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Ausgabe 4/07


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ZeitzeugInnenprojekt

30. April bis 6. Mai 2007

 

Hansi Kirchknopf, Gedenkdienstleistender am LJCC in London, organisierte in Kooperation mit Maria Neumann, EVSFreiwilliger im Gedenkdienst-Büro, eine Reise von aus Österreich vertriebenen Jüdinnen und Juden nach Wien. Hier besuchten sie eine Woche lang Schulen, um als ZeitzeugInnen vor jungen ÖsterreicherInnen ihr Geschichte zu erzählen.

 

 

Am Ende einer Reise

 

Die Reise der Gruppe von Wiener Holocaust Überlebenden, die ich organisieren durfte, ist schon ein paar Monte her. Und mittlerweile ist auch die Zeit meines Gedenkdienstes am London Jewish Cultural Centre zu Ende gegangen. Nun soll ich ein paar Eindrücke dieser Reise wiedergeben. Das fällt mir nicht leicht, denn allzu viele Begegnungen und Erlebnisse sind mir in lebhafter Erinnerung. Ich könnte vom Erfolg unserer Reise berichten und das Feedback der LehrerInnen und SchülerInnen resümieren. Auch das scheint mir nicht zufrieden stellend. Und schon gar nicht möchte ich von der Planung berichten.

 

Was mir immer in Erinnerung bleiben wird und was mich am stärksten geprägt hat, ist die Einstellung, mit der diese Menschen ihre Arbeit vollbringen. Sie lassen sich nicht von dem Schmerz, der Ihnen in der Vergangenheit zugefügt wurde, gefangen nehmen. Den Nachfahren der Täter, wie etwa mir, geben sie zu verstehen, dass nur zählt, was wir selbst tun und nicht, was unsere Vorfahren taten. Zu den SchülerInnen in Österreich möchten sie auch nicht deshalb sprechen, weil sie junge ÖsterreicherInnen dafür zur Rechenschaft ziehen wollen, was ihnen hierzulande ab März 1938 angetan wurde, sondern um Ähnliches in der Zukunft zu verhindern. Ihnen liegt das Land ihrer Herkunft immer noch am Herzen und sie wollen etwas Positives für dieses Land bewirken.

 

Das Studium der Geschichte hilft uns, aus der Vergangenheit Orientierung zu gewinnen. Wenn wir aber auch menschlich daran wachsen wollen, dürfen wir insbesondere den schmerzhaften Teilen unserer Geschichte nicht ausweichen. Mir haben die aus Österreich Vertriebenen, die ich während meines Gedenkdiensts kennen lernte, gezeigt, dass nur die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein festes Fundament für eine positive Zukunft sein kann.

 

Unser Dank gilt: Harry Bibring, Otto Deutsch, Scarlett Epstein, Freddie Knoller, Trude Levi, George Vulkan

 

 

Johann Kirchknopf,

2006/07 Gedenkdienstleistender am LJCC, London

 

 

Begegnungen

 

Wenn ich das ZeitzeugInnenprojekt resümiere, dann betrachte ich es aus zwei Perspektiven. Zum einen erinnere ich mich als Mitorganisatorin, die verzweifelt versuchte, LehrerInnen von der Bedeutung eines solchen Projekts und seiner Wichtigkeit zu überzeugen und manchmal auf sehr desillusionierende Ausreden und Absagen stieß.

 

Zum anderen denke ich an mich als Privatperson, der es vergönnt war Menschen zu treffen, deren Lebensfreude, Optimismus, Engagement scheinbar unbegrenzt ist –trotz den schwierigen Zeiten in ihrer Biografie, trotz der Verfolgungen durch die Nationalsozialisten, wofür ich ihnen meinen tiefsten Respekt zolle.

 

Khalil Gibran schrieb, dass Erinnerung eine Form der Begegnung ist. Ich begegnete nicht nur großartigen Persönlichkeiten, sondern über ihre Erzählungen hinaus auch der Geschichte meines Landes und somit mir selbst.

 

Einmal mehr habe ich gelernt, wie wichtig es ist den Blick nach vorne zu richten und dabei die Geschehnisse der Vergangenheit kritisch zu hinterfragen, ohne sich in ihnen zu verfangen.

 

Ich habe in dieser Woche nicht nur Einblicke in die Geschichte gewonnen, sondern mich, angeregt durch gemeinsame Gespräche, auch überraschend häufig mit der Gegenwart auseinandergesetzt und Prioritäten, die in der Mehrheit der Bevölkerung, von meinen Eltern, von Freunden, von mir gesetzt werden, in Frage gestellt. Ich glaube, dass wir in unserer heutigen Gesellschaft sehr schnell und bestimmt auch häufig unbewusst Ideale verfolgen, die uns vorgelebt und daher von uns als richtig erachtet werden. Sie erfreuen sich einer eigentlich unberechtigten allgemeinen Gültigkeit. Für das Erreichen dieser Ziele, die uns gegebenenfalls nicht einmal entsprechen, stellen wir unsere wahren Ansprüche und Wünsche, die vielleicht ganz klein sein mögen und dennoch äußerst zufriedenstellend, zurück. Sich diesem Sog, der Unrast zu entreißen ist nur ein Aspekt, der mich in der gemeinsamen Woche, verstärkt beschäftigte, wenn auch ein sehr bedeutender.

 

 

Maria Neumann,

2006/07 EVS-Freiwillige im GD-Büro

 

 

Einige Zeilen zu unserem Besuch in Wien in 2007

 

Meine Mutter war Wienerin. Ich bin in Ungarn, an der Grenze zu Österreich, in Steinamanger (Szombathely) zweisprachig aufgewachsen. Dadurch wurde ich in die Gruppe der in Österreich geborenen Redner aufgenommen. Dieses war das dritte Mal, dass wir nach Wien kamen, um in den Schulen unsere Kriegserlebnisse als Juden zu erzählen. In Hansi Kirchknopf hatte ich einen besonders lieben, aufmerksamen Begleiter in den Schulen. Das interessanteste war unser Besuch in seiner alten Schule, nämlich in Eisenstadt, im Gymnasium Wolfgarten. Die Jugendlichen waren anscheinend sehr gut vorbereitet und haben sehr aufmerksam zugehört. Sie waren total still, während ich ihnen erzählte.

 

Nach dem Vortrag waren wir bei der Bürgermeisterin zum Kaffee eingeladen. Da ich ja nicht weit von der burgenländischen Grenze aufgewachsen bin hatten wir etwas Gemeinsames: Wir beide sind von den verschiedenen Seiten der Staatsgrenze für Ausflüge in die Berge zum Geschriebenen Stein gegangen. Der Stein markiert die Grenze zwischen Österreich und Ungarn. Wir sind beide oft illegal über die Grenze gegangen, als wir an die andere Seite vom Stein übergetreten sind.

 

Ich erzählte auch in zwei Wiener Gymnasien, dem Piaristen Gymnasium und dem Gymnasium Stubenbastei, meine Geschichte und nahm Teil an der Debatte im Gedenkdienstbüro zu der Frage, wie unsere Erlebnisse unseren Glauben und unsere Einstellung zum Judentum beeinflusst haben.

 

 

Trude Levi,

London im August 2007