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Ausgabe 1/08


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„Die Hetze geht nach dem Tod weiter“1

Berichterstattung österreichischer Tageszeitungen zum Tod Kurt Waldheims

 

Hoch betagt starb der ehemalige UNGeneralsekretär und Altbundespräsident Kurt Waldheim am 14. Juni 2007. Die „Symbolfigur wider Willen“, wie Der Standard Waldheim passend bezeichnet, hat längst Eingang in die Geschichtsbücher gefunden. Doch wie reagierten die Massenmedien auf das Ableben Waldheims, gab es letzte Anschuldigungen oder Rehabilitationsversuche?

 

Funktionen demokratischer Medien

 

Medien verfügen in der heutigen Zeit über eine wichtige integrative Funktion. So (re-)konstruieren sie Wirklichkeiten und geben den Staatsbürgern die Möglichkeit, sich, über die eigene Wahrnehmungsgrenze hinaus, einem „größeren Ganzen“ zugehörig zu fühlen. Im Idealfall sollten die Medien ein institutionalisiertes, mehr oder weniger neutrales Diskussionspodium sein. Die Realität in der kapitalistisch organisierten Medienlandschaft sieht jedoch anders aus. Dass Zeitungen und Fernsehanstalten, ebenso wie Parteien, über politische Macht verfügen und somit den öffentlichen Diskurs nach ihren eigenen Vorstellungen lenken können, manifestiert sich im Begriff „Medienkampagne“. Die Causa Waldheim ist ein Paradebeispiel für eine einzigartige Vorgehensweise der Medien: Ein Mensch dient als Projektionsfläche für etwas nur bedingt Greifbares – eine Person wird zur Versinnbildlichung des gesamtösterreichischen Umgangs oder eben Nicht-Umgangs mit der Vergangenheit. Es liegt in der Natur von Massenmedien, Umstände vereinfacht darzustellen. Im Fall Waldheims wurde nach den heftigen Grabenkämpfen um seine Vergangenheit und deren Interpretation die eigentliche Person überblendet und als Symbol stilisiert – entweder als Opfer einer illegitimen Diskussion oder als Versinnbildlichung für den „schlampigen“ Umgang mit der Vergangenheit.

 

Schwarz oder weiß

 

Als 1986 brisante Details aus Kurt Waldheims NS-Vergangenheit im Profil publiziert wurden, dauerte es nicht lange, bis auch die übrigen österreichischen Printmedien Position bezogen – schwarz oder weiß, Graustufen waren in den Massenmedien kaum zu finden. Obwohl u.a. die übermächtige Neue Kronen Zeitung (NKZ) für Waldheim „in den Krieg zog“ und somit sicherlich auch zu seiner erfolgreichen Bundespräsidentschaftswahl beigetragen hat, vermochte sie es nicht, etwas Fundamentaleres aufzuhalten: Die Transformation der österreichischen Selbstwahrnehmung durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

 

Den Stein ins Rollen brachte der Innenpolitik-Journalist des Profil Hubertus Czernin. Durch Archivdokumente konnte er belegen, dass Waldheim von den Verbrechen, die während des Zweiten Weltkrieges am Balkan begangen wurden, informiert gewesen sein musste. Waldheim gab jedoch an, sich an nichts mehr erinnern zu können und heizte dadurch die Debatte nur noch weiter an. Woche für Woche deckten die Medien, allen voran das Profil, immer mehr Details aus Waldheims Vergangenheit auf. Als dann die Beweislage gegen seine „Unwissenheit“ stand, versuchte er sich mit der Aussage, er habe damals nur seine Pflicht erfüllt, recht zu fertigen.

 

Im krassen Gegensatz zum Profil stand die NKZ. Sie kämpfte an vorderster Front für Waldheim. Die „Anschuldigungen“ aus dem In- und Ausland wurden als absurd und „größte Verleumdungskampagne seit dem Zweiten Weltkrieg“ abgetan. Die Verantwortlichen dieses „Rufmords“ hatte die NKZ schnell ausgemacht: die Sozialdemokraten gemeinsam mit den USA und dort vor allem die „Ostküste“. Die Presse bezog zwar auch deutlich eine Pro-Waldheim-Position, jedoch nicht so plakativ wie die NKZ. Die Zeitung artikulierte vor allem die Sorge, dass Österreichs Ansehen im Ausland leiden würde. Der Kurier bemühte sich um eine ausgewogene Berichterstattung, was in der strikten Trennung von Berichten und Kommentaren zum Ausdruck kommt. Die durch Waldheim losgelöste Debatte wurde zwar als legitim betrachtet, der Person Waldheim begegnete man aber verständnisvoll.

 

Als 1988 eine Historikerkommission Waldheim beglaubigte, nicht aktiv an Kriegsgräueltaten mitgewirkt zu haben, wurde es in den Medien ruhiger um eine Person. Waldheim selbst ließ sein restliches Leben nichts unversucht, um rehabilitiert und von der Watch-List gestrichen zu werden. Bei genauer Betrachtung seines Nachrufes „Ein letztes Wort“ fällt auf, dass er bis zu seinem Tode nicht verstand, warum gerade er zum „Opfer“ dieser längst überfälligen Diskussion wurde.

 

Sobald die Nachricht von Waldheims Ableben publik wurde, machten sich alle Zeitungen daran, Nachrufe zu verfassen. Beginnend mit der Nachricht von seinem Tod bis hin zu seiner Beisetzung in der Präsidentengruft hat der Verfasser die Berichterstattung des Profil, der Kronen Zeitung, der Presse, des Kurier und des Standard in Bezug auf deren (neuen) Zugang zur Waldheim-Thematik untersucht.

 

Während das Profil in den 1980er Jahren mit Waldheim sehr hart ins Gericht ging, fällt der konziliante Grundton des Nachrufs auf. Die Person Kurt Waldheim wird nicht mehr angegriffen, vielmehr werden der Verlauf und die Wirkungen von Czernins Aufdeckungen rekapituliert, wobei auch Prominente wie Freda Meissner- Blau oder Anton Pelinka zu Wort kommen. Das Profil sonnt sich in seiner damaligen Rolle als publizistischer Motor der Debatte. Gewollt oder ungewollt, vermittelt es den Eindruck, dass die Waldheimdebatte ad acta gelegt werden könne.

 

„Unschuldiges Opfer einer Verleumdungskampagne“

 

Obwohl aufgrund der Waldheimdebatte zumindest zeitweise ein „frischer Wind“ durch die Alpenrepublik zog, scheint sich die Kronen Zeitung seit den 1980er Jahren keinen Zentimeter weiterentwickelt zu haben. Waldheim wird als unschuldiges Opfer einer Verleumdungskampagne aufgrund einer „angeblichen NS-Vergangenheit“ dargestellt: „Gutmenschen“ hätten ihn laut Kurt Seinitz wie einen „Spucknapf behandelt, in welchen sie ihre Verleumdungen hineinkotzten“. Dieser Missachtung werden in alt gewohnter Wortwahl diplomatische Großtaten Waldheims entgegen gehalten. Für seinen Einsatz zur Befreiung von Geiseln aus dem Irak habe er beispielsweise „mehr Mut als alle Verleumder zusammengenommen“, bewiesen. Eine Woche lang wurde ausführlich über Waldheim als großen Staatsmann berichtet; nur in einem Nebensatz wird – und das nicht ohne Ambivalenz – onzediert: „Das einzig Positive an der Waldheim-Affäre war, dass Österreichs Vergangenheit – Opfer und Täter – endlich aufgearbeitet werden konnte“. Deutlich kommt der Standpunkt der Kronen Zeitung auch in einem Reim von Wolf Martin zur Geltung: „Voran die Tugendterroristen mit ihren schwarzen (braunen) Listen, die jeden, der nicht ihresgleichen, aus denen der Gerechten streichen. Auch vieles Fußvolk sieht man dort, beteiligt an des Rufes Mord. […] Doch nicht dem Großen, sondern ihnen soll sie zur ew’gen Schande dienen.“

 

Sanfte Kritik und konservatives Wohlwollen

 

Bezog die Presse 1986 noch klar Stellung für Waldheim, berichtet sie 2007 recht ausgewogen über den Verstorbenen. Die erste Ausgabe der Zeitung nach Bekanntwerden seines Todes behandelte die Reaktionen prominenter österreichischer und internationaler Politiker. Es folgt ein knapper, aber gut recherchierter Überblick über die wichtigsten Stationen von Waldheims Leben. Zwischen den Zeilen klingt aber vernehmbar ein sehr konservativer Grundton. So ist von „völlig überdrehten Anschuldigungen“ gegen Waldheim die Rede, die eine für Österreich komplizierte Debatte und eine schwierige außenpolitische Lage mit sich brachten. Dennoch sei es zu einem „oft auch reinigenden Diskurs“ für Österreich gekommen. Wenige Tage später publizierte die Presse einen Artikel des Politologen Anton Pelinka. Darin stellt er fest: „Waldheim war typisch für – nein, nicht für seine Generation: nicht für die Mörder und nicht für die Opfer; sondern für diejenigen, die es vermeiden konnten, zu Mördern oder zu Opfern zu werden.“

 

Die Position des Kurier erscheint ebenso wie bei der Kronen Zeitung gegenüber den 1980er Jahren unverändert. Nach wie vor finden unkritische wie kritische Wortmeldungen über Waldheim Platz. „Der alte Herr und die große Welt von gestern“ lautet ein Waldheim äußerst wohl gesonnener Artikel von Heinz Nussbauer. Er beschreibt Waldheim als einen gütigen Familienmenschen und ausgezeichneten Krisenschlichter, wobei kleine Hoppalas seiner Karriere nicht vergessen werden. Eine Spur kritischer positioniert sich der Historiker Gerhard Jagschitz. Er attestiert Waldheim zu Zeiten, als die Vorwürfe gegen ihn immer stärker wurden, nur ein „mittelmäßiger Diplomat“ gewesen zu sein. Außerdem vertritt Jagschitz die Ansicht, dass es sich um Mythenbildung handle, wenn behauptet werde, dass erst seit der Waldheim-Affäre die österreichische Vergangenheit differenzierter betrachtet wurde. Denn dies geschah laut Jagschitz „schon lange davor: in der Forschung, in den Schulen. Es gab bis dahin aber keine große allgemeine öffentliche Debatte.“

 

Kein „großer Österreicher“

 

Der Standard wurde erst 1988 gegründet, also zwei Jahre nach Aufflammen der Debatte um Waldheim. Von den untersuchten Medien profiliert sich die Zeitung als dessen schärfster Kritiker. Hans Rauscher, 1986 noch beim Kurier, widerspricht Bundespräsident Fischer indem er feststellt, dass Kurt Waldheim sicherlich „kein großer Österreicher“ war. Es sei nach wie vor verständlich, dass eine „jüngere Generation von kritischen Österreichern“ keinen Bundespräsidenten, der „seinen Dienst im größten Verbrecherkrieg der Geschichte als ‚Pflichterfüllung’ bezeichnete“ akzeptieren konnte. Wie die Journalisten anderer Blätter hält Rauscher fest, dass dem Menschen Waldheim Unrecht angetan wurde, streicht aber andererseits hervor, dass Waldheim Politiker war und „da verlässt man den Bereich des Menschlichen, Allzumenschlichen, da wird man an seiner Tauglichkeit für ein hohes Amt gemessen.“

 

Nach Waldheims Tod dominiert in den Medien eine verständnisvolle Haltung gegenüber seiner Person. In dieser Hinsicht scheint sein letzter Wunsch nach einer „späten Versöhnung“ erfüllt. Er sei lediglich ein Symbol der typisch österreichischen „Vergesslichkeit“ geworden. Der durch die Waldheim-Affäre ausgelösten Diskussion um die NS-Zeit versucht selbst die Kronen Zeitung Positives abzugewinnen; freilich mit der Botschaft, dass die Vergangenheitsbewältigung nun als erledigt abgehakt werden kann. Aber auch seriösere Blätter zeigen sich nicht frei von dieser Tendenz.

 

Markus Rief,

 

leistete Gedenkdienst in Prag, studiert Geschichte und Politikwissenschaft in Wien

 

1 Hans Janitschek, „Die Hetze geht nach dem Tod

weiter“, in: Kronen Zeitung, 16. Juni 2007, S. 2.