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Ausgabe 4/07


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„Diese Informationen gehören uns“

Öffnung des bedeutendsten Archivs zur NS-Zeit nach 60 Jahren

 

Die Erinnerung lebt. Noch. Erinnerung an das Leid und die Verfolgung von Millionen Menschen und Erinnerung an diejenigen, die der Todesmaschinerie des NSRegimes nicht entkommen konnten. Sie lebt, weil es heute noch Menschen gibt, die davon erzählen können und dies auch tun. Seit 60 Jahren wird versucht, diese Menschen zu würdigen, zu entschädigen und ihrer Angehörigen zu gedenken. Und während dies geschah, Namen in Stein gemeißelt und Gedenkstätten errichtet wurden, blieb eine Stätte der Erinnerung für die Öffentlichkeit verschlossen – und ist es bis heute Das Archiv des ITS (International Tracing Service od. Internationaler Suchdienst) in Bad Arolsen: 35 - 50 Millionen Seiten Archivmaterial mit Informationen zu 17,5 Millionen KZ-Häftlingen, ZwangsarbeiterInnen, und „Displaced Persons“. Jetzt, nach sechs Jahrzehnten und nachdem die meisten Holocaust-Überlebenden verstorben sind, wurde das Archiv geöffnet.

 

 

Aktenberge hinter Verschluss

 

Der International Tracing Service ging hervor aus einem Suchbüro, das die Allierten 1943 unter dem Britischen Roten Kreuz in London eingerichtet hatten und wurde 1947 nach Bad Arolsen in Deutschland verlegt. Das Rote Kreuz in Genf leitet und verwaltet den ITS auch heute noch. Die Entscheidungsgewalt über den Suchdienst – und damit auch über all die Akten – hat allerdings ein undurchschaubarer internationaler Ausschuss, bestehend aus elf Ländern: Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Israel, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Polen und den USA. Vertreter aus den Mitgliedsstaaten dieses Ausschusses trafen sich seit seiner Gründung im Jahre 1955 alljährlich, um unter anderem über Öffnung oder Nichtöffnung des Archivs abzustimmen. Allerdings ist die Diskussion darüber erst in den letzten Jahren, aufgrund massiven Drucks von außen, wirklich entflammt. Ein Aufschrei von Überlebenden und Historikern, die Akten endlich publik zu machen, wurde unterstützt vom US Holocaust Memorial Museum in Washington, DC, wie mir der Leiter des Center for Advanced Holocaust Studies des Museums, Paul Shapiro, berichtet: „Weder seitens des Internationalen Ausschusses noch seiner Mitgliedsländer wurde der Öffnung des Archivs kontinuierliche Beachtung beigemessen. Das Museum sorgte für diese Aufmerksamkeit“

 

Vor einem Jahr stimmte Deutschland einer Freigabe der Akten zu. Mitte Mai diesen Jahres, bei einem weiteren Treffen des Internationalen Ausschusses in Amsterdam, einigte man sich darauf, dass mit dem Transfer der digitalisierten Dokumente begonnen werden darf, auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Länder zugestimmt hatten. Dazu kam es erst vor wenigen Wochen, als das letzte der 11 Länder im ITS-Ausschuss, Griechenland, den Vertrag ratifizierte. Bereits im August hatten die Gedenkstätte Yad Vashem und das US Holocaust Memorial Museum die enormen Datenmengen aus Arolsen erhalten. „Das Archiv ist so gewaltig, es wird Tage dauern es auf unsere Computer zu transferieren“, so Paul Shapiro bei der Übernahme der Datenträger. Dies war jedoch nur der Startschuss für einen langen Prozess des Katalogisierens und Einordnens der Informationen. „Die Herausforderung wird sein, die Dokumente so zu organisieren, dass die Menschen finden können, was sie wollen und brauchen“.

 

Der erste Schritt war die Übersetzung des ITS-Benutzerindex ins Englische, womit meine deutschsprachigen Kollegen am Museum und ich einige Wochen lang beschäftigt waren. Mithilfe dieses Inventars können Interessierte schon jetzt – durch Abfrage auf www.ushmm.org – herausfinden, was in den 21.000 einzelnen Sammlungen des ITS zu finden ist. Der Index enthält Beschreibungen sowie Informationen zu Herkunft und Entstehungsdatum der Dokumente.

 

 

Die (Un)Tiefen einer Dokumentensammlung

 

Einiges von dem, was bis dato in Bad Arolsen Staub Staub ansetzte, könnte durchaus neue historische Erkenntnisse ans Tageslicht bringen. Dies ist mit ein Grund warum sechs Jahrzehnte bis zur Öffnung des Archivs vergehen mussten. Die Dokumente enthalten sehr persönliche Informationen zum Leben und Schicksal einzelner Häftlinge oder ZwangsarbeiterInnen, die nicht einfach freigegeben werden dürfen, so wurde seitens des Internationalen Ausschusses argumentiert. In der Tat, die Aufzeichnungen der Täter über ihre Opfer sind peinlich genau. Eine Grenze zwischen „historisch wertvollen“ und persönlichen Informationen lässt sich nur schwer ziehen. Dass die Dokumente im ITS-Archiv für die historische Forschung früher oder später unerlässlich sein werden, ist aber keine Frage. Schließlich beherbergt dieses Archiv die weltweit größte Dokumentensammlung zum nationalsozialistischen Lagersystem und weitere Unterlagen, die tiefe Einblicke in den NSUnrechtsstaat liefern und der Forschung bislang verborgen geblieben sind.

 

Den Großteil des Archivbestandes formen Dokumente, die unmittelbar nach der Befreiung von den Alliierten sichergestellt und in dem kleinen hessischen Städtchen verstaut wurden. „Unangenehmes Material wurde nach Bad Arolsen gebracht, in der Hoffnung, dass es dort für einige Jahrzehnte verschwinden würde“, beschreibt Paul Shapiro die politischen Motive, die in der Folge auch eine frühe Öffnung des Archivs verhinderten. Neben Häftlings- und Transportlisten aus den Konzentrationslagern und den großen Ghettos, umfangreichen Aufzeichnungen über Zwangsarbeit im Dritten Reich und Unterlagen aus den vielen „Displaced Persons-Camps“ werden in den Akten auch zahlreiche Firmen genannt, die Zwangsarbeiter beschäftigen. Überlebende – bitte warten

 

 

Humanitäres Mandat, aber ohne Ressourcen

 

Den Opfern des Nationalsozialismus und ihren Hinterbliebenen zu dienen, oder wie es offiziell heißt, „das humanitäre Mandat zu erfüllen“ ist Hauptaufgabe des International Tracing Service. Freilich gibt es die Möglichkeit, an den ITS eine Anfrage zum Schicksal seiner Familienmitglieder zu richten – und früher oder später würde man auch eine Rückantwort aus Bad Arolsen erhalten – aber diese lässt in den meisten Fällen lange auf sich warten und fällt in der Regel recht dürftig aus. Der Suchdienst ist die erste Anlaufstelle für derartige Anfragen, denn die s.g. „zentrale Namenskartei“ enthält 47 Millionen Indexkarten, mit Hinweisen auf 17,5 Millionen Menschen! Die Ressourcen jedoch haben nicht ausgereicht, diese Flut an Anträgen zu beantworten. Im Jahr 2004 gab es einen „Rückstau“ von 500.000 Anfragen, d.h. eine halbe Million Menschen wartete damals auf eine Antwort vom ITS.

 

Die Lösung für dieses Problem ist, das Material auch an anderen Organisationen zugänglich zu machen. Der Transfer des digitalen Archivmaterials ist nun zwar schon erfolgt, doch verstehen momentan nur wenige Menschen die komplexe Zusammensetzung dieser Sammlung. Die Dokumente aus Bad Arolsen haben den Archivbestand des USHMM in Washington verdoppelt – das Katalogisieren wird Monate dauern und das Museum vor große technische und organisatorische Herausforderungen stellen.

 

 

Die Zeit drängt

 

Es ist fast ironisch, dass zu einer Zeit, wo der blanke Zufall über Leben und Tod von Menschen entschied, von den Peinigern derartig detaillierte Aufzeichnungen geführt wurden. Es ist diese Dokumentation der Einzelschicksale, die dem Archiv seine Wichtigkeit verleiht Miki Schwartz ist einer der ersten drei Holocaust-Überlebenden, die im Rahmen der US-Fernsehsendung „60 Minutes“ das Archiv in Bad Arolsen betraten. Dort fand Schwartz zahlreiche Dokumente, die seinen Namen trugen. Darunter eine Transportliste von Häftlingen, die von Buchenwald nach Dora überstellt wurden. „Die Geschichte von Dora ist, dass dort kaum jemand überlebte“, meint der US-Fernsehmoderator zu Schwartz. „Sehen Sie Ihren Namen? Er ist auf der Transportliste zu diesem Lager. Und es geht eine gerade Linie mitten durch. Man hat Sie von der Liste gestrichen. Wussten Sie, dass Sie nach Dora gebracht werden sollten?“ „Nein, nie, nie.“, sagt Schwartz. „Jetzt gerade bin ich verängstigt. Ich erinnere mich zurück an diesen 14-jährigen Jungen, der umgebracht hätte werden sollen. Ich weiß nicht warum.“

 

Die Zeit drängt. Viele Überlebende, die nach wie vor nicht wissen, was mit ihren Angehörigen geschehen ist – oder welche Umstände Ihnen selbst das Leben gerettet haben, sind im hohen Alter. „Welche Rechtfertigung kann es geben, dass man uns davon abhält, zu lernen, was mit unseren Familien während des Holocausts passiert ist?“, fragt der österreichische Emigrant Leo Rechter, heute Präsident der National Association of Jewish Child Holocaust Survivors. „Diese Informationen gehören wirklich uns, sie sind über unsere Leben!“ Erst jetzt, nach 60 Jahren, hat man diesen Aufruf erhört. Es ist ein Ruf danach, nicht zu vergessen und nicht vergessen zu werden. Für die meisten Überlebenden ist dies die größte Furcht, dass sich nach ihrem Ableben keiner an ihre Geschichte oder den Leidensweg ihrer Familienmitglieder erinnern wird. Die Öffnung des Archivs des International Tracing Service – für sie ist es eine Versicherung gegen das Vergessen.

 

 

Harald Edinger

Gedenkdienstleistender in Washington DC, 2006/07