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Ausgabe 2/08


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„Amerika hat uns alle gerettet!“

1938 als das Jahr des unfreiwilligen Exils: eine Begegnung mit Martin Prochnik

 

Ich verbrachte gerade meine wöchentliche Ein-Stunden-Schicht am Ticketschalter des US Holocaust Memorial Museums in Washington, als ich Martin Prochnik kennenlernte. In den vergangenen Wochen hatte ich oft mit den „Auswanderungsfragebögen“ der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) zu tun gehabt. Also staunte ich nicht schlecht, als mich unvermittelt ein Museumsbesucher nach den Fragebögen seiner Familie aus Wien fragte. Wie sich herausstellte, waren für seine Familie keine mehr aufzutreiben. Offenbar war diese nicht auf die Unterstützung der IKG angewiesen gewesen oder hatte keine Zeit mehr gehabt, um diese anzusuchen, als sie 1938 aus Wien emigrierte.

 

Stationen der Emigration Österreich – Schweiz – USA

 

Martin Prochnik wurde 1931 in Wien geboren und lebte mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder an der Ecke Rennweg/Hafnergasse im dritten Bezirk. „Unsere Nachbarschaft war nicht besonders jüdisch und ich würde nicht sagen, dass wir eine sehr religiöse Familie waren. Abgesehen von den wichtigen religiösen Feiertagen gingen wir nicht sehr oft in die Synagoge“, erzählt Martin über seine Kindheitserinnerungen. Erst als er sechs oder sieben Jahre alt war, bekam Martin Antisemitismus mit – aber kaum bewusst. Nur an ein Erlebnis erinnert er sich lebhaft: „Ich spielte in einem Park nahe meines Hauses und wusste, dass ich zu einer bestimmten Uhrzeit daheim sein musste. Ich fragte einen Passanten, ob er mir die Zeit sagen könne, und ich bekam zur Antwort: ‚Ich sage keinem kleinen Juden die Zeit!’ Ich verstand einfach nicht, was er damit sagen wollte.“ Allerdings verstand die Familie bald nach dem „Anschluss“, dass es Zeit war, Österreich zu verlassen. Zuerst dachte Martins Vater, dass er als Veteran des Ersten Weltkrieges respektiert und somit in Ruhe gelassen würde. Das war aber nicht der Fall: Als Arzt hatte er auch NSDAP-Parteimitglieder als Patienten. Von diesen erfuhr er, dass sein Name auf einer Liste jener stand, die „abgeholt“ werden sollten. Vor diesem bedrohlichen Schicksal flüchtete die Familie zunächst in die Schweiz: „Die Schweizer erlaubten uns lediglich, für einen Monat zu bleiben. Wir versuchten stets, unser Einreisevisum von der US-Botschaft zu erhalten. Das zog sich aber hin und insgesamt blieben wir etwa ein Jahr in der Schweiz“, erinnert sich Martin.

 

Mit ihren Einreisewünschen in die USA war die Familie Prochnik natürlich nicht allein: zwischen 12. März und 7. April 1938 suchten etwa 30.000 Menschen am US-Konsulat in Wien um eine Einwanderungserlaubnis an. Die geringe Chance der Antragstellenden auf eine Emigration in die USA lässt sich daran ablesen, dass im Zeitraum von Oktober 1938 bis September 1939 die USA die Einreise von 28.316 Personen aus ganz Nazideutschland – Österreich inbegriffen – erlaubten. 23.775 davon waren Juden. Zusätzlich zu diesen Quoten-Beschränkungen gab es andere Hürden im Spießrutenlauf um ein US-Visum. So musste man etwa einen rigiden medizinischen Test bestehen. Darüber kann Martin heute schmunzeln: „Teil des Tests war der Beweis, dass man kein ‚Irrer oder Idiot’ ist. Die Bestätigung hängt heute noch an der Wand meines Arbeitszimmers.“

 

Darüber hinaus musste die Bürgschaft eines amerikanischen Staatsbürgers eingeholt werden. Dieser sollte dafür einstehen, dass ein Einwanderer der Öffentlichkeit nicht „zur Last“ fällt. Was dieses so genannte Affidavit anging, so hatten die Prochniks „reines Glück“, wie Martin erzählt: „Mein Vater musste [in Wien] einmal für einen Medizinerkollegen einspringen und in einem Hotel einen amerikanischen Touristen untersuchen, der ernsthaft krank geworden war. Amerikaner hatten manchmal die Angewohnheit, einem bei der Verabschiedung eine Visitenkarte in die Hand zu drücken und zu sagen: ‚Wenn du jemals in meinen Heimatort kommst, so melde dich bei mir.‘“ Nun war der Zeitpunkt dafür gekommen. Und tatsächlich: Per Telegramm erklärte sich der vormalige Patient, den Martin nie getroffen hat, damit einverstanden, das benötigte Affidavit für die ganze Familie zu leisten.

 

Aussichten und Ansichten der Freiheit

 

Ende 1939 konnte die Familie per Schiff von Neapel Richtung USA ausreisen. „Die Überfahrt dauerte ungefähr zehn Tage und ich war die ganze Zeit seekrank. Als wir in New York einliefen, holte mich meine Mutter an Deck. Es war November und eisig kalt. Ich weiß noch, wie sie mir die entfernte Freiheitsstatue zeigte. Sie war zu Tränen gerührt, aber mich fröstelte zu sehr, als dass ich bei ihrem Anblick beeindruckt gewesen wäre. Wir waren halt weit weg und die Freiheitsstatue schien ganz klein am Horizont.“

 

Dass die Freiheit in den USA stets eine Frage der Perspektive ist, sollte Martin auch später noch zu spüren bekommen: „Etwa einen Monat lang erhielten wir eine Flüchtlingsunterstützung, über die wir auch ein winziges Apartment vermittelt bekamen. Meine Eltern schickten mich mit dem wenigen Geld das wir hatten, einkaufen. Ich sollte das Wichtigste besorgen, etwa Milch und Brot. Kaum war ich auf der Straße, wurde ich überfallen und das Geld war weg.“ Es war nicht das einzige Mal, dass Martin in den USA mit Gewalt konfrontiert war: „Nachdem wir nach Boston gezogen waren, wurde ich regelmäßig verprügelt.“ Ironischerweise geschah das wegen seiner jüdischen Religion: „Ich musste mit dem Rad durch ein Viertel katholischer irischer Einwanderer fahren, wo ich als einer von jenen angesehen wurde, die Christus ermordet hatten.“

 

Aber auch sonst hatten Martin und seine Familie mit diversen Problemen zu kämpfen. So wie viele EmigrantInnen musste Martins Vater feststellen, dass seine Studienabschlüsse und Berufsberechtigungen im Immigrationsland nicht akzeptiert wurden. Er sprach fast kein Englisch und musste zwei Jahre studieren, um seinen Abschluss nachzuholen und praktizieren zu können. Natürlich hatte auch Martin Probleme mit der Sprache. „Ich kam in New York in eine große öffentliche Schule. Ich konnte noch kein Englisch und so kamen sie auf die Idee, mich in eine Sprachklasse zu stecken. Dort waren aber vor allem Kinder, die stammelten und stotterten und so gewöhnte ich mir das auch an. Für ein paar Jahre hatte ich diesen Sprachfehler“, erzählt mir Martin heute mit sicherer Stimme und in fließendem American English, das oft auch nach 60 Jahren nicht von allen Emigranten mit deutscher Muttersprache dermaßen akzentfrei beherrscht wird. Für Martin brachten diese sechs Jahrzehnte u.a. einen Geologie-Abschluss in Harvard, Tätigkeiten bei der Army und im diplomatischen Dienst der USA. Er arbeitete auch im International Office der National Science Foundation und reist nun als Hobby-Fotograf in abgelegene Teile der USA und der Welt.

 

Martin Prochnik hat die anfänglichen Probleme nach einer langen und durchwegs erfolgreichen Zeit hinter sich gelassen und ist nun vollständig in die USGesellschaft integriert: „Ich sehe mich als amerikanischen Patrioten. Wirklich, ich liebe dieses Land. Amerika hat nicht nur mich und viele andere gerettet, sondern die ganze Welt, als sie sich in eine sehr falsche Richtung entwickelte.“ Das heißt aber keineswegs, dass Martin mit Wien gebrochen hätte. Bereits 1949 reiste er erstmals zurück: „Es war ein privater Trip. Ich wollte die Stadt sehen, in der ich geboren wurde und die ersten sechs Jahre meines Lebens verbracht hatte. Der Westbahnhof war damals das einzige existierende moderne Gebäude, das ich sah.“ und auch heute noch fühlt er sich Wien verbunden: „Ich kann meinen Ursprung dort nicht vergessen. Es klingt natürlich komisch, aber was mich emotional immer ergreift, wenn ich dorthin zurückreise, ist der Geruch von Essen. Ich muss dann immer irgendwie an die Speisen meiner Mutter zurückdenken.“

 

Seit 1949 war Martin noch mehrere Male für kürzere Zeit in Wien: „Es fühlt sich wie das Zuhause an, aus dem ich komme.“

 

Die Begegnung mit Martin Prochnik führte mir ein weiteres Leben vor Augen, das im März 1938 eine für immer prägende Zäsur erlitt. Gerade die Möglichkeit, sich mit den Akten und Dokumenten zu befassen und dabei auch persönliche Schicksale von Holocaustüberlebenden kennen zu lernen, macht die Tätigkeit als Gedenkdiener am US Holocaust Memorial Museum derart interessant und bereichernd.

 

Konstantin Wacker

Gedenkdienstleistender am United States Holocaust Memorial Museum 2007/08