zugrunde liegende Zielsetzung einer Übernahme von kollektiver Verantwortung für die nationalsozialistische Vergangenheit der „eigenen“ Gesellschaft unter dezidierter Ablehnung einer individuellen Schuldposition ist auch einem Engagement in Deutschland zugrunde zu legen. Sind die in den beiden Ländern offiziell geführten Diskussionen um die Entschädigung von Zwangsarbeitern, Errichtung von Denk- und Mahnmalen Staus der Opfer etc. und deren Intention auch von einem jeweils anderen Ton, liegen in der jeweilige breiten Bevölkerung doch ähnliche Abwehrargumente und vielfältige Forderung nach einem Schlussstrich auf dem Tisch. An der Notwendigkeit einer gesamtgesellschaftlichen Sensibilisierung für die Ursachen und Folgen des NS-Regimes herrscht in beiden Ländern leider weiterhin kein Mangel. Insofern ist es meiner Ansicht nicht vermessen, der Tätigkeit von „Europäischen“ Freiwilligen bei GEDENKDIENST Synergieeffekte für beide Seiten zu zu sprechen.

 

Im Austausch verschiedener Zugänge zur Thematik liegt ein Gewinn, der den gemeinsamen Bestrebungen nach einem „Niemals Vergessen“ nur zuträglich und längerfristig gesehen auch notwendig ist. Denn nicht zuletzt bezeugt diese Kooperation die Tendenz, die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und ein Holocaustgedenken auf „globale“ Füße zu stellen. Mit zunehmender zeitlicher Distanz und generationalen und demographischen Veränderungen verlieren „nationale“ Hintergründe an Bedeutung. Die in ihrer Intention und Ausführung einzigartige verbrecherische Verfolgungsund Vernichtungspolitik des NS-Regimes wird verstärkt in den Kontext von Diskriminierung und Rassismus eingebettet und als eine Folie für die Missachtung von universellen Menschenrechten herangezogen. Dieser Aspekt erweitert die Relevanz von Holocaust-Education, kann diese doch somit in einem gesamteuropäischen Kontext zum Impulsgeber für eine aktive Auseinandersetzung mit gegenwärtiger Xenophobie und Ausgrenzung von Minderheiten werden. Durch die Zusammenarbeit mit Europäischen Freiwilligen in Wien trägt GEDENKDIENST aktiv zu dieser Entwicklung bei. Und vielleicht wird man darum in Zukunft im Rabensteig auch mit „Bonjour“, „God dag“ oder „Dobrý den“ begrüßt werden.

 

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Stefanie Lucas

Gedenkdienst in Wien 2001/02

Gedenkdienst in Vienna 2001/02

 

 

 

 


European Volunteer Service and Gedenkdienst - An other point of view

The European Voluntary Service (EVS) was first discussed within GEDENKDIENST with a mind to being a sending organisation for Austrian volunteers. To explain EVS and GEDENKDIENST as an exclusively Austrian issue would be to disregard small but important aspects; since 2002 the organisation has functioned as a host organisation as well. Nine non-Austrian volunteers – invariably women – have since worked with Gedenkdienst in Vienna.

 

During my year-long stay in Vienna, I was able to gain experience as regards content (including the organisation of the 10 year anniversary conference) but also concerning practical aspects (for example, establishment of the new headquarter in Rabensteig in Vienna’s first district), but also to be present for important milestones in GEDENKDIENST’s development – the experience which definitely shaped my connection and access to the contentious issues around the theme of National Socialism and continues to. These “effects” arguably differ in only one way from those of the Austrian Gedenkdienstleistenden: interestingly I have never experienced my work with GEDENKDIENST being ascribed a “diplomatic role”, of a country which apparently “came to its senses”, the way in which the official Austria generally sees their own Gedenkdiesntleistenden. As a German dealing with the topic of National Socialism I seemed to evoke hardly any irritation in Vienna, people perhaps found it more difficult that I would do it in Austria.

 

Which leads us to the question: why do all the incoming volunteers – almost without exception – come from Germany? We can only speculate about the personal motivations which may have influenced each individual placement, but they surely not be so dissimilar from those of the Austrian Gedenkdienstleistenden. In the debate about National Socialism Austrian and German volunteers see themselves confronted with the same questions and as members of a “perpetrator-society” regard causes, effects and after-effects of the Nazi Regime from a similar perspective. Furthermore, there is a similar relevance to the question about the involvement of one’s own family, however the differences are not to be overlooked. Even though the responsibility for National Socialism is historically to be shared between Austria and Germany, there are grave differences to be noted in the acceptance of these responsibilities in the two post-war societies. On one hand in Western Germany the debate of the Nazi inheritance led to an “internalisation” (Rainer Lepsius) of the National Socialist past. On the other hand however, the DDR self-perception or image of a “Better Germany” was developed – which in Austria, although under different circumstances, created a similar result, making the recognition and acceptance of a collective responsibility over generations and a social consensus impossible.

 

Could this aspect be part of the reason that the majority of volunteers possess an East German background? Although interesting, whether individual socialisation in terms of the politics of remembrance and the aftermath of Nazism in Austria affects the decision of a volunteer, and to what extent, cannot be further described here.

 

However, the question of why German volunteers are engaged in work to change perceptions in the Austrian society about their “own” participation in the Nazi regime and its victims I can answer from my point of view. Firstly, the “phenomenon” of Nazism, and its causes and effects, was present beyond the modernday borders between Germany and Austria. As a result this approach, limited to a national territory, is pointless. Secondly, the self perception and the aims of Gedenkdienst enable a fruitful integration of different perspectives. The activities as such concentrate on preparing and sending young Austrians abroad to research Nazism and work at Memorial sites, and can be seen, not only as symbolic, but as representative of a changed attitude towards the Nazi past of Austria far beyond any strategies of suppression or forgetting. Domestically numerous steps are taken in order to initiate and intensify the discussion surrounding perpetrators and the remembrance of victims and their position in the Second Republic of Austria. The aim which underlies this assumption of a collective responsibility for the Nazi past of one’s ‘own’ society and next to this a strong denial of an individual’s position of guilt also plays a part in the involvement of Germany in such activities. There exists in both countries an official discussion about the compensation of forced labour workers and the erection of memorials, the status of victims (to name a few examples) albeit in different tones. In common however are the similar defence arguments and mechanisms throughout the wider population to draw a line under this part of history. Unfortunately there exists in neither country a consensus about the necessity of a sensitisation of the whole society to the causes and effects of the Nazi regime. In my point of view it is not too far-fetched to credit the work of EVS at GEDENKDIENST as having joint effects for both sides.

 

An advantage lies in presenting different avenues into this topic which works towards the ambition to “Never Forget” and, importantly, to a long-term legacy. Last but not least, this cooperation shows the drive to discuss National Socialism and put Holocaust memorialisation on a “global stage”. As we get further away and demographic, as well as generational, differences take place ‘National’ backgrounds are losing meaning. These approaches, in their intention and execution single out the criminal persecution and annihilation politics of the Nazi regime and are more deeply embedded in the context of discrimination and racism, put up as a pattern for the breach of universal human rights. These aspects broaden the relevance of Holocaust education, acting as a way to stimulate active discussion about current xenophobia and exclusion of minorities in a united European context. Through hosting and cooperating with EVS volunteers in Vienna, GEDENKDIENST contributes actively towards this development, and perhaps in the future one may be greeted in Rabensteig with “Bonjour”, “God dag” or “Dobrý den”.

 

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Stefanie Lucas

Gedenkdienst in Wien 2001/02

Gedenkdienst in Vienna 2001/02