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Ausgabe 4/07


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Verstörung und Aneignung

Anmerkungen zu einem regionalgeschichtlichen Buch ein halbes Jahr nach dessen Erscheinen.

 

 

Als im Gedenk- und Bedenkjahr 1988 die Regionalzeitung „Unterkärntner Nachrichten“ Zeitzeugen suchte, die über den „Anschluß“ und die NS-Zeit im Kärntner Lavanttal berichten sollten, winkten alle angefragten Personen ab: Es sei zu „heikel“ über diese Zeit zu berichten war der allgemeine Tenor und mit wenigen Ausnahmen blieb es bis heute dabei.

 

 

Von der „Verstörung“…

 

Kein Wunder, dass ich als Jugendlicher keine Ahnung von den zeitgeschichtlichen Vorgängen im Lavanttal während und vor der Zeit des Nationalsozialismus hatte: Weder in der Schule noch im Familien- oder im Bekanntenkreis waren sie Thema. Es dauerte fast zehn Jahre, in denen ich mich als Historiker mit der Emigration und dem Nationalsozialismus beschäftigte, bis ich mich schließlich für meine Dissertation der regionalen Zeitgeschichte zuwandte. Am Beginn der Auseinandersetzung standen „Verstörungen“ meines Geschichts- und „Heimat“-Bildes. So überraschte mich noch während meines Gedenkdienstes in den USA ein Mitarbeiter des US Holocaust Memorial Museums in Washington DC durch Kenntnisse über meine Heimatstadt Wolfsberg und die Biografie des Eichmann-Gehilfen Franz Novak, eines gebürtigen Wolfsbergers, der sich auch bewaffnet am Juliputsch beteiligt hatte.

 

Werner Hanak, Kurator am Jüdischen Museum Wien, „verstörte“ die ehemaligen „New Yorker“ Gedenkdienstleistenden anlässlich der Vorarbeiten zur Ausstellung „Vom Großvater vertrieben. Vom Enkel erforscht. Zivildienst in New York“ im Jahr 2002 mit Fragen wie: „Warum fliegt ihr tausende von Kilometer nach Amerika um jüdische Vertriebene als Zeitzeugen über die NS-Zeit zu interviewen? Warum fragt ihr nicht in euren eigenen Familien nach, was und wie es damals geschehen ist? Ist es leichter sich mit den ‚Opfern’ als mit den ‚Tätern’ auseinanderzusetzen?“

 

In der Retrospektive waren diese „Verstörungen“ notwendige Zwischenschritte dafür, sich mit der Zeitgeschichte der engeren Umgebung zu beschäftigen. Jahre später – nachdem die Arbeit an Dissertation und Buch bereits abgeschlossen war – fand ich in Thomas Bernhards Roman „Auslöschung“ so etwas wie die programmatische Grundlage meiner Arbeit: „Wir haben“, lässt Bernhard den Erzähler resümieren, „zweifellos und tatsächlich einen großen Bericht abzugeben von dem, woraus wir schließlich entstanden und gemacht und von welchem wir die ganze Zeit unserer Existenz geprägt sind. Wir können viele Jahre davor zurückschrecken und wie vor nichts vor einer solchen ja beinahe übermenschlichen Anstrengung zurückscheuen, aber wir haben sie schließlich und endlich anzugehen und auszuführen.“

 

 

… zur „Aneignung“

 

Im Gegensatz zu Bernhard – Jahrgang 1931 –, der selbst als Jugendlicher die NS-Zeit „erlebt“ und „erlitten“ hatte, von diesem System geprägt und sozialisiert wurde, ist mein Bericht keine „Auslöschung“ sondern eine „Aneignung“. Als Nachgeborener der NS-Zeit trieb mich nicht das Bedürfnis an, die NS-Zeit durch einen Bericht auslöschen, sondern ich wollte mir das „Vergessene“, über das nicht gesprochen wurde (oder gesprochen werden konnte), aneignen, um die spürbare Lücke in der kollektiven Überlieferung zu füllen.

 

Diese „andere Geschichte“ aufzuspüren und zu erzählen konnte aber erst gelingen, nachdem jene Personen gestorben waren, die als Angehörige der regionalen Eliten ab den 1930er und 1940er Jahren die Lavanttaler Gesellschaft geprägt hatten. Zum einen hatte das praktische Gründen, da die Akteneinsicht erst jetzt möglich war, zum anderen schwand mit dem Tod der Protagonisten auch ihre frühere „Deutungshoheit“ über die regionale Geschichte, die das private und auch öffentliche Sprechen über diese Zeit prägte.

 

Die Berichterstattung über das Buch konzentrierte sich in den regionalen Medien auf die „vielen Namen bekannter Lavanttaler Familien“. Tatsächlich war es mir wichtig viele Namen zu nennen, nicht aus Lust an der Denunziation, sondern um zu zeigen, dass der Nationalsozialismus nicht eine Ideologie war, die von einigen wenigen „Verführern“ vertreten wurde, sondern bereits um 1934 – also Jahre vor dem „Anschluß“ – mitten in der Gesellschaft angekommen war und auch nach 1945 von vielen „heimlich“ weiterhin vertreten wurde.

 

 

„Wer immer wegschaut…“

 

Christian Wetternig von der „Kleinen Zeitung“ beschäftigte sich in einem Kommentar damit: „Keine Hatz, sondern Aufzeigen von Geschichte. So sollte man das Buch sehen. Wer immer wegschaut, der wird nichts erkennen.“ Auch die „Unterkärntner Nachrichten“ beschäftigten sich ausführlich mit dem Buch, obwohl – oder vielleicht auch weil – die Zeitung wegen ihrer nationalsozialistischen Orientierung häufig erwähnt wird. Ihr damaliger Inhaber Ernst Ploetz war SS-Obersturmführer und Kärntner Gaupresseamtsleiter, Franz Novak ein Mitarbeiter und Freund. Der Chefredakteur der „Unterkärntner Nachrichten“ Wolfgang Poms bekam vom jetzigen Inhaber des Verlagshauses und Enkel von Ploetz „freie Hand“ für die Berichterstattung. Das illustriert wohl auch die veränderte Blattlinie der „Unterkärntner Nachrichten“, die in den 1970er und 1980er Jahren noch als Sprachrohr der Kriegsgeneration fungierte.

 

Die Buchpräsentation, die im Juni 2007 in Wolfsberg stattfand, wurde von der Stadtgemeinde auf Vermittlung der Druckerei Theiss organisiert. Die „Unterkärntner Nachrichten“ schrieben: „Welch großes Interesse an diesem Thema – über das im Tal gerne geschwiegen wird – herrscht, wurde bei der Buchpräsentation im vollen Rathausfestsaal deutlich. Die anschließende Diskussion verlief relativ emotionslos und sehr sachlich.“

 

Tatsächlich verlief die Diskussion überraschend ruhig, vielleicht auch weil – wie ein Besucher später bemerkte – viele der im Buch erwähnten Familien bzw. deren Angehörige fehlten. Zu Wort meldeten sich der frühere FPÖ-Bezirksobmann und Nationalratsabgeordnete Günter Schönhart und der frühere SPÖ-Staatsekretär für Landwirtschaft in der Regierung Kreisky Albin Schober. Schönhart versuchte den Zulauf zum Nationalsozialismus in den 1930er Jahren mit der wirtschaftlichen Not zu erklären und Schober zitierte aus dem Buch des amerikanischen Historikers John Toland aus 1976, wonach Hitler, falls er 1937 gestorben wäre, wohl als einer der „größten Deutschen“ in die Geschichte eingegangen wäre. Wie, so fragte Schober, hätten dann die einfachen Menschen im Lavanttal zum damaligen Zeitpunkt erkennen können, was sich aus dem NS-Regime entwickeln würde?

 

 

„… der wird nichts erkennen“

 

Schober und Schönhart repräsentierten mit ihren Kommentaren den eingeübten Umgang der politischen Parteien der Zweiten Republik mit der NS-Zeit. Inhaltlich war und ist die Aussage des ehemaligen SPÖ Staatsekretärs unhaltbar: Die ersten Konzentrationslager, in denen Regimegegner (Katholiken, Kommunisten und auch Sozialdemokraten) interniert und gefoltert wurden, entstanden 1933; die Nürnberger Rassengesetzen wurden 1935 verabschiedet. Über all diese Dinge konnte man/frau sich im Österreich der 1930er Jahre sehr wohl informieren.

 

Im persönlichen Gespräch beurteilten viele LeserInnen das Buch trotz der Thematik als „unaufgeregt“. Dies war Absicht. Als Historiker wollte ich weder in die Rolle eines „Staatsanwalts“ schlüpfen (der Personen anklagt), noch in die des Richters (der sie aburteilt) oder eines Geistlichen (der Absolutionen erteilt). Ich sehe mich aber auch nicht als Chronist, der die Geschehnisse nur wiedergibt, sondern als Rekonstrukteur einer aus unterschiedlichen Gründen in Vergessenheit geratenen Geschichte.

 

Die Buchpräsentation in Wolfsberg bildete den Höhepunkt der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Thema. Weder in der „Kleinen Zeitung“ noch in den „Unterkärntner Nachrichten“ erschienen Leserbriefe zum Buch. Aber die Diskussion schien sich auf die Stammtische und in den privaten Bereich zu verlagern. Zumindest gewann ich diesen Eindruck von den Rückmeldungen, die mich erreichten. Aber vielleicht ist es auch ganz anders und das Buch fand wegen seiner „Objektivität“ sogar das Gefallen der „Ehemaligen“: Amazon-Kunden, die das Buch kauften, erwarben auch von Hans-Ulrich Rudel „Mein Kriegstagebuch“ oder von Otto Skorzeny „Meine Kommandounternehmen. Krieg ohne Fronten“…

 

 

Christian Klösch,

Zeithistoriker