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Ausgabe 4/07


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Die Zeitschrift Gedenkdienst: Zehn Jahre und ein Ende?

Zur Halbierung der Publizistikförderung

 

 

Nächstes Jahr würde die Gedenkdienst-Zeitung seit immerhin einem Jahrzehnt existieren – ob wir Grund zu feiern haben werden, ist leider nicht klar. Denn als Jubiläumsgeschenk wurde die staatliche Publizistikförderung, die man unserem Blatt bislang angedeihen ließ, um satte 60 % reduziert. In Zahlen: von rund 3.400,– auf 1.400,– Euro. Wirklich große Summen, die den Geldgeber vermutlich heftig schmerzten. Der Geldgeber, das ist das Bundeskanzleramt bzw. die KommAustria, eine jener parastaatlichen Agenturen, über die heutzutage vermehrt öffentliche Gelder abgewickelt werden.

 

 

Die Wohltaten des Sparens

 

Drastische Kürzung für Gedenkdienst also. Schließlich muss man Prioritäten setzen: Die Sicherstellung der Meinungsvielfalt verlangt eine Förderung von 48.000 Euro für die Mölzer-Postille Zur Zeit, die als Blattlinie formuliert: „gegen den linken Tugendterror, der mit der Faschismuskeule unabhängiges Denken und Publizieren verhindern möchte“.

 

Muss man aber alles immer gleich so negativ sehen? Vielleicht will man uns ja nur Gutes – im Sinn einer g’sunden Finanzwatsche. Tatsächlich, so wurde auf Nachfrage von der KommAustria beschieden, handle es sich um eine durchaus konstruktive Maßnahme; man wolle uns Anreiz geben, mehr AbonnentInnen zu werben.

 

Sicherlich, man soll die Chancen nicht unterschätzen, aus „Gedenkdienst“ einen finanziell lukrativen Auflagenerfolg zu machen. Und wenn das nicht gelingt, können wir ja immer noch die Verschlankung der Kostenstruktur angehen. Hmm, mal nachdenken: Gedruckt auf zum Gutteil gespendeten Papier, Redaktion ehrenamtlich, AutorInnenhonorare – leider nein. ABER: Wir könnten die Ausgaben für die Druckerei einsparen und die BewerberInnen um einen Gedenkdienst nach Art mittelalterlicher Schreibstuben die Zeitschrift handschriftlich kopieren lassen. Da wäre sicher noch etwas drinnen. Oder – und gemessen an unserem Vereinszweck um nichts plausibler – wir stellen den internationalen Versand ein: unter anderem an 1938 ff. vertriebene ÖsterreicherInnen, die heute in Buenos Aires oder Jerusalem, New York oder Stockholm leben. Einen großen Teil der Publizistikförderung haben wir in die hierfür anfallenden Portokosten gesteckt.

 

 

Politische Verantwortung?

 

Alles ziemlich absurd. Lächerlich? Oh ja. Aber wieder einmal nicht lustig. Heuer wollte bereits Andreas Unterberger, Chefredakteur der Wiener Zeitung, dem Verein eine existenzbedrohende Klage umhängen, hat dann aber mangels Erfolgsaussicht davon abgelassen. Dass er in der republikeigenen Zeitung den Paradeanwalt rechtsextremer Verbotsgesetz-Übertreter das Verbotsgesetz kommentieren ließ, ist eben als Faktum schwer zu leugnen.

 

Diesmal steht unsere Zeitung am Spiel. Zugegeben auf wenig spektakuläre Art, denn das Zudrehen des Geldhahns ist, zumal es sich ohnehin seit jeher um ein dünnes Rinnsaal handelt, eine ebenso schlichte wie effektvolle Maßnahme. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass uns die Kürzung trifft, nachdem Schwarz-Blau, die rechteste Regierungskonstellation, die unsere Republik je hatte, endlich abgelöst wurde.

 

Die Publizistikförderung ist freilich ausgelagert. Der Bund gibt das Geld, die KommAustria entscheidet über die Förderung. Leider also wieder einmal politisch niemand zuständig? Immerhin ist die KommAustria dem Bundeskanzleramt berichtspflichtig – könnte man da nicht meinen, wo ein politischer Wille, da auch ein Weg?

 

 

Oliver Kühschelm,

Chefredakteur GEDENKDIENST

Florian Wenninger,

Obmann Verein Gedenkdienst

 

 

 

 


Editorial

Liebe Leserin! Lieber Leser!

 

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe ruht auf einer Nachlese zum Sommersemester der Veranstaltungsreihe „Geh denken!“. Markus Rief hat Vorträge und Podiumsdiskussionen zum Verbotsgesetz, zum Jüdischen Leben in Wien nach 1945 und zur Vergangenheitsbewältigung des BSA zusammengefasst. Christian Klösch, selbst Vortragender in der Reihe, legt seine Motivation dar, sich mit dem Nationalsozialismus in seiner Heimatregion, dem Lavanttal, auseinanderzusetzen, und berichtet auch über die Rezeption, die sein aus dieser Beschäftigung entstandenes Buch in der Region fand.

 

Weitere Artikel: Harald Edinger schreibt über die Öffnung des ITS-Archivs, eines riesigen Dokumentenbestands zu KZ-Häftlingen, ZwangsarbeiterInnen und DPs, der die längste Zeit kaum zugänglich war. Maria Neumann und Hansi Kirchknopf reflektieren über den von ihnen organisierten Besuch von vertriebenen ÖsterreicherInnen in Wien, die hier eine Woche lang als ZeitzeugInnen an Schulen ihre Lebensgeschichten erzählten. Diesem kleinen Kreis gehörte Trude Levi an, die ebenfalls einige Zeilen über die Reise beigesteuert hat. Ulrich Kopetzki stellt schließlich die Bibliothèque Medem vor, wo er bis August dieses Jahres einen Gedenkdienst absolvierte.

 

2008 ist wieder ein „Bedenkjahr“ angesagt: In der medienwirksamen Kategorie „Gedenken ohne Denken“ wird großes Geld ausgeschüttet – siehe A Letter to the Stars in einem neuen Aufguss. Erfreulicherweise gewinnt das Murren gegen letzteres Projekt an Lautstärke. Zwar braucht es keine Events, die sich um Medienecho statt um differenzierung bemühen, ansonsten lässt sich der politische Bedarf an Beschäftigung mit Faschismus und NS-Zeit aber leicht argumentieren. Die Regierung ist da unfreiwillig hilfreich, denn sie legt in manchen Bereichen, leider den falschen, erstaunliches Tempo vor: Beschneidung von demokratischen Rechten (Verlängerung der Legislaturperiode), Ausweitung des Polizei- auf Kosten des Rechtsstaats, menschenverachtende Asylpolitik.

 

Oliver Kühschelm

Chefredakteur GEDENKDIENST