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Ausgabe 4/07


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Jüdisches Leben in Wien nach 1945

Zusammenfassung eines Vortrags von Raimund Fastenbauer

 

 

Wie sieht das jüdische Leben Wiens nach dem Zivilisationsbruch der Shoa aus? Welche Entwicklungen haben sich in der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) seit 1945 ergeben? Der Generalsekretär der IKG für „jüdische Angelegenheiten“, Mag. Raimund Fastenbauer, sprach am 16. Mai im Rahmen von Geh Denken! zu diesem Thema.

 

 

Geschichte der IKG Wien nach 1945

 

1945 wurde die IKG von den wenigen noch in Österreich lebenden Juden und Jüdinnen neu gegründet. Dass die Politik der wiedererstandenen Republik dem jüdischen Leben Wiens keine Beachtung schenkte, war nur eines von vielen Problemen, mit denen die durch die Shoa so drastisch geschrumpfte Gemeinde zu kämpfen hatte. Einen tiefen Keil zwischen die IKG und die Staatsspitze schob insbesondere die Frage der Restitution von „arisierten“ Wohnungen und ehemals jüdischem Eigentum.

 

Angesichts eines weiterhin stark antisemitischen Umfelds war die IKG überzeugt, dass ihr Nachwuchs sukzessive nach Israel auswandern würde und sich somit einem jüdischen Gemeindeleben in Österreich keine längerfristige Perspektive bot. Eine erste Einwanderungswelle verzeichnete die IKG 1956, da infolge des Ungarn-Aufstandes systemkritische Juden und Jüdinnen nach Österreich flohen. Zuwanderung in größerem Ausmaß brachte auch das Jahr 1967, als die polnische KP – im weltpolitischen Kontext des Sechs-Tage-Kriegs – eine vehement antisemitische Linie einschlug.

 

Die Ära Kreisky war für die Kultusgemeinde eine stürmische Zeit. Man war schockiert, dass Bruno Kreisky, selbst jüdischer Herkunft, mit der FPÖ unter dem früheren SS-Obersturmbannführer Friedrich Peter kooperierte und ehemalige Nationalsozialisten in seine Regierung aufnahm und dass er zudem die PLO salonfähig machte. Die Ausfälle Kreiskys gegen Simon Wiesenthal, der die SS-Vergangenheit Peters thematisiert hatte, führten innerhalb der IKG zu einer ideologischen Umorientierung. 1981 verlor der SPÖ-nahe „Bund werktätiger Juden“ bei den IKG-Wahlen seine bisherige dominierende Stellung.

 

 

Von der Affäre Waldheim zur Gegenwart

 

Für die Beziehungen zum österreichischen Staat war die Causa Waldheim entscheidend, die eine nachhaltige Entlegitimierung des österreichischen Opfermythos brachte. Die positive Entwicklung wurde durch den Aufstieg der FPÖ konterkariert, die in der „politischen Wende“ des Jahres 2000 gipfelte; für die IKG ein Tiefschlag, auch wenn die unter starkem internationalem Druck stehende schwarzblaue Regierung auf die vielen offenen Fragen rund um die Eigentumsverluste von NS-Opfern mit dem Entschädigungsfondsgesetz reagierte. Die Regierung ging davon aus, dass sich die Entschädigungen auf zehn Prozent des geraubten Vermögens belaufen würden. Laut Schätzungen der IKG handelt es sich freilich nur um drei bis fünf Prozent.

 

In der Gegenwart scheint Fastenbauer insbesondere die Haltung der Öffentlichkeit zu Israel bedenklich, in der sich ein sekundärer Antisemitismus manifestiere. Seit Auschwitz sei es nicht mehr möglich einen „schönen, gewöhnlichen Antisemitismus“ wie in den 1930er Jahren an den Tag zu legen. Der Antisemitismus sucht sich neue Ventile, darunter maßgeblich die überzogene Israelkritik.

 

Derzeit verfügt die Kultusgemeinde über ca. 7000 eingeschriebene Mitglieder. Das religiöse Spektrum reicht von Orthodoxen bis hin zu Agnostikern. Auf den Mitgliederstand wirkte sich die Zuwanderung aus ehemaligen Sowjetrepubliken sehr positiv aus - die immer restriktivere Einwanderungspolitik zeitigt umgekehrt auch hier problematische Folgen.

 

 

Markus Rief