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Ausgabe 1/08


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Wie Zeitgeschichte erkaltet

Über Pizza, Partisanen und Kosaken

 

Wenn in diesem Jahr in Österreich allenthalben davon die Rede ist, dass über die Einschätzung des Nationalsozialismus Einigkeit herrsche und die „heißen“ Themen der Zeitgeschichte künftig auf anderem Gebiet zu finden seien, so ist das auch darauf zurückzuführen, dass bestimmte Aspekte der nationalsozialistischen Herrschaft hierzulande schon weitgehend negiert wurden, als es angeblich noch „heiß“ herging. Paradoxerweise betrifft es mitunter gerade solche Bereiche, in denen österreichische Nationalsozialisten zweifelsfrei eine führende Rolle gespielt haben. Eines dieser Themen ist die Herrschaft der Nationalsozialisten im oberitalienischen Raum zwischen 1943 und 1945 und die grausame Unterdrückung des Partisanenwiderstandes und der Zivilbevölkerung im Verbund mit Kosaken-Verbänden.

 

Friaul und Julisch-Venetien sind für die Kärntner und Osttiroler zu einer rundum beliebten Destination für wochenendliche Spritztouren geworden. Es lässt sich in Trieste, Gorizia, Cividale del Friuli, Udine und Osoppo herrlich lustwandeln! Alpe-Adria! Wie schön das grenzenlose Leben doch ist! Die 57.000 italienischen Gefallenen der Isonzo-Schlachten, die unter den Zwetschkenbäumen des Militärfriedhofs von Oslavia liegen, sind Schnee von gestern und darüber, ob sich die Gämsen am Matajur an den Flaxen des unbekannten Urgroßonkels heute noch gütlich tun, lässt sich vortrefflich witzeln.

 

Globočnik? Rainer? Lerch?

 

Zarte Hinweise auf niedergebrannte Dörfer, massenhafte Hinrichtungen und gnadenlose Razzien hingegen, an denen noch der Großvater beteiligt gewesen sein könnte, und geraubtem Hausrat, aus dem die Großmutter ihren feinen Mantel herhat, lassen die Pizza schnell erkalten und die Weinlaune verdrießen. An kollektive Räusche ganzer Oberkärntner Dörfer in den Jahren ‚44 und ‚45, bezahlt mit Blutgeld aus der Beraubung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung von Triest, könnte sich gar ein Vater noch erinnern. Nie gehört! Wer? Wo? Wann? Globočnik? Rainer? Lerch?

 

Es ist eine Eigentümlichkeit der Kärntner Landesgeschichtsschreibung und der ihr weitgehend hörigen publizistischen Öffentlichkeit, dass sie derart obsessiv auf die „Karawankengrenze“ und den so genannten Abwehrkampf fixiert ist, der nichts anderes war als ein gewöhnlicher Grenzkonflikt nach dem Zerfall eines Kaiserreiches und noch dazu militärisch verloren ging. Es ist, als ob sie mit diesem geschichtsträchtigen Aufziehen einer Bergkulisse trotzig die Augen verschließen will vor Verbrechen, die die Landsleute während des Zweiten Weltkrieges jenseits der Karawanken und der Karnischen Alpen verübt haben, als sie es waren, die die Grenze nach Süden verschoben. Seit die Karawanken gegen die Agitation eines maßgeblichen Teils der Kärntner politischen Eliten von Europa her politisch eingeschrumpft werden, entdecken sie die Verbrechen „der anderen“ hinter diesen Bergen, mit deren Opfer sie sich im Überschwang identifizieren. Aber die eigenen?

 

Das Urteil des deutschen Historikers Michael Wedekind aus dem Jahr 2003 über die historische Amnesie in Kärnten – und die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Besatzungspolitik in Nordostitalien und Slowenien wäre aufgrund der massenhaften Beteiligung von Kärntnern eine vornehmliche Kärntner Aufgabe – ist nach wie vor zutreffend: „Beredt ist die weitgehende Unproduktivität [von] Kärntner Historiker[n] bei der Erforschung der NS-Besatzungs- und Annexionspolitik in Norditalien und das hartnäckige Schweigen bei der Herausarbeitung spezifisch regionaler Beteiligung und Verantwortlichkeit.“

 

Kärntner Stunde

 

Es wäre zum Beispiel keine schlechte Idee, wenn die Pflichtschulen statt der alljährlichen gelb-rot-weißen, geradezu religiös verbrämten Fahnenbastelstunde vor dem 10. Oktober eine Exkursion nach Triest machen würden, um die Risiera di San Sabba zu besichtigen, den Ort, an dem unter der Führung von Odilo Globočnik vom Einsatzkommando „Aktion Reinhard“ 5.000 jugoslawische und italienische Partisanen, Antifaschisten und Geiseln vergast wurden, dem Ort, der als Durchgangslager für die Verschickung der oberitalienischen Juden nach Auschwitz eingerichtet worden ist. Die ehemalige Reisschälfabrik war zudem ein Magazin für die Güter, die den Juden aus Oberitalien geraubt wurden. Sie sind entweder in Kärnten verteilt worden oder die Erlöse sind aus der Verwertung nach Kärnten geflossen, sehr wahrscheinlich auf die Konten der Kärntner Landes-Hypothekenanstalt.

 

Die Stunde der Kärntner Nationalsozialisten schlug nach dem Auseinanderfallen des faschistischen Italiens im September 1943. Die Gebiete im Nordosten Italiens, Istrien und jene Teile Sloweniens, die nicht schon vorher annektiert worden waren, wurden in einem Sonderverwaltungsgebiet zusammen gefasst, als „Operationszone Adriatisches Küstenland“ bezeichnet und dem Gauleiter von Kärnten, Friedrich Rainer, zugeschlagen. Damit gingen lang gehegte Wünsche der Kärntner Nationalsozialisten, die sich trotz ihres herzhaften Einsatzes für den „Anschluss“ doch wieder nur als kleine Provinzgrößen wiederfanden, in Erfüllung. Doch auch über alle politischen Konjunkturen erhabene Heimatpolitiker durften sich freuen. „Kärnten steht vor neuen großen Aufgaben“, jubelte der Landeshistoriker Martin Wutte. Die politische, gesellschaftliche und ökonomische Elite Kärntens sollte nun eine zentrale Bedeutung für die Beherrschung des europäischen Südostens erhalten und ihr Fußvolk sollte durch zahlreiche Verwaltungs-, Polizei- und andere Posten und den Genuss der Früchte zu Hause nicht zu kurz kommen.

 

Doch spätestens seit dem Frühjahr 1944 wurden die Kärntner Träume von vehementem Widerstand politisch unterschiedlich ausgerichteter Partisanengruppen gestört. In einigen Gebieten gelang es ihnen im Sommer 1944 zumindest kurzfristig befreite Zonen zu erkämpfen und dort im durchaus konfliktreichen Zusammenwirken mit der Zivilbevölkerung politische Institutionen zu entwickeln, die tatsächlich pluralistisch und zivil angelegt waren. Dieser beeindruckende Versuch einer demokratischen Selbsterneuerung nach Jahren des Faschismus und während der deutschen Besatzung verdient angesichts der gleichzeitigen Verhältnisse jenseits der ominösen karnisch-karawankischen Grenze umso mehr Beachtung.

 

Die Gegenmaßnahme der Besatzer waren radikal: Globočnik erhielt von seinem Freund Rainer im April 1944 eine Blankovollmacht für kollektive Vergeltungsmaßnahmen an der Zivilbevölkerung. Dazu kam das Wüten von Kosaken, die im Einvernehmen mit Globočnik und Rainer und für das Versprechen in Friaul „eine neue Heimat“ zu finden, zu Zehntausenden zur Partisanenbekämpfung in das ohnehin weit unterversorgte Land gebracht wurden. „Die Kosaken sehen einfach in jedem Italiener einen Partisanen und verfahren entsprechend,“ freute sich das deutschkärntner Kommando.

 

Kosaken-Mythos

 

Die Kosaken wurden vor allem während der großen Offensive gegen die Partisanenrepubliken im Herbst 1944 in der Carnia eingesetzt. Durch ihr Vorgehen gemeinsam mit SS- und italienischen faschistischen Einheiten bekam die Partisanenbekämpfung eine neue Qualität: ungezügelte Strafexpeditionen gegen die Zivilbevölkerungen, Vergewaltigungen, rohe Gewalt, Plünderungen, Vertreibungen und Verwüstungen standen auf der Tagesordnung, ein Treiben, das bis wenige Tage vor Kriegsende anhielt. Michael Wedekind listet insgesamt 56 zerstörte und eingeäscherte Ortschaften in der Operationszone Adriatisches Küstenland (ohne Provinz Laibach) für den Zeitraum zwischen September 1943 und Dezember 1944 auf. Noch wenige Tage vor ihrer Flucht nach Oberkärnten und Osttirol zu Kriegsende verübte eine Kosaken-Einheit in Ovaro ein Massaker an 23 Zivilisten und Partisanen.

 

In Österreich, und speziell in Kärnten und Osttirol, sieht man die Kosaken nach wie vor als reine, unschuldige, romantisch stilisierte Opfer der britischen Armee, die sie im Juni 1945 an die Sowjetunion auslieferte. Für eine differenziertere Auseinandersetzung, wie sie der britische Offizier Patrick Martin-Smith in seinem Augenzeugenbericht aus Friaul bietet, gibt es keinen Platz. In Kärnten und Osttirol weiß jedes Schulkind von der blutroten Drau zu erzählen, die die Gewalt dieser Auslieferung verursacht hätte, von ihrer Vorgeschichte, geschweige denn von den tatsächlichen Vorgängen, wissen sie nichts. Es ist, als ob die Kosaken am 8. Mai 1945 vom Himmel und direkt in den britischen resp. russischen Schlund gefallen wären. Um mit dem gewiss harten Nachkriegs-Schicksal der Kosaken „belastet“ zu werden, können die Schulkinder in Kärnten gar nicht jung genug sein. Für die Auseinandersetzung mit dem regionalen Nationalsozialismus wartet man lieber, bis sie ausgeschult sind.

 

Es ist nicht schwer zu erkennen, welcher Mechanismus hier wirksam ist. Wer sich mit der Vorgeschichte der Auslieferung der Kosaken beschäftigt, stößt unweigerlich auf ihre Rolle in Friaul (und Jugoslawien) und ihre Instrumentalisierung für die grausame Herrschaft von Kärntner Nationalsozialisten genau in manch einem jener Orte, wo heute die Pizza so gut schmeckt. Aber mit dem Eigenen beschäftigt man sich in Kärnten entgegen aller Heimattümelei ungern. Bedauernswert ist, dass auch renommierte Wissenschafter bei Gelegenheit nicht in dieses Treiben intervenieren, sondern die vorherrschende Sicht bestärken. So findet sich im gesamten Katalog zur Lienzer Ausstellung „Flucht in die Hoffnungslosigkeit. Die Kosaken in Osttirol“ (Hg. Harald Stadler/Martin Kofler/Karl C. Berger, Studien Verlag, 2005) zur Vorgeschichte dieser Flucht gerade mal der Nebensatz, dass die Kosaken „zur massiven Partisanenbekämpfung“ eingesetzt waren. In Wurfweite einer Pizza. Mit wie vielen Opfern und mit welchen Verwüstungen steht nirgends geschrieben. So kann Zeitgeschichte auch erkalten.

 

Peter Pirker

 

Politikwissenschafter, derzeit FWF-Projekt zur Austrian Section des britischen Kriegsgeheimdienstes SOE

 

 

Literatur:

Einen Augenzeugenbericht von Patrick Martin-Smith

über den Partisanenkampf in Friaul, die Versuche

von dort Widerstand in Österreich zu organisieren

und die Rolle der Kosaken findet sich in: Peter Pirker

(Hg.)/Patrick Martin-Smith: Widerstand vom Himmel,

Wien 2004 (Czernin Verlag)

Ein aktuelles quellengesättigtes deutschsprachiges

Werk zur NS-Herrschaft in Norditalien ist: Michael

Wedekind: Nationalsozialistische Besatzungs- und

Annexionspolitik in Norditalien 1943 bis 1945, München

2003 (Oldenbourg)

Eine literarisch-dokumentarische Auseinandersetzung:

Thomas Harlan, Heldenfriedhof, Frankfurt am Main

2006 (Eichborn Verlag)

Empfehlenswert ist die homepage www.karawankengrenze.

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