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Ausgabe 2/08


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Nur die Sterne waren wie gestern

Nachruf auf Henryk Mandelbaum, Überlebender des Sonderkommandos Auschwitz-Birkenau

 

Im Jahr 2000 veranstaltet der Verein GEDENKDIENST eine Studienreise nach Auschwitz-Birkenau. Dort machen die Mitreisenden Bekanntschaft mit einem älteren Herrn, der die Gruppe durch die Ruinen der Krematorien führt. Bald dämmert den BesucherInnen, dass dieser Mann eine ganz besondere, eine erschütternde Lebensgeschichte hat: Er ist einer von wenigen Überlebenden des Sonderkommandos in Auschwitz. Sein Name ist Henryk Mandelbaum.

 

Im Mai 2008 holt der Verein GEDENKDIENST in Kooperation mit der Österreichischen HochschülerInnenschaft die Ausstellung „Nur die Sterne waren wie gestern“ an die Universität Wien. Diese porträtiert den mittlerweile 86-jährigen Mandelbaum und zeigt eindrucksvoll, wie sich Politik und Geschichte auf einen einzelnen Menschen auswirken können.

 

Zur Eröffnung kommt der Porträtierte selbst nach Wien und berichtet sehr berührend von seinem Leben und seiner Zeit als Häftling im Sonderkommando. Eindringlich erzählt er, wie er mit seiner Familie im Rahmen der nationalsozialistischen Judenverfolgung von Olkusz (Ilkenau) 1941 in das offene Ghetto nach Dąbrowa Górnicza (Dombrowa) umgesiedelt wird. Vor der Liquidierung dieses Ghettos wird seine Familie Ende 1942 in das Ghetto nach Sosnowice (Sosnowitz) verlegt. Während dieser Umsiedlungsaktion gelingt es dem jungen Henryk Mandelbaum, zu flüchten. Er lebt fortan unter falschem Namen in wechselnden Verstecken, bis er Ende März 1944 von einem volksdeutschen Bekannten in Będzin denunziert wird und in Gestapo-Haft kommt. Am 22. April wird er mit einem Gefangenentransport nach Auschwitz deportiert. Dort kommt Mandelbaum zum Sonderkommando, in dem er bis zur Stilllegung der Gaskammern arbeiten muss.

 

Der Überlebende Henryk Mandelbaum widmete sein Leben der Aufgabe, über das Unbegreifliche zu sprechen und seine Erfahrungen mitzuteilen: Seine genauen, detailreichen Schilderungen über den Ablauf der grauenhaften Massenvernichtung in Auschwitz zwangen zum Hinhören. Die organisierte Vernichtung der europäischen Juden in Auschwitz scheint so unfassbar, dass die genauen Abläufe und Strukturen dieses Massenmords oft beiseite geschoben und nicht diskutiert werden. Henryk Mandelbaum legte seine Finger genau in diese Wunden.

 

Henryk Mandelbaum ist Anfang Juni nach einer schweren Operation verstorben. Wir werden ihn stets als engagierten Mahner vor den Gefahren des Faschismus in Erinnerung behalten.