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Ausgabe 2/08


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vor.gelesen | rezensionen

»Anschluß« und Ausschluss 1938.

 

Vertriebene und verbliebene Studierende der Universität Wien

 

Herbert Posch, Doris Ingrisch und Gert Dressel (Hrsg.), Lit Verlag, 2008

 

In der Reihe „Emigration – Exil – Kontinuität. Schriften zur zeitgeschichtlichen Kultur- und Wissensforschung“, die vom Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien, Friedrich Stadler, herausgegeben wird, erschien nunmehr der achte Band, „’Anschluß’ und Ausschluss 1938“, der sich mit den Auswirkungen des „Anschlusses“ 1938 auf die HörerInnenschaft der Universität Wien geschichtswissenschaftlich auseinandersetzt. Nach allen Regeln der Kunst analysieren die drei HistorikerInnen Dokumente des Universitätsarchivs, Interviews mit ZeitzeugInnen, die sie in aller Welt aufgespürt haben – wobei eben auch „verbliebene Studierende“ befragt wurden – und sonstige autobiografische Aufzeichnungen. Die AutorInnen konnten rund 2.230 vertriebene HörerInnen statistisch erfassen, was einen Einbruch der Studierendenzahlen von ca. 42 Prozent darstellt. Von diesen konnten 1.570 namentlich erfasst und im Band einzeln aufgelistet werden, inklusive grundlegender biografischer Daten, so diese auffindbar waren. Die Darstellung und Analyse der Ereignisse von 1938 im Kontext der Jahre davor aber auch danach machen konkrete Verantwortlichkeiten der Wiener Universität wie auch ihres Personals sichtbar, wodurch eine oberflächliche und im Endeffekt exkulpierende Zuschreibung der Schuld auf das NS-Regime verhindert wird. Der vorliegende Band ist ein weiterer wichtiger Meilenstein in der Aufarbeitung der Geschichte der Universität Wien in der NS-Zeit, der sowohl interessierten Laien als auch dem Fachpublikum als bereichernde Informationsquelle gereichen wird.

 

Johann Kirchknopf

 

 

 

Ehrlos für immer?

 

Die Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure in Deutschland und Österreich

 

Hannes Metzler, Mandelbaum Verlag 2007

 

Eine der wohl umstrittensten Materien im vergangenheitspolitischen Diskurs der österreichischen und deutschen Nachkriegsgesellschaften ist jene der Wehrmachtsdeserteure, die in der Bevölkerung in erster Linie als „Verräter“ wahrgenommen wurden. Ihr wichtiger Beitrag, die militärischen Kräfte des nationalsozialistischen Regimes zu schwächen, wurde aus politisch und gesellschaftlich opportunen Gründen nicht wahrgenommen, sondern diskreditiert. Die Folge waren reale und gefühlte Schlechterstellungen für Betroffene, die einerseits mit sozialrechtlichen Nachteilen, andererseits mit der Ächtung durch ihre Mitmenschen leben mussten. Es mussten Jahrzehnte ins Land ziehen, bis das Schicksal der Opfer der NS-Militärjustiz in den Fokus des Interesses genommen wurde. Erst in den 1990er-Jahren setzte in Deutschland – und mit Verzögerung in Österreich – eine politische und gesellschaftliche Thematisierung der Leistungen der Deserteure und Wehrdienstverweigerer ein.

 

Der Politikwissenschaftler Hannes Metzler zeichnet in seinem Buch die Rehabilitierungsdebatte in Deutschland und Österreich bis zu einer – eher halbherzigen – gesetzlichen Lösung minutiös nach. Als jemand, der selbst in die Debatten als parlamentarischer Mitarbeiter wesentlich involviert war, bietet der Autor spannende Einsichten in die Strukturen und Debatten innerhalb eines – relativ neuen und eingegrenzten – vergangenheitspolitischen Politikfelds. Das Buch sei nicht nur Fachleuten der Materie empfohlen, sondern all jenen, die sich für die gelebte Praxis der österreichischen Innenpolitik interessieren.

 

Klaus Kienesberger

 

 

 

 

Die OSTMARK-WOCHENSCHAU.

 

Ein Propagandamedium des Nationalsozialismus

 

Hrvoje Miloslavic (Hrsg.), Verlag Filmarchiv Austria, 2008

 

Im Jahr 2004 übergab das Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin/Koblenz die erhaltenen Bestände der OSTMARK-WOCHENSCHAU an das Filmarchiv Austria. Deren Analyse ist nun ein Sammelband gewidmet. Sowohl der erste als auch der letzte Artikel geben dem Kernthema den Rahmen: Die Grundkenntnisse über die Zwischenkriegszeit und den Nationalsozialismus sowie der Umgang mit dem historischen Erbe werden vermittelt. Eingebettet in historische Eckdaten und Zusammenhänge beginnt der inhaltliche Schwerpunkt mit dem Aufbau und der Tätigkeit der Produktionsfirma Selenophon, die sowohl die austrofaschistische Wochenschau „Österreich in Bild und Ton“ als auch die OSTMARK-WOCHENSCHAU gestaltete und widmet sich dann der Frage, inwiefern sich die „Wochenschau“ nach dem „Anschluss“ änderte. Das Prozedere, alle vaterländischen Sujets auszusparen und die Ausgaben mit nationalsozialistischer Symbolik anzureichern, erschien nicht ausreichend. Der Unbeholfenheit haftet in der heutigen Betrachtung ein Hauch von nicht intendierter Subversivität an, was sehr anschaulich anhand des Fußballspiels Österreich gegen Deutschland im April 1938 beschrieben wird. Im letzten Drittel des Sammelbandes beschäftigen sich Autorinnen und Autoren mit der Universität Wien damals und heute; der Artikel zur Rezeption der OSTMARK-WOCHENSCHAU durch Publizistik-Studierende spannt elegant den Bogen in die Gegenwart. Eine formal angenehme und inhaltlich sehr interessante Lektüre!

 

Julia Walder