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Ausgabe 2/08


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Aufgaben ohne Ende

Der Habsburger als lebendes Schutzschild der Opferthese: Herausforderungen für künftige Geschichtsdidaktik

 

Es sah aus, als würde sich die Erinnerungskultur zum 70. Jahrestag des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich in verhaltener Weise manifestieren und keine seltsamen Blüten treiben...

 

Im Vorfeld dieses „Gedenkjahres“ löste lediglich die Ankündigung des Projekts „A Letter to the Stars“, Holocaust-Überlebende am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus nach Wien einzuladen und vor allem das damit verbundene Offert an SchülerInnen, sich „ihr Holocaust-Opfer zu buchen“, Empörung aus. Die Vorwürfe lauteten, hier werde der Sache kein guter Dienst erwiesen, werde Aufklärung zugunsten einer Inszenierung, manche meinen: eines „Holocaust-Tourismus“, hintangestellt.

 

In den Wochen vor dem Jahrestag des „Anschlusses“ am 12. März spulten die meisten Medien ein Pflichtprogramm ab, das mancherorts durchaus neue, differenzierte Erkenntnisse der zeit- und kommunikationshistorischen Forschung offenbarte (vgl. etwa die Serien in „profil“ und „Kurier“), ansonsten aber kaum Innovationen bot. Der Dreiteiler im ORF zum „Untergang Österreichs“ gehorchte den Gestaltungsprinzipien heutiger Fernseh-Dokumentationen, vermochte aber nicht, nachhaltige Effekte zu erzielen.

 

Dies oblag einem Stehaufmännchen der österreichischen Geschichte: Während sich die Großkoalitionäre in behutsamer, differenzierter Sprache zum „Anschluss“ äußerten, die jahrzehntelangen Gräben zu überbrücken versuchten, reanimierte Otto Habsburg auf Einladung der ÖVP die Opferthese und stellte die rhetorische Frage in den Gedenkraum, wer außer Österreich das Recht habe, sich als Opfer zu bezeichnen. Für diesen längst entsorgt geglaubten, ideologisch überblendeten Geschichtsmüll findet man aber Handlanger: Wenn etwa die Tageszeitung „Die Presse“ die Wochenendausgabe mit dem Titel „Von der Opfer- zur Täterthese“ aufmacht, dann befindet sich Habsburg offenbar in der Avantgarde der Geschichtsumdeuter. Denn wer solche Dichotomien konstruiert, hat zumindest zwei Jahrzehnte versäumt. Niemand fordert kollektive Schuldzuweisung – warum auch, diese ist schlicht falsch. Aber warum hinter die ohnehin erst spät (1991) von Vranitzky als Spitzenrepräsentanten der Republik anerkannte Differenzierung in „sowohl Opfer als auch Täter“ zurückfallen und kollektive Exkulpation fordern? Offenbar wird eine neue, in Zeiten der Europäisierung und Globalisierung verunsicherte Generation ins Visier genommen, die sich einen kollektiven Anker, ein zugeschneidertes Identitätsbild, aneignen soll: das vom anständigen, rechtschaffenen und wohl auch fleißigen, jedenfalls unschuldigen Österreicher.

 

Woran krankt es? Die zunehmenden Schwierigkeiten, SchülerInnen und selbst Studierenden den „Anschluss“ zu vermitteln, die diesen als historisiert schubladisieren und somit die Relevanz für das Heute nicht erkennen, zeugen von einem zunehmend entertainisierten, ahistorischen Umgang. Hier liegen die aktuellen und künftigen Probleme und didaktischen Herausforderungen: Der Generationensprung und das absehbare Verstummen von ZeitzeugInnen und ihrer lebendigen Mahnung fordern Schulen und Universitäten, ja die Gesellschaft als Ganzes.

 

Die Schriftkultur ist längst von einer multimedialen, audiovisuellen und hypertextuellen Kultur abgelöst – auch hier liegen die Herausforderungen für eine neue Re-Historisierung im Sinne aufklärerischen, demokratischen Denkens und Handelns. Denn der „Anschluss“ und die NS-Zeit mögen vorgestern gewesen sein, doch die Gefährdungen der Demokratie, der Menschenrechte und des humanen Ideals durch Überwachung, Law and Order und die Unterhöhlung partizipativer Strukturen lauern im Heute – am Stammtisch, in Medien – und nicht zuletzt im Parlament.

 

Bernd Semrad

wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissen schaft der Universität Wien.