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Ausgabe 2/08


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Zerstört. Verdrängt. Vergessen?

Der jüdische Friedhof Währing

 

Ein großes, verschlossenes Holztor. Eine hohe Mauer, die den Blick auf dahinter Liegendes verstellt. Kaum einer weiß, welcher Schatz sich dahinter verbirgt: Der jüdische Friedhof Währing, ein einzigartiges Dokument der Wiener Kultur-, Kunst-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Als Begräbnisstätte der jüdischen Gemeinde Wiens ist er ein Spiegelbild für ihren Anteil an Wiens Vergangenheit. In die Epoche seines Bestehens fallen bahnbrechende Entwicklungen, die bis heute den Charakter der Stadt bestimmen. Er ist ein Spiegelbild jenes Bevölkerungsteiles, der die industrielle Revolution, die Herausbildung einer modernen Gesellschaft, des bis heute gültigen politischen Systems sowie der Künste entscheidend mitgestaltete. Der jüdische Friedhof Währing stellt das einzige erhaltene Zeugnis dar, das diesen zerstörten und vielfach unbekannten jüdischen Beitrag zu Wiens, aber auch Österreichs Geschichte heute noch umfassend sichtbar zu machen vermag.

 

Während der NS-Diktatur wurden große Teile des Friedhofes zerstört, die Schäden nie beseitigt. Heute ist das Kulturjuwel vom Verfall bedroht. Seit dem Abschluss des Washingtoner Abkommen im Januar 2001 wird um eine Lösung für die Instandsetzung und Betreuung der jüdischen Friedhöfe in Österreich gerungen. Das Beispiel des jüdischen Friedhofes Währing macht deutlich, wie dringend nötig professionell ausgeführte, nachhaltige Maßnahmen sind.

 

Das Areal im Eigentum der IKG Wien

 

Mit seiner Sanitätsverordnung bestimmte Joseph II. 1783, dass Friedhöfe innerhalb der Stadt und der Vorstädte Wiens zu schließen und außerhalb des Linienwalles neue Anlagen einzurichten seien. Der bis dahin benutzte jüdische Friedhof Rossau wurde geschlossen. 1874 wurde der neue jüdische Friedhof Währing als offizielle Begräbnisstätte für alle in und um Wien verstorbenen Juden eingerichtet. Insgesamt ist von einer Gesamtzahl von rund 30.000 hier Bestatteten auszugehen. Jene sind dokumentiert, auf deren Grabstellen sich zum Zeitpunkt der Schließung des Friedhofes noch ein eigener, intakter, identifizierbarer Grabstein befand – insgesamt rund 9.000 Personen. Nach der Eröffnung des Wiener Zentralfriedhofes, wo bei Tor 1 eine eigene jüdische Abteilung angelegt wurde, schloss man den jüdischen Friedhof Währing 1879 offiziell.

 

Schon bald bemühte sich die IKG Wien darum, den Fortbestand des jüdischen Friedhofes Währing zu sichern, die Gräber und Denkmäler zu erhalten und die ganze Anlage parkähnlich auszugestalten. Das Areal wurde bis 1938 kontinuierlich professionell betreut und gärtnerisch gepflegt. Schon zu Beginn des NS-Regimes wurde es enteignet. Im Dezember 1939 wurde Adolf Eichmann, der Leiter der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“, zum „Sonderbevollmächtigen für das Vermögen der Israelitischen Kultusgemeinden in der Ostmark“ ernannt. Er verkaufte den Liegenschaftsbesitz der IKG Wien, um die Deportationen zu finanzieren und das Lager Theresienstadt auszubauen. Als Käuferin der jüdischen Friedhöfe bot sich 1941 die Stadt Wien an.

 

Zerstörungen zur NS-Zeit sowie nach 1945

 

Im südöstlichen Teil des Areals legte die Stadt Wien einen Löschteich an. Bei den Grabungsarbeiten wurden mindestens 2.000 Grabstellen zerstört, das Erdmaterial samt Knochen zur Füllung von Bombentrichtern an verschiedene Plätze der Stadt verbracht. Dort konnten Knochenreste, soweit als möglich, geborgen und zum Zentralfriedhof Tor 4 verbracht werden, wo sie in zwei Massengräbern wieder bestattet wurden. Nach dem Abschluss langwieriger Restitutionsverhandlungen verblieb das Löschteich-Areal 1955 im Eigentum der Stadt Wien, die darauf in den Jahren 1959 bis 1960 den „Arthur Schnitzler-Hof“ errichtete. Im Zuge der Bauarbeiten in der NS-Zeit sowie nach 1955 wurden unzählige Grabsteine auf Haufen zusammen geworfen, andere entfernt. Die aufgetürmten Grabsteine bestimmen noch heute das Bild in den jüngeren Teilen des Friedhofsareals.

 

Im Dezember 1941 wurden 131 Personen auf Veranlassung des Ältestenrates der Juden Wiens enterdigt, ihre Gebeine zur neuen jüdischen Abteilung auf dem Zentralfriedhof bei Tor 4 gebracht und wiederbestattet. Dies verfolgte den Zweck, berühmte Persönlichkeiten, die auf dem jüdischen Friedhof Währing bestattet waren, vor der Exhumierung durch NS-Stellen zu retten. Denn im Anschluss daran führte das Naturhistorische Museum zu so genannten rassekundlichen Zwecken 215 Enterdigungen durch. Viele imposante Grabmäler auf dem jüdischen Friedhof Währing wurden entfernt und nicht wieder errichtet. Die damals geöffneten monumentalen Gruftanlagen stehen bis heute offen und bilden eine permanente Gefahrenquelle.

 

Das Washingtoner Abkommen und die Folgen

 

Die Halacha verpflichtet die jüdischen Gemeinden zur immerwährenden Erhaltung ihrer Friedhöfe und aller Grabstätten. Nach der Halacha gehört ein jüdisches Grab ausschließlich dem Toten. Es ist auf ewig unantastbar. Dem religiösen Gebot folgend müssen daher ein jüdisches Grab und ein jüdischer Friedhof auf ewige Zeiten bestehen bleiben.

 

Ein grundsätzliches Problem bei der Erhaltung der jüdischen Friedhöfe in Österreich besteht in dem Umstand, dass die Zerstörungen der NS-Zeit vielfach niemals beseitigt worden sind und bis heute bestehen. Neben baulichen Mängeln stellen sie für das Fortbestehen dieser religiösen Einrichtungen eine ernsthafte Gefahr dar. Die ausgelöschten jüdischen Gemeinden und ihre ermordeten oder vertriebenen Angehörigen jedoch können für die Sanierung der verwaisten Friedhöfe keine Verantwortung mehr tragen, und ihre Nachfolgeorganisationen sind bei weitem zu klein, um diese Aufgabe alleine übernehmen zu können. Per Gesetz jedenfalls stehen die jüdischen Friedhöfe so wie alle Einrichtungen der gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften in Österreich unter Denkmalschutz.

 

Im Januar 2001 schloss die österreichische Bundesregierung mit der Regierung der USA und dem Bundesverband der jüdischen Gemeinden Österreichs das „Washingtoner Abkommen“ zur Regelung von Fragen der Restitution und Kompensation jüdischen Eigentums, das während der NS-Zeit geraubt worden war. Es bezieht sich auch auf die jüdischen Friedhöfe in Österreich. Seither wird um eine politische Lösung zur Umsetzung dieses vertraglichen Zugeständnisses gerungen. Wer ist zuständig – der Bund, die Länder, die Ortsgemeinden? Auch der jüdische Friedhof Währing dämmert seither vor sich hin, Grabmonumente verfallen weiter, bald werden sie auf immer verschwunden sein. Das Areal, meterhoch von Wildwuchs überwuchert, wurde im Herbst 2007 durch das Stadtgartenamt der Gemeinde Wien gerodet. Doch schon nimmt mit dem Beginn der Vegetationsperiode der dichte Dschungel wieder überhand. Die österreichische Nationalratspräsidentin Barbara Prammer kündigte 2007 ein Projekt zur systematischen Erfassung der Schäden auf dem Friedhof an. Seit April 2008 scheint die Finanzierung dafür nach langem Ringen gesichert: Der Zukunftsfonds der Republik Österreich unter Federführung von Waltraud Klasnic soll sich an den Kosten beteiligen. Es könnte der erste Schritt in Richtung kontinuierlicher Pflege, aber auch systematischer Rettung der bedeutenden Grabmonumente sein. Bleibt zu hoffen, dass die positiven Signale auch zu konkreten Umsetzungen führen.

 

Tina Walzer

Historikerin, Forschungsgebiet europäische jüdische Geschichte, erforscht seit 1995 den jüdischen Friedhof Währing und verhandelt seine Instandsetzung und Erhaltung.