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Ausgabe 4/07


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Meine erste Gruppe

Aus dem Leben eines Freiwilligen in Theresienstadt

 

In der Gedenkstätte Theresienstadt steht jeder Freiwillige schon sehr früh vor der Herausforderung, alleine und ohne Rückendeckung seines Vorgängers vor einer Gruppe junger Menschen zu stehen, deren Erwartungen man nur schwer erahnen kann. Obwohl man in seiner Einarbeitungsphase schon bei einigen mehrtägigen Studienfahrten mitwirkte und sich auch die geschichtlichen Fakten durch tagelanges Einlesen verinnerlichte, steigt in einem das Gefühl der Befangenheit auf, wenn man in die Gesichter der Jugendlichen blickt.

 

Mit welchen Worten soll ich die Gruppe begrüßen? Soll ich jetzt schon über die Hausordnung sprechen oder doch erst am Abend nach dem Essen? Und wie sind eigentlich die Betreuer so drauf? Die haben ja noch gar nichts gesagt. Solche und ähnliche Fragen gehen einem in diesen Augenblicken durch den Kopf. Auf einmal besinnt man sich aber und denkt darüber nach, warum die Jugendlichen überhaupt hier sind. Dann beginnt man zu sprechen. Anfangs ist man noch etwas unsicher, aber sobald man merkt, dass einem die Leute aufmerksam zuhören, bekommt man immer mehr Sicherheit im eigenen Sprachfluss. Und damit ist auch schon der erste Knoten aufgelöst und die erste Hürde genommen… bis zum Abendessen jedenfalls. Erstaunlicherweise gibt einem das eine gewisse Sicherheit, die einige Zeit vorhält. Natürlich gestaltet sich die Durchführung aller Programmpunkte in den darauf folgenden Tagen noch immer etwas wackelig und auch das Zeitmanagement steht noch auf unsicheren Beinen, aber trotzdem hat man ein gutes Gefühl, auf die Gruppe zuzugehen.

 

Nach nun schon mehr als acht Monaten hier in Theresienstadt hat sich auch bei mir eine Art Alltag und Routine in Bezug auf Gruppenbesuche eingestellt. Auch wenn im Laufe des Aufenthaltes nicht immer alles nach meinen Wunschvorstellungen klappte, habe ich die Freude an der Arbeit nicht verloren. Diese Tatsache hängt sicher auch damit zusammen, dass ich von Anfang an ein positives Gefühl bei der Begegnung mit Jugendgruppen hatte.

 

 

Johannes Wilhelm,

Gedenkdiensleistender in Terezin 2006/07

 

(Der Beitrag wurde im Frühjahr 2007 verfasst)