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Ausgabe 1/08


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„Von meinem politischen Leben bleibt die Affäre Reder“

Gespräch mit Verteidigungsminister a. D. Friedhelm Frischenschlager über die FPÖ, den Krieg und das Händeschütteln.

 

Wieso tun Sie sich das eigentlich an, über die Affäre Reder zu sprechen?

 

Ich war eine öffentliche Person, deshalb habe ich mich dem auch zu stellen. Es ist mir aber auch persönlich ein Bedürfnis, weil es bis heute in mir rumort und sich nur selten eine seriöse Möglichkeit bietet, Rede und Antwort zu stehen und Klarzustellungen zu treffen. Gerade weil ich mein damaliges Verhalten heute mehr als kritisch ansehe, aber auch, wie mit dem Fall „Reder-Frischenschlager“ umgegangen wurde. Außerdem ist der Gedenkdienst ein guter Rahmen dafür – Sie sind ja auch irgendwie die Jungen, die sich mit alldem herumzuschlagen haben.

 

Herr Dr. Frischenschlager, sind Sie ein Vorzeigesohn des Dritten Lagers?

 

Ich habe mich als Bestandteil des Dritten Lagers gesehen und war es qua meiner Sozialisation auch. Heute bin ich das nicht mehr. Mein Vater war Mitglied der NSDAP, aber im Grunde apolitisch und ist der Partei wohl eher aus beruflichen Überlegungen beigetreten. Meine Mutter war national in einem bürgerlichprotestantischen Sinne. Selbstverständlich war mein Elternhaus antikommunistisch und war für beide Eltern völlig klar, auf welcher Seite man in der Kriegssituation stand. Insgesamt kann aber dennoch keine Rede davon sein, dass meine Familie eine NS-Affinität gehabt hätte – nach 1945.

 

1971 sind sie in die FPÖ eingetreten und haben bald einen steilen Aufstieg absolviert. Wie gingen Sie damit um, dass Ihr Fürsprecher und Parteiobmann Friedrich Peter Mitglied einer SS-Einsatzgruppe war?

 

Das haben wir vor 1975 nicht gewusst. Es war bekannt, dass er Kompaniekommandant bei der Waffen-SS war. Aber gerade bei ihm war uns das eigentlich recht unverdächtig. Er hat auch im kleinen Kreis niemanden im Zweifel darüber gelassen, dass er das Dritte Reich ablehnte.

 

Wie sehen Sie das heute?

 

Ich habe Peter gemocht, als Person und Politiker. Lassen Sie es mich so formulieren: Ich habe ihm damals gerne geglaubt und ich würde ihm auch heute noch gerne glauben können.

 

Ihr Parteifreund Volker Kier hat gemeint, seit er politisch denken konnte, hätte er die „tragische Geschichte des Major Reder“ gekannt. Sie sei ein zentraler Mythos innerhalb des Dritten Lagers gewesen. Wie viel wussten Sie denn vor 1985 über Walter Reder?

 

Ich kannte keine Details, aber jeder, der politisch-historisch interessiert war, wusste von dem Fall Reder. Ich natürlich auch.

 

Wie beurteilten Sie damals Reders Taten und darüber hinaus den italienischen Partisanenkampf?

 

Man kann die ganze Sache aus zwei Perspektiven betrachten: Einerseits die Partisanenbrigade, die von einer italienischen Befreiungsposition aus heldenhaft ist. Andererseits war derselbe militärische Verband aus Sicht der Wehrmacht und der mit ihr sympathisierenden Bevölkerungsteile eine Bande grausamer Täter. Bei der Beurteilung der damaligen Geschehnisse schien mir klar, dass es der Versuch der militärischen Führung war, die beträchtliche militärische Potenz einer Partisanenbrigade auszuschalten. Insofern war die Aktion gegen die Stella Rossa nicht Vergeltungsaktion, sondern primär eine militärische Aktion gegen einen gefährlichen, starken Gegner. Bei der Bekämpfung ist es dann sicherlich zu Exzessen und zivilen Opfern gekommen. Aber ich glaube, dass im Mittelpunkt das Militärische war. Mit den grausamen Begleiterscheinungen.

 

Simon Wiesenthal erklärte das überparteiliche Engagement für Reder in Österreich einmal damit, dass derjenige, dem es gelänge Reder frei zu bekommen, sich begründete Hoffnungen auf die Stimmen der Nazis machen durfte. War das etwas, das in ihrem Denken eine Rolle gespielt hat?

 

Nein. Schon deshalb nicht, weil ich geglaubt habe, das Ganze geschieht unbemerkt. Ich bin davon ausgegangen, dass die befohlene Geheimhaltung funktioniert. Dieser Plan sah Selbstprofilierung nicht vor.

 

Wie ging das Ganze denn im Detail vor sich?

 

Am 22. Jänner 1985 ruft in der Früh Außenminister Gratz an: „Der Reder kommt aus der Haft in Italien; das Furchtbarste für die italienisch-österreichischen Beziehungen wäre, wenn etwa der Kameradschaftsbund jetzt eine Massenveranstaltung inszeniert.“ Wir sollten Reder daher möglichst inkognito ins Land bringen, und dafür wäre das Verteidigungsministerium kompetent. Ich war einverstanden, aber skeptisch, wie das mit der Geheimhaltung funktionieren könnte. Ein zufälliger Zeuge des Telefonats, ein hoher Fliegeroffizier des Bundesheeres, beriet mich und meinte: „Na ja, mit dem Auto geht das schlecht. Wenn der von der Grenze abgeholt wird, das bekommen zu viele Leute mit. Aber es gibt ja die Möglichkeit eines Ministerfluges, bei dem die Insassen nicht bekannt gegeben werden müssen.“ Ich weiß, das klingt aus heutiger Sicht unverständlich, aber so haben wir gedacht: Wir übernehmen ihn und bringen ihn unbemerkt ins Heeresspital Baden. Und ich hab geglaubt: Wenn das nur mit Ministerflug geht, dann mach ich das halt.

 

Ihre Erzählung bei der Gedenkdienstveranstaltung war geprägt von einem unglaublichen Detailreichtum, nur zwei Themen kamen kaum vor: Walter Reder und der berühmte Handschlag.

 

An Reder erinnere ich mich natürlich schon. Er stieg in Thalerhof als erster aus der italienischen Maschine, gefolgt von sechs weiteren Personen. Ich gab denen die Hand, jedem. An den Handschlag mit Reder erinnere ich mich nicht. „Der Handschlag“ war eine Mediengeschichte, die mein staatsoffizielles Handeln unterstreichen sollte. In der konkreten Situation war von Förmlichkeit nicht viel zu merken.

 

Was sollte mit Reder weiter passieren?

 

Von seiner Familie war vorgesehen, dass er in einem Pensionistenheim in Wien untergebracht wird. Das war auch vorbereitet, scheiterte dann aber an Schwierigkeiten mit der Gemeinde Wien. Schließlich fand sich eine Notlösung in einer kirchlichen Einrichtung. Das sind Dinge, die ich eigentlich nicht erzählen will, weil die beteiligten Personen noch leben und damals Stillschweigen vereinbart wurde. Später kam Reder dann nach Kärnten, dort hatte er einen Gönner, den ÖVP-Abgeordneten Wilhelm Gorton. Im Parlament hat mich die ÖVP niedergemacht, in Wahrheit hatten die mit Reder aber keine großen Probleme, im Gegenteil.

 

Wie sahen denn, nachdem die ganze Sache öffentlich geworden war, die Krisenbewältigungsszenarien im Stab Frischenschlager so aus?

 

Im Nachhinein ganz merkwürdig: Wir haben auch am 25. Jänner, nachdem schon alle Zeitungen etwas drüber gebracht haben, immer noch geglaubt, das ist ein Sturm im Wasserglas. Erst als am 26. die ÖVP sich auf das Thema draufgesetzt hat, war klar: Das könnte doch nicht ganz so einfach werden. Zuerst ist also der Plan: Nicht reagieren? Nein, ich habe reagiert, noch in einer Pressekonferenz am 24. Jänner. Aus meiner Sicht gab es ja kein Problem. Spätestens sobald die ÖVP aus allen Rohren geschossen hat, hatte ich keine Chance mehr durchzudringen. Ab jetzt war klar, die ÖVP verwendet das, um die kleine Koalition zu kippen. Bei einem Krisengipfel mit Sinowatz, Gratz, Fischer, Blecha wurde dann vereinbart, dass ich einbekennen sollte, einen schweren politischen Fehler gemacht zu haben.

 

War das ein Opfergang, der von Ihnen verlangt wurde, oder war Ihnen das ein Bedürfnis?

 

Bedürfnis wäre wohl übertrieben, aber ich glaube, bei mir war der Groschen schon gefallen. Ob ich selbst vorgeschlagen habe so zu verfahren, weiß ich nicht mehr. Den Wortlaut der Erklärung habe ich später mit Fischer und Blecha ausgearbeitet. Gehandelt werden musste ja auch, um einer Revolte innerhalb der SPÖ vorzubeugen. Mehrere Abgeordnete haben wenig Hehl daraus gemacht, dass sie beim Misstrauensantrag gegen mich mit der ÖVP stimmen wollen.

 

Was tat sich in der FPÖ?

 

Die Partei hat sich überwiegend mit mir solidarisiert. Eine einzige hat intern gesagt: Rücktritt. Helene Partik-Pablé. Die Partei war loyal, weil man über die Flügel hinweg auf „Koalition-Halten“ war. Das hieß automatisch auch, mich zu halten.

 

Wie verhielt sich der aufstrebende Jörg Haider?

 

Jörg Haider hat ganz genau verstanden, dass ich jetzt durch ostentativen Applaus von der falschen Seite ganz leicht als Liberaler diskreditierbar war. Ich hätte nur versuchen können, wenigstens die Nationalen für mich einzunehmen, indem ich mich voll mit Reder identifiziere. Aber das wollte ich unter keinen Umständen.

 

Wie empfinden Sie denn das Verhalten von SPÖ und ÖVP während der Debatte 1985?

 

Das Verhalten der ÖVP empfinde ich weitgehend als Heuchelei. Bei der SPÖ hab ich die Reaktionen schon eher verstanden. Leute wie Gabrielle Traxler kamen aus Opferfamilien, damit hatte ich keine Schwierigkeiten. Das war für mich nachvollziehbar, auch bei Lacina und Dohnal. Diese Leute haben es sich ja auch selbst nicht leicht gemacht – immerhin haben sie gegen die eigene Parteilinie Stellung bezogen. Und sie haben mir auf den Kopf zu gesagt was sie von dieser Angelegenheit halten. Angenehm war das zwar nicht, aber begreifbar.

 

Begegnete Ihnen die Affäre noch länger?

 

Ich werde bis heute, auch auf der Straße, drauf angesprochen. Ich versuch dann halt zu erklären. Und ich sag immer, ich will nicht andere verantwortlich machen. Schwieriger wird es, wenn ich merke, dass der Gesprächspartner gar nicht hört oder hören will, was ich sage. Am meisten verunsichern mich immer noch die, die sagen: „Ihnen ist übel mitgespielt worden, ich versteh Sie vollkommen!“ Da bin ich mir nie ganz sicher, was die eigentlich zu verstehen glauben.

 

Welche Rolle hat die Affäre Reder in der FPÖ noch bis zu ihrem Parteiaustritt gespielt?

 

Ich war stigmatisiert und sobald es um etwas ging wurde das Ganze früher oder später in Anschlag gebracht. Nicht immer offen, manchmal nur in Anspielungen. Aber alle wussten, worum es geht. Vor allem wenn es eine Möglichkeit war, mich irgendwo zu verhindern. Meine Hoffnung, dass mich all das wenigstens im LIF nicht mehr verfolgen möge, hat sich auch nicht erfüllt. Heute muss ich zur Kenntnis nehmen: Was von meinem politischen Leben bleiben wird, ist die Affäre Reder-Frischenschlager.

 

Fühlen Sie sich eigentlich als Opfer?

 

Nein. Es war mein politischer Fehler, da kann ich mich nicht rausreden. Ich hätte es rückblickend allen gerne erspart. Besonders denjenigen, die unter dem NS-Regime gelitten haben und die das als neuerliche schwere Verletzung empfinden mussten. Das waren Opfer. Aber ich doch nicht.

 

Danke für das Gespräch.

 

Freitag, 14. Dezember 2007

 

Interview: Florian Wenninger

 

Das vollständige Interview nachlesen

 

 

 

 

FACTBOX Die Affäre Reder - Frischenschlager:

 

Walter Reder wurde 1948 von den Alliierten an Italien ausgeliefert und im Oktober 1951 zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Berufungsverfahren 1954 führte zwar zur Aufhebung mehrerer Punkte des vorangegangenen Urteils, an der verhängten Strafe änderte sich jedoch nichts. Allerdings wurden die Bedingungen der Haft, die Reder in der Festung Gaeta nördlich von Neapel verbüßte, erheblich verbessert. So standen ihm und seinem Mithäftling ein geräumiges Appartement mit Terrasse und Diener zu.

 

1957 gründete der ehemalige SS-Offizier Ernst-Günther Krätschmer die Gaeta Hilfe, um für die Freilassung Reders Stimmung zu machen. Es gelang Personen des öffentlichen Lebens in Österreich für die Sache zu begeistern. Die Liste von Reders Fürsprechern reichte von Bruno Kreisky über Alois Mock bis hin zu Kardinal König.

 

Auch international reüssierten die Hilfsappelle für den „letzten Kriegsgefangenen in Festungshaft“, der aus PRGründen vom SS-Sturmbannführer zum „Major“ umbetitelt worden war: Innerhalb weniger Jahre erreichten angeblich 280.000 Solidaritätsadressen von Kriegsteilnehmern aus mehr als 30 Staaten die italienische Justiz.

 

Nachdem Reder sich 1967 auf Anraten seines Anwaltes öffentlich mit der Bitte um Verzeihung an die Gemeinde Marzabotto gewandt hatte, stimmte der Ort über die Gewährung seines Ansinnens ab. Das Ergebnis von 284 Nein- zu 4 Jastimmen wertete der Vatikan als „Niederlage für die, die an das Evangelium glauben“.

 

Zum Trost wurde Reder im selben Jahr eine österreichische Kriegsopferrente zuerkannt. 1985 wurde Reder überraschend entlassen und nach Österreich überstellt. Am Flughafen Graz/Thalerhof nahm ihn Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager in Empfang und löste damit einen geschichtspolitischen Skandal aus. In der Aufregung ging eine Geste Reders unter: Dieser nahm sein Schreiben an die BürgerInnen von Marzabotto mit der Bitte um Vergebung offiziell zurück.

 

 

 

 

Editorial:

 

Liebe Leserin! Lieber Leser!

 

Die vorliegende Ausgabe widmet sich der Beteiligung von Österreichern an der

Partisanenbekämpfung in Italien und Jugoslawien und geht den Fragen nach, die sich daraus für das Österreich der Zweiten Republik auf gesellschaftlicher und politischer Ebene ergeben haben.

 

In der Affäre um den SS-Obersturmführer Reder trat der über Jahrzehnte durchgehaltene Wille des offiziellen Österreichs zu Tage, Solidarität mit einem Kriegsverbrecher zu üben. Dem ehemaligen Wehrmachtsoffizier Kurt Waldheim wurden keine monströsen Verbrechen nachgewiesen, jedoch repräsentierte er die verquere Sicht auf die NS-Zeit, mit der man es sich in Österreich nach 1945 individuell wie kollektiv so leicht machte.

 

Waldheim bekennt in seinem posthum veröffentlichten „letzten Wort“: Er habe auch Fehler gemacht. „Es waren aber sicher nicht jene der Mitläufer- oder gar Mittäterschaft mit einem verbrecherischen Regime.“ Zumindest das Faktum des Mitläufertums lässt sich jedoch nur schwer bestreiten, selbst wenn Waldheim genau dies tut. An jene, die ihn kritisiert haben, wendet er sich mit der Bitte, ihm „eine späte Versöhnung zu schenken“. Das Gros der heimischen Medien wollte sich dem Wunsch nicht verschließen. Man lese den Beitrag von Markus Rief.

 

Am „letzten Wort“ des ehemaligen Staatsoberhaupts fällt jedoch eines auf: der hartnäckige Mangel an Einsicht. Hier ist jemand in entscheidenden Punkten nicht weiter gekommen, als er es 1986 war. Und man soll klar sehen: Waldheim ist tot. Die österreichische Gesellschaft versöhnt sich nicht mit ihm, sondern – wieder einmal – mit sich selbst: mit ihrer NSVergangenheit und ihrem Unwillen, für diese Verantwortung zu übernehmen.

 

Oliver Kühschelm

Chefredakteur GEDENKDIENST