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Ausgabe 4/07


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Renaissance des Jiddischen. Maison de la culture Yiddish - Bibliothèque Medem

Juden in Frankreich

 

Liberté, Égalité, Fraternité. In Erinnerung an den Wahlspruch der französischen Revolution stand Frankreich seit jeher für viele als Symbol für Freiheit und Menschenrechte. Schon seit Napoleons Zeiten gab es dort eine rege jüdische Gemeinde. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg verzeichnete sie einen starken Zuwachs an jüdischen Einwanderern, die sich in Frankreich Zuflucht vor den Nationalsozialisten erhofften.

 

1933 öffnete Frankreich großzügig die Grenzen für die erste Flüchtlingswelle in der Erwartung, dass die meisten Flüchtlinge nur vorübergehend bleiben würden. Doch schon bald sahen sich die Franzosen mit der großen Zahl der vorwiegend jüdischen Emigranten, die keineswegs beabsichtigten weiter zu ziehen, sondern sich viel mehr in Frankreich niederlassen wollten, heillos überfordert.

 

Die Einreisebestimmungen wurden daher etappenweise verschärft und der Einwanderung hohe bürokratische Hürden entgegen gestellt. Nichtsdestotrotz gelangten auch weiterhin tausende jüdische Flüchtlinge ins Land. Zu Kriegsbeginn lebten rund 300.000 Juden in Frankreich. Ein Drittel von ihnen überlebte den Holocaust nicht, sondern fiel der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten zum Opfer. In den Jahren nach Ende des zweiten Weltkriegs ließen sich rund 80.000 Juden, vor allem aus Mittel- und Osteuropa, in Frankreich nieder. Der Grundstein für eine Renaissance der jiddischen Kultur im Land war somit gelegt.

 

 

Geschichte de Maison der la culture Yiddish - Bibliothèque Medem

 

Im Jahre 1922 finden sich jüdische Immigranten aus verschiedenen politischen Richtungen, vorwiegend aber Kommunisten und Bundisten, zusammen, um die Kultur-lige zu gründen – eine Vereinigung von Personen, die sich der jiddischen Kultur verbunden fühlen. Im Rahmen der Vereinigung wird auch eine kleine Bibliothek eingerichtet und unterhalten.

 

Als drei Jahre nach der Gründung die Kommunisten die Kontrolle über die Kultur-lige übernehmen, gründen die Bundisten ihre eigene Organisation: den Arbeiterklub Vladimir Medem, auch Medemfarband, benannt nach dem Leiter des jüdisch-sozialistischen Bundes in Polen und Russland. Im Februar 1929 gründen acht junge osteuropäische Einwanderer, Mitglieder des Medem-farband, eine neue Bibliothek, mit der sie sich im dritten Pariser Arrondissement ansiedeln: die Nomberg-bibliotek baym Medem-farband. 1932 wird schließlich in Paris von Aktivisten des Bundes der Cercle Amical-Arbeter Ring gegründet. Dieser organisiert auch kulturelle, vorwiegend allerdings politische Veranstaltungen, und unterhält ebenfalls eine kleine Bibliothek.

 

Nach der Besatzung von Paris im Juni 1940 und der Einführung des Judenstatus durch das Vichy-Regime im Oktober 1940, legt der Arbeter-ring sein Hauptaugenmerk auf rasche und unprätentiöse Hilfe. So bietet er beispielsweise in seinen Räumlichkeiten kostenlos warme Mahlzeiten an und unterstützt bei der Bewältigung von Behördenformalitäten. Mit den Judenrazzien in Paris im Juli 1942 verlassen zahlreiche jüdische Immigranten die Stadt.

 

Im August 1942 durchsuchen Gestapo-Beamte den Sitz des Arbeter-ring. Im Bibliothekszimmer verstellen Konservendosen die Bücherregale und die Beamten kündigen an, ihre Durchsuchung am nächsten Tag fortzusetzen. In der darauf folgenden Nacht gelingt es den verbliebenen Mitarbeitern, die Bücher in den Keller des Hauses zu schaffen. Rund 3000 Werke können auf diese Weise gerettet werden. Die Bibliothek des Arbeter-ring wird im Oktober 1944 wiedereröffnet. Zwei ihrer Gründer sind im Zuge ihrer Deportation getötet worden. Der Medem-farband existiert nicht mehr. Es bleibt der Arbeterring, der die Büchersammlung des Medem-farband übernimmt. Die Bibliothek nennt sich nun Medem-bibliotek baym Arbeter-ring, kurz Bibliothèque Medem. In den Jahren nach dem Krieg gelangen zahlreiche Juden, vor allem aus Osteuropa, nach Frankreich. Einige lassen sich hier nieder, für andere ist es eine Etappe auf dem Weg nach Amerika oder Israel. Das jiddische kulturelle Leben im Land ist daher so lebendig wie nie zuvor.

 

Die 1970er Jahre markieren eine Übergangszeit in der Geschichte der Bibliothèque Medem und des Arbeter-ring. Im Laufe der Jahre sinkt die Leserschaft kontinuierlich, immer weniger Menschen ist die jiddische Sprache zugänglich. Das Interesse der nächsten Generation an der Sprache und Kultur ihrer Eltern ist jedoch vorhanden und so beginnt man, erste Jiddischkurse anzubieten.

 

Die rasch steigenden Buchbestände und die wachsende Nachfrage nach kulturellen Angeboten führen 1981 dazu, dass sich die kulturelle Sparte vom vorwiegend politisch orientierten Cercle Amical-Arbeter Ring abspaltet und eine eigenständige Organisation bildet: l‘Association pour l‘Etude et la Diffusion de la Culture Yiddish (AEDCY). Diese kann sich nun, unter einem erheblichen unternehmerischen Risiko, voll und ganz der Förderung der jüdischen Kultur widmen. Es werden Konzerte, Vorträge und Jiddischkurse organisiert, das Angebot wird ständig erweitert und ausgebaut.

 

Im Jahr 2002 gründen AEDCY und Bibliothèque Medem die Maison de la culture Yiddish, ein Jahr später vereinigen sich AEDCY und Bibliothèque Medem schließlich zu einer gemeinsamen Organisation: der heutigen La Maison de la culture Yiddish – Bibliothèque Medem.

 

 

Die Maison de la culture Yiddish – Bibliothèque Medem heute

 

Deklariertes Ziel der Maison de la culture Yiddish ist die Pflege und Erhaltung des jüdischen Kulturgutes. Durch Aktivitäten und Veranstaltungen will sie die jüdische Kultur einem breiteren Publikum in Frankreich bekannt machen. Neben der rund 30.000 Bücher umfassenden Bibliothek unterhält die Maison de la culture Yiddish – Bibliothèque Medem auch eine Mediathek, die zu den größten in ganz Europa zählt. Geschichtlich bedingt legte die Bibliothek lange Zeit einen Schwerpunkt auf den Aufbau einer Sammlung sozialistischer Literatur, wovon sie mittlerweile aber Abstand genommen hat. Heute steht bei der Erweiterung der Bibliotheksbestände keine spezielle politische Richtung mehr im Vordergrund.

 

Eine der Haupttätigkeiten besteht in der Organisation von Jiddischkursen. Als diese in den 1970er Jahren zum ersten Mal angeboten wurden, fanden sich dafür gerade einmal 26 Schüler. Heute werden auf fünf verschiedenen Niveaus über 200 Personen unterrichtet.

 

Die Aufgaben des Gedenkdienstleistenden vor Ort bestehen vorwiegend im Vertrieb von Büchern, darunter sowohl Eigenpublikationen der Maison de la culture Yiddish, als auch antiquarische Bücher, die in den Bibliotheksbeständen mehrfach vorhanden sind. Nebenbei gilt es, im laufenden Bibliotheksbetrieb zu helfen, Besucher zu betreuen, Bücher und Zeitschriften zu katalogisieren, den Kontakt mit deutschund englischsprachigen Institutionen abzuwickeln und allgemeine Bürotätigkeiten zu übernehmen.

 

Sechs Angestellte und Dutzende ehrenamtliche Mitarbeiter organisieren indessen Konzerte, Vortrags- und Veranstaltungsreihen, Studienreisen, mehrtätige Musik-Workshops, Theaterstücke etc.

 

Das Interesse an jüdischer Kultur ist in Frankreich heute so groß wie seit Jahrzehnten nicht, Veranstaltungen der Maison de la culture Yiddish sind regelmäßig ausgebucht. Jiddisch wird gesprochen, Jiddisch lebt.

 

 

Ulrich Kopetzki,

Gedenkdienstleistender an der Bibliothèque Medem 2006/07