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Ausgabe 1/08


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Die Partisanenbekämpfung am Balkan.

Österreicher als Kriegsverbrecher

 

Als am 6. April 1941 der sogenannte Balkanfeldzug startete, geschah dies ohne vorangegangene Kriegserklärung. Strategisch diente der Blitzkrieg vor allem dazu, die Südostflanke für den Überfall auf die Sowjetunion zu sichern und die wirtschaftlichen und personellen Ressourcen der Region auszunutzen.

 

Die Bombardierung Belgrads wurde durch die Luftflotte vier unter dem Kommando des österreichischen Generals Alexander Löhr durchgeführt, der bereits für die Bombardierung Warschaus verantwortlich gezeichnet hatte. Rücksicht auf die Zivilbevölkerung wurde nicht genommen, nach Beendigung des Luftangriffes am 7. April war die Opferbilanz höher als in den vorherigen Bombardements von Rotterdam, Warschau und Coventry zusammen.

 

Mit dem Beginn der Besatzung formierten sich zwei voneinander unabhängige Widerstandsgruppen: die Cetniks und die Partisanen.

 

Das Widerstandskonzept der Mihailovic-Cetniks war durch eine nationalistische Ideologie gekennzeichnet; die Partisanen, die sich aus der seit den 1920er Jahren verbotenen Kommunistischen Partei Jugoslawiens unter Josip Broz Tito rekrutierten, kämpften hingegen für nationale Gleichberechtigung aller Völker Jugoslawiens und die Zerschlagung der alten Vorkriegsordnung. Einen einheitlichen Widerstand gegen die Besatzungsmacht gab es nicht; im Einzugsgebiet der 717. Infanterie-Division allerdings, die zu einem Großteil aus Österreichern bestand, hatten sich Partisanen-und Cetnikabteilungen zu einer Kampffront zusammengeschlossen. Anfang Juli 1941 begann die Kommunistische Partei Jugoslawiens mit dem bewaffneten Kampf gegen die Besatzer. Anfänglich als „serbische Banden“ gering geschätzt, erstarkten die Partisanen in Serbien in einem Ausmaß, dass Polizei und Sicherheitsdienst mit der Bekämpfung überfordert waren. Mitte August 1941 wurde beschlossen, die Wehrmacht mit der Partisanenbekämpfung zu beauftragen.

 

Die Massaker von Kraljevo und Kragujevac

 

Trotz brutaler Repression breitete sich der Widerstand immer weiter aus. Um die Kontrolle über Serbien nicht zu verlieren, ernannte Hitler am 16. September den in Zeltweg geborenen General Franz Böhme zum Bevollmächtigten Kommandierenden General in Serbien. Sein Auftrag war, „auf weite Sicht im Gesamtraum mit den schärfsten Mitteln die Ordnung wiederherzustellen“. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Großteil Süd und Westserbiens in den Händen der Partisanen und Cetniks

 

Ende September war Böhme gezwungen, die Städte Uzice und Cacac unter heftigen Kämpfen zu räumen; nach einem weiteren, für die Wehrmacht sehr verlustreichen Gefecht bei Topola erließ Böhme einen Befehl an alle Wehrmachtstruppen in Serbien, der die formelle Grundlage für die zukünftigen Massaker an der Zivilbevölkerung bildete: Alle Kommunisten sowie als solche verdächtige männliche Einwohner, Juden, nationalistisch und demokratisch gesinnte Einwohner sollten als Geiseln festgenommen werden, die bei Verlusten der Besatzer in einem Verhältnis von 1:100 bei jedem getöteten deutschen Soldaten und 1:50 bei jedem verletzten deutschen Soldaten hingerichtet würden.

 

Dieser Befehl wurde in Kraljevo auf grausame Weise in die Tat umgesetzt. 1400 Mann der 717. Infanterie-Division besetzten Anfang Oktober die aufgrund der Waggonfabrik und der Flugzeugmotorenwerke kriegswirtschaftlich wichtige Stadt. Nach heftigen Angriffen von Widerstandskämpfern wurden alle männlichen Einwohner im Alter zwischen 14 und 60 Jahren als Geiseln genommen. Sie wurden die ersten Opfer der Massenerschießungen. Böhme lobte den Einsatz und schloss seinen Tagesbefehl vom 20. Oktober 1941 mit den Worten: „Vorwärts zu neuen Taten“.

 

Von „neuen Taten“ wurde die Stadt Kragujevac heimgesucht; wenige Tage später fand dort ein weiteres Massaker an der Zivilbevölkerung statt. Nachdem die Truppe im Kampf gegen Partisanen 10 Tote und 26 Verletzte zu verzeichnen hatte, suchte man nach 2300 Sühneopfern. Männer und Jugendliche, selbst Schulklassen samt Lehrpersonal wurden in Massenerschießungen hingerichtet.

 

Als Franz Böhme nach drei Monaten aus Serbien abberufen wurde, standen den 160 toten und 278 verletzten deutschen Soldaten 3562 ermordete und 11.164 verwundete Zivilisten gegenüber.

 

Österreicher als Kriegsverbrecher

 

Österreicher waren am Balkan überproportional vertreten. Franz Böhme und Alexander Löhr stehen exemplarisch für andere, an Kriegsverbrechen beteiligte Soldaten österreichischer Herkunft.

 

Franz Böhme war vor 1938 Chef des österreichischen Heeres-Generalstabes und später Mitstreiter Generaloberst Löhrs bei der Eroberung Kretas. Nach einigen Monaten als Kommandant in Griechenland fungierte er von September bis Dezember 1941 als bevollmächtigter Kommandierender General in Serbien. Als Chef der zweiten Panzerarmee und Kommandant der deutschen Truppen in Jugoslawien erlebte er das Ende des Krieges, als Angeklagter der Nürnberger Prozesse verübte er in Untersuchungshaft Selbstmord.

 

Alexander Löhr war in seiner Position als Kommandant der Luftflotte vier für die Zerstörung Belgrads und die Okkupation Kretas verantwortlich. Er war in Folge Wehrmachtsbefehlshaber Südost, Chef der Heeresgruppe E und bis zur Kapitulation Oberkommandant aller deutschen Gruppen in Griechenland. Er wurde nach Kriegsende an die jugoslawische Regierung ausgeliefert und 1947 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

 

Auf die Frage, ob diese Kriegsverbrechen, ausgeführt von Österreichern, ins kollektive Gedächtnis Eintritt gefunden haben, lässt sich am besten mit dem Hinweis auf eine vergangenheitspolitische Debatte aus den 1980er Jahren antworten. 1986 wurde in der Landesverteidigungsakademie (Wiener Stiftskaserne) eine Gedenktafel für Alexander Löhr enthüllt, die ihn als Gründer der österreichischen Luftwaffe ehrte. Die österreichische Medienlandschaft reagierte gespalten. Die Presse und die Kronen-Zeitung ergriffen Partei für Löhr; die Salzburger Nachrichten und der Kurier sahen Löhr differenziert. Die kritischen Stimmen innerhalb Österreichs und die massiven Proteste der jugoslawischen Regierung führten schlussendlich zur Entfernung der Gedenktafel.

 

Nach diesem Intermezzo senkte sich wieder der wohltuende Schleier des Vergessens herab; ein Hinweis darauf ist die emotionalisiert geführte Diskussion 2002 rund um die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ des Hamburger Institutes für Sozialforschung.

 

Julia Walder

 

Gedenkdienstleistende im Herinneringscentrum Kamp Westerbork, 2004/05

 

Literaturhinweise:

Csokor, Franz Theodor: Als Zivilist im Balkankrieg. Wien

1947.

Manoschek, Walter (Hg.): Die Wehrmacht im Rassenkrieg.

Der Vernichtungskrieg hinter der Front. Wien

1996.

Manoschek, Walter/Safrian, Hans: Österreicher in der

Wehrmacht. In: Tálos, Emmerich/Hanisch, Ernst/

Neugebauer, Wolfgang/Sieder, Reinhard (Hg.): NSHerrschaft

in Österreich. Ein Handbuch. Wien 1988.

Manoschek, Walter: Serbien ist judenfrei. Zur Beteiligung

von österreichischen Wehrmachts- und SSAngehörigen

an der „Endlösung der Judenfrage“ in

Serbien 1941/42. Univ. Diss, Wien 1990.

Pollak, Alexander: Die Wehrmachtslegende in Österreich.

Das Bild der Wehrmacht im Spiegel der österreichischen

Presse nach 1945. Wien (u.a.) 2002.

Heer, Hannes/Boll, Bernd (Hg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen

der Wehrmacht 1941 bis 1944; Ausstellungskatalog.

Hamburg 1996.