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Ausgabe 1/08


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Die Massaker von Monte Sole. September – Oktober 1944

Der Beitrag will einen Überblick über jene Ereignisse geben, die als Massaker von Marzabotto bekannt sind. Hauptquelle ist die Begründung des Urteils erster Instanz im Prozess vor dem Militärgericht La Spezia von 8. Februar 2006 bis 13. Januar 2007.1

 

Die Urteilsbegründung ist eine sehr gute Ausgangsbasis, um sich ein Bild davon zu machen, was in 115 verschiedenen ländlichen Ortschaften zwischen dem Reno- und dem Setta-Tal, zwischen Monte Sole, Monte Salvaro und Monte Termini (in den Gemeinden von Marzabotto, Monzuno und Grizzana) im Zeitraum zwischen 29. September und 5. Oktober 1944 geschah. Diese geographischen Details sind unerlässlich, um zu verstehen, dass der Ausdruck Massaker von Marzabotto zwar ins Allgemeingut eingegangen sein mag und dennoch unpräzise ist. Er erlaubt nicht, die Ereignisse von 1944 in ihrer Komplexität wiederzugeben.

 

Ende August 1944, nach der Befreiung von Florenz, standen die alliierten Truppen und die nationalsozialistische Armee einander an der Linea Gotica, im toskanisch-emilianischen Apennin, gegenüber. Die Gegend von Monte Sole, Monte Salvaro und Monte Termine stellte das unmittelbare Hinterland der nationalsozialistischen Verteidigung dar. Hier hatte sich Ende Oktober 1943 die Partisanenbrigade Stella Rossa konstituiert, von lokalen Kräften gegründet und bestehend aus Personen mit sehr unterschiedlichem politischen und kulturellen Hintergrund. Die zahlenmäßige Größe der Brigade wurde nie nach wissenschaftlichen Kriterien überprüft, wenngleich Angaben in Memoiren vorhanden sind.2 Wir wissen allerdings, dass sich im Spätsommer 1944 eine Spaltung der Stella Rossa vollzogen hatte und sie numerisch stark reduziert war.

 

Vernichtung der Partisanen

 

Die 16. SS-Panzer-Grenadier-Division Reichsführer der Waffen-SS unter dem Befehl des Generals Max Simon trifft in der fraglichen Gegend um den 25. September 1944 ein und beteiligt sich am 25. und 26. September an einigen Kämpfen an der Linea Gotica. Am 27. und 28. quartiert sie sich am Fluss Setta ein; in diesen Tagen beschließt man eine Militäroperation zur Durchkämmung des feindlichen Gebiets und Vernichtung der Partisanengruppen. Die Partisanenaktivität in dieser Gegend wurde von den Deutschen als gefährlich für ihre Positionen, ihre Versorgungs- und Kommunikationslinien sowie ihre Rückzugswege eingeschätzt, sodass der erste Korps der bewaffneten Fallschirmspringer, dem die 16. SS-Panzer-Grenadier-Division in dieser Periode unterstellt war, eine Razzia gegen die Partisanen plante.

 

Die Führung dieser Aktion wird der SS-Panzer-Aufklärungsabteilung 16 unter dem Kommando von Major Walter Reder3 anvertraut. Am Abend des 28. Septembers befiehlt Major Helmut Looß, Offizier 1c der Division4, Reder, die Aktion gegen die Partisanen am darauffolgenden Tag um 6:00 Uhr zu beginnen. Nach einer kurzen Operationsbesprechung zwischen Reder, den Kompaniekommandanten und dem Adjudanten des Bataillons Paul Albers bringen sich Reders Kompanien zur vereinbarten Zeit plangemäß in Stellung.

 

Auf Basis von Unterlagen Reders lässt sich rekonstruieren, dass am Morgen des 29. Septembers vier Kompanien mit je ca. 70-80 Mann gleichzeitig das Hauptquartier in Rioveggio im Setta-Tal in verschiedene Richtungen verlassen haben.

 

Die erste mit dem Ziel San Martina, die zweite und dritte mit dem Ziel Monte Sole, die vierte mit dem Ziel Monte Caprara. Es handelt sich in allen Fällen um Orte, an denen Partisanen vermutet wurden. Am Abhang des Reno-Tales werden hingegen Einheiten aufgestellt, um die Gegend abzuschließen, in der Reders Bataillon operieren soll, und somit ein Entkommen der Partisanen zu verhindern. Diese Einheiten gehören sowohl der 16. Division der SS als auch anderen Mannschaften an (Einheiten der Wehrmacht, ein Bataillon von freiwilligen Russen der Armee und die Einheit Flak-Luftabwehr der Luftwaffe). Der gesamte Vorgang entspricht der deutschen Doktrin in Sachen Partisanenbekämpfung, wie sie sich im Krieg an der Ostfront konsolidiert hat: Auf der einen Seite rücken Razziaeinheiten vor, auf der anderen wird der Fluchtweg abgesperrt.

 

Die Aktion beginnt am Morgen des 29. Septembers und endet am 5. Oktober; die kriminellen Handlungen ereignen sich am 29. und 30. September, am 1. und 5. Oktober. Am 29. September stoßen einige Kompanien von Reders Bataillon auf Widerstand von Gruppen der Stella Rossa in Cadotto, nachdem sie bereits mindestens ein Massaker in Albergana durchgeführt haben. Schon am Nachmittag sind die Partisanen nicht mehr in der Lage, irgendeine Art von Widerstand gegen die Nazi-Kompanien zu leisten. Am 30. September halten sich die Partisanen nicht mehr in der Zone auf. Den meisten ist es gelungen, in der Nacht zu flüchten.

 

Mord nach Plan: das Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung

 

Die Opfer der Massaker sind beinahe ausschließlich italienische Zivilisten. Die Zahl der während der Aktion getöteten Partisanen beläuft sich auf ungefähr 20, die der getöteten NS-Soldaten auf sieben. Die nationalsozialistischen Truppen brennen Häuser nieder, töten Menschen und Tiere. Die Bilanz des siebentägigen Massakers: 770 Opfer, darunter 216 Kinder, 142 Personen im Alter über 60, 316 Frauen.5 Das Massaker wird an 115 verschiedenen Orten durchgeführt: Dörfern, verstreuten Häusern, Kirchen. Einige der Orte sind zu trauriger Berühmtheit gelangt: der Friedhof von Casaglia (79 Opfer), Oratorio di Cerpiano (43 Opfer – allesamt Kinder), Caprara (47 Opfer), La Creda (69 Opfer), Pioppe di Salvaro (43 Opfer). Im Unterschied zu den anderen Fällen werden in Pioppe am 1. Oktober ausschließlich erwachsene Männer getötet. Das Massaker ist Resultat einer Selektion: Die für „arbeitsfähig“ Befundenen werden nach Deutschland gebracht, die übrigen erschossen und in den Fluss geworfen.

 

Das Verhalten der vier Kompanien der 16. SS Division zeigt sich ansonsten einheitlich: Zur selben Zeit, auch in von einander weit entfernten Orten ereignen sich Massentötungen auf dieselbe Art und Weise; ein klares Anzeichen dafür, dass das Massaker im Voraus geplant war und nicht als eine Reaktion auf den Widerstand der Partisanen6 zu verstehen ist, der im Übrigen schwach und ineffizient war.

 

Die Vernichtung von Zivilisten im Kontext der Partisanenbekämpfung ist für die 16. Division die übliche Praxis bei Operationen wie jener, die in der Gegend von Monte Sole durchgeführt wurde.7

 

Zwischen Zivilbevölkerung und „Banditen“ wurde nicht unterschieden: Man ging davon aus, dass die gesamte Bevölkerung die Partisanen unterstützte; diese Verhaltensweise wurde an der Ostfront entwickelt und erprobt. Sie war beseelt von der Verachtung, die man den Truppen einschärfte: gegenüber den Partisanen, alles „Bolschewiken“, und gegenüber der Bevölkerung, unter der die Partisanen operierten.

 

Diese Mentalität verbreitet sich auch an der italienische Front, besonders nach dem Fall von Rom, als die Deutschen beginnen, sich Richtung Norden zurück zu ziehen (der sogenannte „aggressive Rückzug“) und die Notwendigkeit einer Verteidigung ihrer Kommunikationslinien erblicken. Aus dieser Perspektive erscheinen den deutschen Nachrichtendiensten Frauen und Kinder als wesentliche Stütze für die Partisanengruppen. Die Massaker an Zivilisten verfolgen also das strategische Ziel, verbrannte Erde rund um die Partisanengruppen zu schaffen.

 

Ein Massaker fürs Handbuch

 

Der Modus operandi der Division ist stets der gleiche: Die Zivilbevölkerung wird wahllos ermordet, sei es durch Gewehr- oder Maschinengewehrfeuer, gefolgt von Handgranatenwürfen in die Menge, um sicherzustellen, dass etwaige Überlebende nicht entkommen. Die Leichen werden verbrannt, vorzugsweise wirft man sie in brennende Häuser, um den Tod durch Bombardements vorzutäuschen. Im Gegensatz dazu werden bei Strafmaßnahmen im eigentlichen Sinn die Toten als Abschreckung ganz offen liegen gelassen.

 

Die Morde von Monte Sole stellen sich jedoch nicht als eine Strafmaßnahme dar, sondern als eine Razzia, die im Massaker endet. Das fügt sich in eine von den NS-Truppen in Italien 1944 und 1945 breit angewandte Strategie. Sie zielt darauf ab, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, um jegliche Bildung von Widerstand zu verhindern oder bereits bestehende Widerstandsgruppierungen zu zerstreuen (der Historiker Collotti8 spricht von der „Herrschaft des Terrors“). Es ist auch wichtig, daran zu erinnern, dass zu dieser Zeit die sogenannten „Kesselring-Befehle“9 von Juni-Juli 1944 in Kraft sind. Diese schreiben drakonische Regeln im Kampf gegen die Partisanen fest: Geiselnahme und In-Brand-Setzen von Häusern. Dazu kommt die so genannte Straffreiheitsklausel, aufgrund welcher niemand für die Exzesse bei Aktionen gegen die Partisanen bestraft werden kann.

 

Jede Einheit setzt in der Folge die Anweisungen gemäß den Kriterien des jeweiligen Kommandanten um; und sicherlich gehörte die 16. SS Division, zusammen mit der Division Hermann Göring, zu den „strengsten“ Einheiten an der italienischen Front; sie hinterließ eine Spur des Terrors von der Toskana bis zur Emilia-Romagna. Die „Operation Monte Sole“ wurde innerhalb des NS-Heers als„handbuchgemäß“ betrachtet und bildete sogar den Gegenstand einer entsprechenden Publikation, die im März 1945 vom Kommando des ersten Korps der bewaffneten Fallschirmspringer herausgegeben wurde.

 

Die Täter – nichts zu bereuen

 

Einige Hinweise auf die Biographien der Mitglieder der 16. SS Division können als zusätzliche Schlüssel zum Verständnis dessen dienen, was sich in Monte Sole ereignete und auf einer allgemeineren Ebene während des sogenannten „Krieges gegen Zivilisten“, den die nationalsozialistischen Truppen in Italien zwischen 1943 und 1945 führten.

 

Die Division wurde als eine der Eliteeinheiten der Waffen-SS betrachtet und war nach Himmler benannt (Reichsführer, um genau zu sein). Gegen Ende 1944 gab es wegen der drückenden Kriegserfordernisse auch in der Waffen-SS unfreiwillige Einberufungen, auf jeden Fall aber unter Berücksichtigung von Anforderungen physischer und anderer Natur, die viel restriktiver gehandhabt wurden als in den anderen Waffengattungen. Die Hierarchie war überaus starr, inspiriert von der Devise der SS: „Unsere Ehre heißt Treue“. Der Treueschwur wurde direkt auf den Führer geleistet.

 

Der Kommandant der 16. Division, General Max Simon, zählte nach Theodor Eicke zu den wichtigsten Offizieren der SS Division Totenkopf. Auch Walter Reder war, nachdem er sich sehr jung zur Hitlerjugend gemeldet hatte, jahrelang Offizier bei dem SS-Totenkopf-Regiment im KZ Dachau, bis ihn Max Simon für seine 16. Division rekrutierte. In der 16. SS Division kamen fast alle Mitglieder aus der Hitlerjugend und viele hatten in den Totenkopf Verbänden (auch einfache Truppenkommandanten, z. B. Hubert Bichler) oder in Einsatzgruppen und Einsatzkommandos gedient (z. B. Helmut Looß).

 

Nach dem Krieg wurden nur einige wenige Prozesse gegen hohe Kommandanten geführt: Ein britisches Militärgericht verurteilte 1947 Feldmarschall Albert Kesselring zum Tod; das Urteil wurde umgehend in eine lebenslängliche Freiheitsstrafe umgewandelt. Kesselring wurde 1952 aus der Haft entlassen.10

 

Dem General Max Simon wurde im selben Jahr, ebenfalls von einem britischen Militärgericht, der Prozess gemacht. Auch er wurde zum Tode verurteilt, auch seine Strafe in lebenslangen Freiheitsentzug verändert. Die Haft wurde später auf 21 Jahre reduziert.

 

Der Prozess gegen Major Walter Reder war der einzige, den die italienische Justiz durchführte. 1948 von den Briten übergeben, wurde Reder 1951 vor Gericht gestellt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach seiner Begnadigung 1985 kehrte er nach Österreich zurück. Kaum in Freiheit, zog Reder seine Bitte um Verzeihung zurück, die er an die Gemeinde Monte Sole gerichtet hatte. Stattdessen erklärte er, dass er nichts zu bereuen habe.

 

Simon, Kesselring und Reder wurde neben anderen Anklagepunkten die Beteiligung an den Massakern von Monte Sole vorgeworfen. Nach dem Prozess gegen Reder wurde in Italien mehr als vierzig Jahre lang alles vertuscht. Erst Mitte der 1990er Jahre, nach der Entdeckung des sogenannten „Schranks der Schande“11, wurden die Prozesse wegen zahlreicher nationalsozialistischer Bluttaten wieder aufgenommen, darunter der hier zitierte bezüglich der Massaker von Monte Sole.

 

Marzia Gigli,

 

Historikerin und Leiterin der Abteilung für historische Bildung der Peace School in Monte Sole

 

 

Anmerkungen

1 Siebzehn deutsche und österreichische Soldaten

standen im Zentrum der Untersuchungen, darunter

Offiziere, Unteroffiziere, einfache Soldaten der

Jahrgänge 1919 bis 1926. Am 13. Jänner 2007

verurteilte das Militärgericht von La Spezia zehn der

Angeklagten zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe,

zur Zahlung der Prozesskosten und von Entschädigung

an die betroffene Zivilbevölkerung. Die sieben

anderen Angeklagten wurden freigesprochen. Wir

erwarten das Berufungsurteil.

2 Siehe Giampietro Lippi, La Stella rossa a Monte Sole:

uomini fatti cronache storie della brigata partigiana

Stella rossa Lupo Leone, Ponte nuovo, 1989.

3 Carlo Gentile, Walter Reder – ein politischer Soldat

im „Bandenkampf“, in: Klaus-Michael Mallmann,

Gerhard Paul (Hg.), Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische

Täterbiographien, Darmstadt 2004, S.

188-195.

4 Die Führungsabteilung 1c war für Aufklärung

(„Feindlage und Bandenbekämpfung“) zuständig.

5 Eine sorgfältige Recherche, herausgegeben vom

regionalen Komitee zur Ehrung der Gefallenen,

Marzabotto. Quanti, chi e dove, veröffentlicht in

Bologna 1995, hat mehr Klarheit bezüglich der

Opferzahlen von Monte Sole gebracht. Signifikant

ist, dass die Zahl 770 der Angabe 718 sehr nahe

kommt, mit der die nationalsozialistischen Kommandos

die feindlichen Toten (Banditen und Kollaborateure)

beziffern.

6 So argumentierte die Verteidigung Reders und anderer

NS-Militärs in den jeweiligen Prozessen.

7 Blutbäder in der Toskana, wie Sant’Anna di Stazzema,

Vinca, Valla u.a. gehen auf das Konto der

16. SS Panzer-Grenadier Division Reichsführer.

Dieser Division sind ungefähr 20% der Verluste der

Zivilbevölkerung in Italien im Rahmen von Aktionen

wie der hier beschriebenen zuzurechnen (ca. 2000

Tötungen).

8 Enzo Collotti, Occupazione e guerra totale nell’Italia

1943-1945, in: Tristano Matta (Hg.), Un percorso

della Memoria, Electa, 1996.

9 Albert Kesselring, Oberbefehlshaber der gesamten

deutschen Besatzungsmächte: Wehrmacht, SS,

etc.

10 Aus „gesundheitlichen Gründen“ und auf Druck von

Winston Churchill und General Alexander, der meinte:

„Kesselring hat in Italien hart, aber fair gespielt.“

Zurück in Deutschland, engagierte er sich bis zu

seinem Tod 1960 in führender Position beim rechtsextremen

„Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten“.

11 Im Militärgericht von Rom wurden 695 Faszikel

von Ermittlungsverfahren illegal „archiviert“. Dies

ist nur das aufsehenerregendste Ergebnis eines

Versanden-Lassens der Nachforschungen. Über

dessen komplexe innen- und außenpolitische Motive

siehe u. a.: Mimmo Franzinelli, Le stragi nascoste,

Mondadori, 2002.