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Ausgabe 2/08


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Wenn schweigen zum Programm wird

Kommentar

 

In den vergangenen Jahren kam kein NS-Gedenktag ohne Beiträge der Zeitgeschichte-Event-Agentur „Letter to the Stars“ (L2tS) aus – so auch dieses Jahr nicht. Am Programm stand Altbewährtes: „Botschafter der Erinnerung“ wurden nach Israel geschickt, in der Nacht von 12. auf 13. März wurde auf dem Heldenplatz medienwirksam geschwiegen und am 5. Mai wurde abermals der Heldenplatz mit einer Gedenkfeier im Rahmen des diesjährigen Hauptevents „38/08“ bespielt – „business“ as usual. Durch den oberflächlichen, emotionalisierenden und leichtfertigen Umgang mit historischen Fakten ist die Integrität und Ernsthaftigkeit von L2tS schon lange in Frage zu stellen. Aber offenbar haben die Macher der Aktion eine Ausdrucksform gefunden, mit der bei öffentlichen Stellen finanzielle Unterstützung zu bekommen ist, um jedes Jahr die Arbeit anderer zum eigenen Vorteil zu vermarkten.

 

Kritik an L2tS war bei früheren Aktionen auf Medien beschränkt, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit erschienen. Die Betreiber von L2tS, die Journalisten Josef Neumayr und Andreas Kuba, verstanden es gut, das Medienklavier zu bedienen und wurden von Alfred Worm und seit dessen Tod von Peter Rabl unterstützt. Rabl selbst bezeichnet seine Funktion unverhohlen als „Türl- und Börselöffner“ (tv-media 45/07). Umso verblüffter schienen die Initiatoren, dass bei „38/08“ erstmals Tageszeitungen wie „Der Standard“ oder „Die Presse“ kritisch berichteten. L2tS hat übersehen, dass mit dem Plan, 250 Überlebende nach Österreich einzuladen, eine dreiste Kopie des Lebenswerks des im Juli 2007 verstorbenen Leon Zelman vorgelegt wurde. Dass die Adressen der Eingeladenen vom „Jewish Welcome Service“ (JWS) stammten und für eine ehemalige L2tS-Aktion einmalig zur Verfügung gestellt worden waren, war Kuba und Neumayr egal.

 

Auch vor einer – wenn auch sehr plump durchgeführten – Instrumentalisierung von Überlebenden schreckt L2tS nicht zurück. So wurde die Redaktion des „Standard“ nach kritischen L2tS-Berichten im Dezember 2007 mit einer Flut von Leserbriefen aufgebrachter Überlebender aus dem Großraum New York überschüttet. Niemand wird tatsächlich glauben, dass dutzende 80-jährige in den USA kollektiv Leserbriefe nach Wien schicken. Unter Anleitung einer für L2tS in New York sitzenden PR-Dame geht das allerdings leichter.

 

Kritik an L2tS ist aufgrund des guten – dahinter verborgenen – Willens vermeintlich schwierig. SchülerInnen würden doch angeregt, sich mit Zeitgeschichte auseinanderzusetzen, die eigene Familiengeschichte zu hinterfragen und Schlüsse aus dieser Beschäftigung in Bezug auf Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus heute zu ziehen. Einfach nur eine überzogene Erwartung?

 

Die Beschäftigung mit dem Thema Nationalsozialismus und Holocaust ist für jede/n eine persönliche tiefe Auseinandersetzung, die nicht unberührt lässt und zu Selbstreflexion anregt. Gerade SchülerInnen müssen professionelle Rahmenbedingungen vorfinden, um mit dem Grauen und Schrecken auf eine für sie positive Art und Weise umgehen zu können. Selbst langjährige HistorikerInnen verweisen immer wieder darauf, wie schwer ihnen der tägliche Umgang und die Konfrontation mit den Gräueln fällt.

 

Den Anspruch, junge Menschen mit der österreichischen Vergangenheit in Berührung zu bringen und sie zu eigenständigem Denken und Reflexion anzuregen, spricht den L2tS-Machern niemand ab. Die zwangsläufig diffizile Annäherung an dieses Thema den Jugendlichen aber dadurch leicht zu machen, indem man ein Eventprogramm darum herum bastelt, erscheint zutiefst problematisch.

 

Revisionistischen und rechtsextremen Tendenzen begegnet man am besten mit faktenbasiertem Wissen. Gerade das aber vermittelt L2tS nicht. Seit der ersten Aktion im Jahr 2002/03 wurde die Zahl der österreichischen NS-Opfer mit 80.000 angegeben. Diese Zahl ist falsch und wurde trotz vielfacher Aufforderung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) in den folgenden fünf Jahren nicht korrigiert. In den L2tS PR-Materialien für „38/08“ wurden auf einmal „mehr als 80.000 Opfer“ kolportiert. Ebenso gut hätte auch „mehr als 2 Opfer“ oder „weniger als 1 Million“ angegeben werden können, jede dieser Angaben ist beliebig und hat nichts mit wissenschaftlich fundierter Forschung zu tun. Erst seit einem nachdrücklich „klärendem“ Round-Table-Gespräch vom Jänner 2008 findet sich auf der L2tSWebpage eine vom DÖW zusammengestellte Aufstellung der Opferzahlen, die eine realistische Dimension von mindestens 100.000 bis 110.000 ermordeten Menschen beschreibt. Wer glaubt, dass jetzt zumindest im Bereich des Faktischen alles im Lot ist, irrt. Die seit Jahren betriebene mediale Desinformation führte dazu, dass SchülerInnen, LehrerInnen und Teile der Öffentlichkeit die falsche Zahl der 80.000 Opfer verwenden und wahrscheinlich auch glauben.

 

Ohne eine historisch fundierte Auseinandersetzung, die altersgerecht den Bedürfnissen der SchülerInnen entgegenkommt, kann das Lernen aus der Zeitgeschichte zu einem kontraproduktiven Prozess ohne entsprechende Schlüsse werden. Halten wir uns daher an die Institutionen, die diese Arbeit seit Jahren durch geschultes Personal durchführen und – auch ohne den Einsatz von Christina Stürmer – großen Anklang nicht nur bei Schulen sondern auch in der wissenschaftlichen Community finden.

 

Stephan Roth

ehemaliger Chefredakteur der Zeitung GEDENKDIENST

 

Susanne Üblackner

Vorstandsmitglied des Vereins GEDENKDIENST