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Ausgabe 2/08


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Gedenken in Rot und Schwarz

Zur Diskussion um das „Anschluss“-Gedenken

 

Der 12. März war mit zahlreichen Veranstaltungen zum Gedenken an den „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland der erste Höhepunkt des „Gedenkjahres“ 2008. Im Zentrum stand dabei die offizielle Gedenkfeier der Republik, die „Gedenksitzung“ des Nationalrats am 12. März. Das offizielle Gedenken: Sowohl als auch…

 

Die offizielle Gedenkveranstaltung

 

der Republik war geprägt von Konsens und gegenseitigem Verständnis, es dominierte ein lauwarmes Einerseits-Andererseits: Bundespräsident Fischer meinte, die ÖsterreicherInnen seien sowohl Opfer als auch TäterInnen gewesen, Bundeskanzler Alfred Gusenbauer stellte den ÖsterreicherInnen, die Teil der Vernichtungsmaschinerie des NSSystems gewesen waren, jenen „zig-tausenden Österreichern im Widerstand“ gegenüber und Vizekanzler Wilhelm Molterer erinnerte daran, dass man jene, die beim Einmarsch der deutschen Truppen Furcht gehabt hätten und verzweifelt gewesen wären, nicht gesehen hätte. Diese Argumentation könnte einem aus Zeiten, in denen die Opferthese noch Fundament des österreichischen Selbstverständnisses war, bekannt vorkommen. Doch Molterer fügte sogleich hinzu: „Österreich hat lange gebraucht, einzugestehen, dass Österreich nicht nur Opfer war.“ Offensichtlich taugt die Opferthese also nicht mehr als unwidersprochener Grundtenor einer offiziellen Gedenkveranstaltung der Republik.

 

Geschichtsstunde mit „Kaiser Otto“

 

Zwei Tage zuvor, bei der Gedenkveranstaltung der ÖVP im Reichsratssitzungssaal des Parlaments unter dem Titel „Gott schütze Österreich – 1938: Anatomie eines Untergangs“, war der Grundtenor ein ganz anderer. Stolz wurden die hochkarätigen Gäste dieser „größten Veranstaltung, die das Parlament je gesehen hat“ präsentiert. Unter ihnen etwa Heiner Schuschnigg, Neffe von Kurt Schuschnigg, und Otto Habsburg, der stets mit Adelsprädikat angesprochen wurde und schon bei seinem ersten Erscheinen auf dem Podium mit Standing Ovations begrüßt wurde. Seine Rede wurde als Höhepunkt dieses „Gedenk-Events“ inszeniert und wahrlich, da blieb kein Auge trocken: „Kein Staat in Europa“ habe „mehr Recht, sich als Opfer zu bezeichnen“, als Österreich. Alle gegenteiligen Ansichten seien ein „großer Akt von Lüge und Heuchelei“. Seine Beschreibung der Rede Hitlers am Heldenplatz leitete er folgendermaßen ein: „Wenn wo ein großer Rummel ist, kommen die Leute zusammen. Und sie hören zu, applaudieren und so weiter, ja, das ist eine Selbstverständlichkeit.“ Die rund 250.000 jubelnden Menschen am Heldenplatz waren für ihn nur 60.000, und „zu jedem Fußballereignis kommen 60.000 Leute.“

 

Jetzt könnte man natürlich anführen, dass dieser Mann 95 Jahre alt ist und sich wohl herzlich wenig für den neuesten Stand der zeitgeschichtlichen Forschung interessiert. Der Skandal war aber weniger die Rede selbst, der Skandal waren die Reaktionen: tosender Applaus, schallendes Gelächter und erneut Standing Ovations am Ende seiner Rede. Das war sogar Wolfgang Schüssel, dem Abschlussredner zu viel. In seiner Rede versuchte er zu korrigieren: ÖsterreicherInnen seien „leider auch Täter“ geworden und die tobende Masse sei „nicht so harmlos wie bei einem Fußballmatch“ gewesen. Bemerkenswert ist diese Aussage Schüssels vor allem dann, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass er noch im November 2000 in einem Interview mit der „Jerusalem Post“ auf dem Opferstatus Österreichs beharrt hatte.

 

„Die Dollfuß-Straße hat zu Hitler geführt“

 

Weniger pompös, weniger durchinszeniert, weniger medial beachtet war die Gedenkveranstaltung der SPÖ am 6. März im Haus der Begegnung in Floridsdorf. Der Ort bot den zentralen historischen Bezugspunkt: Am 7. März 1938 fand in diesem Gebäude die letzte große Gewerkschaftskonferenz vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten statt. Diese war von den Spitzen der Sozialdemokratie und der Gewerkschaft und von zahlreichen ehemaligen WiderstandskämpferInnen als letztes Aufbäumen der organisierten ArbeiterInnenschaft gegen den Faschismus gedacht. Der inhaltliche Fokus der Veranstaltung lag jedoch auf den Jahren vor 1938, vor allem auf den Ereignissen von 1933/34.

 

So betonte etwa der SPÖ-Parteivorsitzende Alfred Gusenbauer in seiner Rede die Rolle des Austrofaschismus bei der Zerschlagung der ArbeiterInnenbewegung, welche der erste Schritt auf dem Weg in die Diktatur gewesen sei. Denn: „Wer die Sozialdemokratie niederschlägt, schlägt die Freiheit nieder.“ Gusenbauer machte auf die Möglichkeit eines gemeinsamen, effizienten Widerstands gegen den Einmarsch der Nazis aufmerksam. Dass dieser nicht zustande gekommen war, sei „die historische Schuld der christlichkonservativen Rechten in unserem Land“.

 

Auch die anderen Reden waren im Wesentlichen Abrechnungen mit dem autoritären Ständestaat und seinen Exponenten. Aktuelle Bezüge wurden kaum hergestellt: Einzig die Historikerin Brigitte Bailer warnte am Ende ihrer Rede angesichts der Annäherungen zwischen SPÖ und FPÖ vor „Bündnissen mit Rechtspopulisten“ – und erntete dafür heftigen Applaus. Insgesamt war auf dieser Veranstaltung wenig Überraschendes zu hören. Bemerkenswert erscheint, dass sich der Kampf um die Deutungsmacht von 1938 auf die Zeit davor verlagert hat. Konkrete politische Zusagen als Konsequenz aus den thematisierten Ereignissen wurden tunlichst vermieden – damit lässt sich wohl kein politisches Kleingeld machen.

 

Totenrede auf den Opfermythos?

 

Man könnte den Eindruck gewinnen, die Opferthese sei endgültig Schnee von gestern, „geschichtspolitische Folklore“, und die ehemals heiß umstrittene Erinnerung an 1938 erkaltet, wie Heidemarie Uhl einige Tage vor den diversen Feierlichkeiten in der Tageszeitung „Der Standard“ schrieb. Dafür spricht, dass die Aussagen Otto Habsburgs kaum diskutiert wurden und abseits des rechten Randes der ÖVP auch kaum offene Zustimmung erhielten. Der frenetische Applaus der TeilnehmerInnen der Veranstaltung war wohl eher ein Ausdruck eines Aufbäumens jener, für die eine offene Auseinandersetzung mit der Rolle Österreichs und seiner Bevölkerung im Nationalsozialismus immer noch ein Akt der „Nestbeschmutzung“ ist. Auch dass Schüssel zurückrudern musste, obwohl die Stimmung im Saal die Aussagen Habsburgs stützte, zeigt, dass die These, die ÖsterreicherInnen seien allesamt Opfer des Nationalsozialismus gewesen, auch für Konservative offiziell nicht mehr vertretbar ist.

 

Auch wenn die Habsburg-Rede im Rahmen einer Gedenkveranstaltung einer Regierungspartei im Parlament vielleicht doch mehr war als „geschichtspolitische Folklore“, so hat sich dennoch bewahrheitet, dass die Opferthese als „Lebenslüge der Zweiten Republik“ ausgedient hat und die Erinnerung an 1938 kaum noch umstritten ist. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte hat sich offensichtlich auf die Jahre vor 1938 verlagert – denn während die SPÖ in ihrer Veranstaltung mit dem „austrofaschistischen System“ abrechnete, wurde bei jener der ÖVP des Kanzlers Engelbert Dollfuß als erster Gefallener im Kampf gegen den Nationalsozialismus gedacht.

 

Zum Schluss sei noch angemerkt, dass rund um das Gedenken an den März 1938 viele Chancen verspielt wurden. Lediglich Nationalratspräsidentin Prammer hat auf die mit dem „Anschluss“ verbundenen Pogrome aufmerksam gemacht und sich – entgegen der Mehrheitsmeinung – gegen einen „Schlussstrich“ ausgesprochen. Ein mit Taten verbundenes Bekenntnis zur Mitverantwortung gab es nicht: weder die moralische Verpflichtung Österreichs zur Erhaltung der jüdischen Friedhöfe in Österreich, noch die aktuelle Diskussion um Raubkunst wurden angesprochen.

 

Peter Larndorfer

2001/2002 Gedenkdienst in der internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz.

Seit 2003 Studium der Geschichte in Wien

 

 

 

 

Editorial

 

Liebe Leserin! Lieber Leser!

 

Nach dem etwas sonderbaren „Gedankenjahr“ 2005 sollte im Gedenkjahr 2008 wieder so etwas wie österreichische „Normalität“ einkehren: großkoalitionäre Eintracht und gemeinsames Gedenken an den „Anschluss“ waren angesagt. Doch es sollte anders kommen: dazu trug vor allem der skurille Auftritt von Otto Habsburg bei der ÖVP-Gedenkveranstaltung im Parlament bei. Grund genug, das Märzgedenken genauer zu behandeln.

 

Im Eröffnungsbeitrag stellt Peter Larndorfer die Frage, inwieweit das Gespenst des Opfermythos auch heute noch durch die Gänge und Flure der Republik spukt. Unvermeidlich ist in diesem Zusammenhang auch, sich näher mit den Events von „A Letter to the Stars“ auseinanderzusetzen: Stephan Roth und Susanne Üblackner kommentieren, während sich Bernd Semrad den Herausforderungen für die künftige Geschichtsdidaktik widmet. Traurig ist der Anlass des Beitrags über Henryk Mandelbaum: Noch vor einem Monat konnten wir ihn an der Universität Wien zur Eröffnung seiner Ausstellung begrüßen, heute lebt der engagierte Warner und Mahner nicht mehr. Weitere Artikel: Konstantin Wacker widmet sich anhand eines Einzelschicksals der oft vergessenen Seite des „Anschlusses“: der erzwungenen Emigration. Einen Rückblick auf die „Geh denken!“-Veranstaltungsreihe bietet der Beitrag von Tina Walzer zum jüdischen Friedhof Währing. Susanne Üblackner schreibt über die Anstrengungen, auch Frauen Gedenkdienst zu ermöglichen.

 

Die Neuerung folgt zum Schluss: Ab sofort gibt es eine eigene Rubrik mit Buchtipps und Rezensionen zu interessanten Neuerscheinungen. An dieser Stelle soll ein „Personalwechsel“ nicht verschwiegen wer den: Unser Chefredakteur Oliver Kühschelm kann diese Publikation aufgrund seiner beruflichen Herausforderungen nicht mehr weiter betreuen. Lieber Oliver, vielen Dank für dein Engagement und alles Gute!

 

Klaus Kienesberger

Redakteur GEDENKDIENST