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Ausgabe 3/08


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„Lediglich ein unbedeutendes Land“

Das Österreich-Bild in Israel

 

Trotz  der  bedeutenden  Rolle,  die Österreich in der jüdischen und zionistischen Geschichte gespielt hat, sind die israelischen Gefühle gegenüber Österreich alles andere als überschwänglich. Wenn überhaupt, dann spiegeln diese Gefühle oft ein wenig Ablehnung und Indifferenz wider. So zeigt sich in der Analyse der österreichbezogenen Themen in israelischen Medien eine Leerstelle  im öffentlichen Interesse: Eine statistische Untersuchung der relevanten Themen im Archiv von Yedioth Achronot, Israels führender Tageszeitung, zeigt, dass die Zeitung Österreich zwischen Mai 1948 und Ende März 2008 nicht mehr Aufmerksamkeit widmete als den Niederlanden oder Belgien.

 

„Israel  Brand“,  ein von Rommey Hassman  von der Universität  von Tel Aviv im April publizierter Artikel, misst die Stärke der Beziehung zwischen  Israel und anderen Nationen und bescheinigt Österreich dabei den 26. Platz von 39 Ländern. Deutschland kommt hingegen auf den dritten Platz. Viele für diese Untersuchung  interviewte  Personen, darunter  führende  Persönlichkeiten Israels, wunderten sich, warum Österreich  überhaupt  irgendeine  spezielle Aufmerksamkeit erhalten sollte. „Es  ist lediglich  ein weiteres unbedeutendes Land“, wurde mir mehrmals gesagt.

 

Doch historisch hatte Österreich einen bedeutenden Einfluss auf die  jüdische  und  israelische Geschichte  und in dieser Hinsicht hätte damit gerechnet werden können,  in  Israel auf stärkere Gefühle gegenüber Österreich zu stoßen – speziell wenn man den tiefen israelischen Groll gegenüber Deutschland  in  Betracht  zieht  und  die  von David Bankir von Yad Va`Shem erwähnte Tatsache berücksichtigt, dass Österreich zwar nur elf bis zwölf Prozent der Bevölkerung des Dritten Reichs beherbergte, aber gleichzeitig 30 Prozent der Täter in den Tötungsapparaten der Nazis (Gestapo und SS) stellte.

 

Es kann keine Diskussion über Österreich geführt werden, ohne die Moskauer Deklaration vom Oktober 1943 zu erwähnen, in der die Alliierten erklärten, dass Österreich das erste freie Land gewesen sei, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer gefallen war. Die Deklaration verwies jedoch auch darauf, dass Österreich daran erinnert sei, dass es  für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eine Verantwortung gebe, der es nicht entrinnen könne. Sie sagte auch, dass Österreich zu seiner Befreiung beitragen müsse, aber die Bezeichnung als „erstes Opfer“ dominierte und die Opferwahrnehmung wurde die Basis künftigen Verständnisses und politischen Verhaltens – innerhalb und außerhalb Österreichs.

 

Ein vom israelischen Außenministerium 2004 herausgegebenes Papier behauptet, dass  Israels Beziehungen mit Österreich  „nicht  als normal  definiert werden  können“. Dennoch  entsandte Israel bereits zwei Monate nach seiner Gründung  im Mai 1948 einen diplomatischen Abgesandten nach Österreich, eröffnete 1950 ein Konsulat und baute dieses 1959 zu einer Botschaft aus. Hingegen unterhielt Israel bis 1965 keine diplomatischen Beziehungen mit Westdeutschland, mit dem das Luxemburger Abkommen über Entschädigungszahlungen 1952 unterzeichnet wurde.

 

Wie  kommt  es,  dass  Deutschland starke emotionale Reaktionen  in  Israel hervorruft, während Österreich ein nahezu „bedeutungsloser“ Faktor in der israelischen Öffentlichkeit blieb? Danach befragte HistorikerInnen, DiplomatInnen, ForscherInnen und JournalistInnen bemühten verschiedene Erklärungen. Manche sagen, die österreichische Gemeinde  in  Israel sei klein und ohne großen Einfluss: Von den 130.000 österreichischen Juden, die den Zweiten Weltkrieg überlebten, kamen nur 10.000 bis 15.000 nach Israel.

 

Substanziellere Gründe liegen in Israels internationalen und internen diplomatischen Entscheidungen. Der junge Staat brauchte jede  internationale Unterstützung, die er kriegen  konnte, selbst wenn der Preis dafür die geringere Aussicht auf Buße Österreichs war. Einige israelische Anstrengungen wurden unternommen, Wiedergutmachungen auszuverhandeln, aber  letztlich erhielt Israel  unter  der  Aufgabe  jeglicher Wiedergutmachungsansprüche  an Österreich 1953 einen 2,5 Millionen Dollar Kredit von Österreich und der israelische Außenminister Mosh Sharett erklärte darauf in Paris, dass „Israel keine Wiedergutmachung von Österreich verlangen wird...“

 

Ein  weiterer  Faktor  war  jener  der Prioritätensetzung.  Israels  EntscheidungsträgerInnen  glaubten,  dass  es für den Bezug von Entschädigungszahlungen weiser wäre, die Anstrengungen auf Deutschland zu konzentrieren. Deutschland war  größer,  reicher  und eindeutig kein „Opfer“. Der  israelische Historiker und Journalist Tom Segev stieß auf Korrespondenz zwischen Simon Wiesenthal und der israelischen Botschaft  in Österreich, in der Wiesenthal die Frage aufwarf, warum  Israel nichts unternahm,  jüdisches Eigentum ihren rechtmäßigen BesitzerInnen rückzuerstatten. Die Antwort an den Nazijäger lautete, dass die Prioritäten andere seien.

 

Ein weiterer Grund war,  dass  sich Israel dem Wunsch der USA  fügte, die nicht besonders daran interessiert waren, Österreich  zu belangen, das  als mittlerweile  neutraler  Staat  für  den westlichen und kommunistischen Block als  Drehscheibe  für Überwachungs und Spionageaktivitäten diente. Auch Israel profitierte von Österreichs neutralem Status: Bereits  1953  eröffnete Israel in Wien die erste Anlaufstelle von „Nativ“ einer halbgeheimen Regierungsorganisation, die Kontakte zu Juden hielt, die hinter dem Eisenen Vorhang lebten und deren Immigration nach Israel arrangierte. Von den 1950er-Jahren bis zum Ende der 1980er-Jahre diente Wien als Drehscheibe für eine halbe Million Jüdinnen und Juden, die offiziell aus dem kommunistischen Block nach Israel immigrierte. Die Politik, jüdische Immigration zu ermöglichen, war kein Akt der Barmherzigkeit. Sie diente der Herausbildung des Nachkriegs-Bildes Österreichs als neutraler Staat mit humanitärem Anspruch. Aber Österreich erschien Israel klarerweise als nicht berechtigt, Großzügigkeit zu zeigen. Tatsächlich beklagte Israel weiterhin, dass Österreich nicht genügend Engagement zeige, dieser Immigration unter die Arme zu greifen und gleichzeitig eine „pro-palästinensische“ Position einnehme. Die offizielle Unzufriedenheit wurde durchaus in manchen großspurigen Fehden zwischen Bruno Kreisky  und  israelischen Persönlichkeiten wie Golda Meir oder Menachem Begin  demonstriert.  Aber  praktisch stand niemand im österreichischen Establishment – von  führenden politischen EntscheidungsträgerInnen  bis  hin  zu Polizeikräften  im  Einsatz  –  den  von Israel auf österreichischem Boden durchgeführten Aktivitäten im Weg. Österreich bot den israelischen RepräsentantInnen sogar jegliche Hilfe an, die diese brauchten. Es kann daher gesagt werden, dass trotz der offiziellen israelischen Unzufriedenheit Österreichs Beitrag zu dieser massiven Immigration Israels Wut über Österreichs jüngere Vergangenheit und über deren Verdrängen – wenn auch nur unterbewusst – aufweichte.

 

Schließl ich gab es auch noch den kulturellen Faktor. Bereits  in den 1950er-Jahren wurde Nachkriegs-Österreich kulturell als die Hauptstadt des zuckersüßen europäischen Lifestyles dargestellt. Filme wie „Sound of Music“ und die „Sissi“-Reihe trugen viel zu Österreichs Image  als  kitschiger,  ungefährlicher Staat bei – ein naives Bild, das sehr dem Konzept vom „ersten Opfer“ des Nationalsozialismus entsprach. Dieser Trend ging auch an Israel nicht vorüber, wo die „Sissi“-Filme in den 1950er-Jahren großen Erfolg verbuchten,  während es deutsche Filme nicht in die Kinos schafften. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Österreich-Bild während der  ersten  Jahrzehnte  der  Existenz Israels als das eines Staates geformt wurde,  der  in  der  Tat antisemitisch, aber zur selben Zeit nicht gefährlich und schädlich sei.

 

Der  auf  der  unrühmlichen  Rolle Österreichs  im Holocaust  basierende kollektive  israelische Groll  ist niemals verschwunden. Aber er war durch die oben beschriebenen Faktoren verwässert. Dieses ambivalente und mit Missachtung  kombinierte Gefühl  von Ablehnung ging so stark in der nationalen Wahrnehmung auf, dass auch größere politische Krisen zwischen den beiden Ländern  sie nicht umkehren  konnten. An Golda Meirs Vorwurf von 1973, dass Fortsetzung von Seite 1 sich Kreisky Terroristen ergeben würde, als er entschied, das Durchgangslager in Schönau zu schließen, kann man sich in Israel gut erinnern. Das ganze Ereignis wurde ein paar Tage später durch die  traumatische  Überraschung  des Yom-Kippur-Krieges  überschattet. Tatsache war auch, dass Kreisky, nachdem er Schönau geschlossen hatte, ein anderes Lager in Wöllersdorf eröffnete, von wo die Immigration beständig weiterging, bis die Israelis sich selbst entschieden, das Lager zu schließen. Aber das israelische Gedächtnis sieht den Vorfall noch immer als ein österreichisches Laster.

 

Ein  anderes  historisches  Ereignis, das nie aus dem israelischen Bewusstsein verschwand, war Waldheims Wahl zum Bundespräsidenten im Jahr 1986, die  in eine Abwertung der  israelischen diplomatischen Beziehungen zu Österreich mündete. Waldheims Ernennung rief in der Tat eine österreichische Diskussion über die eigene Vergangenheit hervor und Vranitzkys Rede 1991 öffnete eine Tür zu einem neuen, wärmeren Typ israelisch-österreichischer  diplomatischer Beziehungen. Doch auch die Aufnahme der Haider-FPÖ in die österreichische Koalitionsregierung 2000 (die zum Abzug  des  israelischen  Botschafters führte; erst 2003 wurden die diplomatischen Beziehungen wieder voll hergestellt) ist noch frisch in Israels kollektivem Gedächtnis. Dennoch scheint es, dass sich Israelis noch immer nicht genug darum kümmern,  irgendwelche  Interessen an Österreich zu zeigen – weder negative noch positive.

 

Die österreichischen Wahlen, die mitten  in der Hochsaison der  israelischen Ferien über die Bühne gingen, riefen einige Aufregung hervor. Die Berichte  in israelischen Medien äußerten Besorgnis über den Wahlausgang. Nichtsdestotrotz scheint es so, als wären die Reaktionen nicht aufgeregter als in anderen internationalen Medien. Bislang gab es keine Proteste oder andere Ausdrucksformen öffentlicher Erregung. Sollten aber die rechtsextremen Parteien  in die österreichische Regierung kommen, könnte das diplomatische Schritte wie  in der Vergangenheit zur Folge haben.  In der Zwischenzeit  heben  täglich  pünktlich drei bis vier Flüge von Tel Aviv in Richtung Wien ab – voll mit Israelis, die sich auf ihren Urlaub freuen.

 


Michal Levertov
ist Medienberaterin sowie Journalistin in Israel. Derzeit arbeitet sie als Kolumnistin und Autorin für das British Jewish Chronicle und lebt in Tel Aviv.

Übersetzung aus dem Englischen: Konstantin Wacker

 

 

 

 

 

Editorial

 

Liebe Leserin! Lieber Leser!


Die Waldheim-Krise 1986 und die sogenannten EU-Sanktionen im Jahr 2000. Das waren  zwei Momente der  jüngeren  Vergangenheit,  in denen  in  Österreich eine breite Öffentlichkeit mit dem eigenen Image  außerhalb  des  Landes  konfrontiert wurde und dieses auch wesentlichen innen  politischen Einfluss nahm, ja intensiv diskutiert wurde.


Anlässlich  des  Gedenkjahres  2008 stellen wir uns  in der aktuellen Ausgabe von GEDENKDIENST die Frage, wie es wohl zur Zeit um das Bild Österreichs  im Ausland, konkret in verschiedenen Ländern, in denen Gedenkdienstleistende arbeiten, bestellt ist. Dabei geht es weniger um eine  wissenschaftliche Auseinandersetzung, denn um ein Ausloten von Erfah  rungen und Begegnungen, welche die Autor  Innen  im Zuge ihrer Tätigkeit gemacht haben.


Die Titelgeschichte über das Österreich-Bild in Israel ist das verschrifltichte Ergebnis eines Vortrags der israelischen Journalistin Michal Levertov im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Geh denken“. Es folgen Erörterungen zum Image Österreichs in Tschechien und den Niederlanden von Till Hilmar und Julia Walder. Der französischen Perspektive widmet sich Julien Then, während Philipp Rohrbach und Konstantin Wacker mit zwei US-EmigrantInnen über ihre Erinnerungen an Österreich sprachen. Einem sehr spezifischen, aber umso  interessanteren Aspekt widmet sich Peter Larndorfer: Er untersucht das Österreich-Bild, das  in der „Nationalausstellung“  in Auschwitz vermittelt wird. Abgerundet wird die Ausgabe  von  Beiträgen  zur  großen GEDENKDIENST-Tagung im November sowie zum neuen Studienfahrten-Projekt.


Eine personelle Änderung gilt es ebenfalls  zu  vermelden:  Mit  der  Ausgabe 04/2008 wird Konstantin Wacker, ehemaliger Gedenkdienstleistender in Washington, die Chefredaktion der Zeitung übernehmen. Die LeserInnen können sich auf spannende Schwerpunktsetzungen freuen!


Klaus Kienesberger
Redakteur GEDENKDIENST