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Ausgabe 3/08


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Nazion Österreich?

Kommentar

 

Es gibt nichts zu beschönigen: Bei relativ hoher Wahlbeteiligung haben knapp dreißig  Prozent  der  österreichischen WählerInnen für rechtsradikale Parteien gestimmt. Mangels Originalität und Nutzen büßt auch das betretene Genieren ob derartiger Zustände langsam seinen Reiz ein. Was also bleibt? Vor allem einige merkwürdige Widersprüche: Gesamtgesellschaftlich  ist die Verklärung des Dritten Reiches mittlerweile eine Angelegenheit einer Minderheit von Obskuranten. Wie passt das mit dem Erfolg von Strache und Haider zusammen, die beide schlagende Burschenschafter sind bzw. waren, der eine mit Neonazi-Vergangenheit, der andere mit regen Sympathien für (deutsche bzw. verbündete) Kriegsverbrecher? Eine große IFES-Studie aus dem Jahr 2004 zeigt  deut l ich,  dass autoritäre Grund  züge in der österreichischen Gesellschaft in den vergangenen dreißig Jahren abgenommen haben – und nun feiern ausgerechnet  jene, die sich als Heilsbringer und Erlöser  inszenier(t)en, Triumphe? Traditionell war das „dritte Lager“ eine Männerdomäne – wie passt nun der erstmalig ausgeglichene Geschlechteranteil unter den WählerInnen des BZÖ zur ungebrochen machoiden Pose der Spitzenfunktionäre?  Und  schließlich: Junge Menschen zwischen 19 und 29 sind Studien zufolge weniger autoritätsgläubig als der Rest der Bevölkerung, sie lehnen den Nationalsozialismus ganz besonders stark ab und äußern den geringsten Wunsch nach einem „starken Mann“. Dennoch werden die Freiheitlichen bei den Unter-30-Jähr igen zur stärksten Partei. Dieselben Studien zeigen aber noch einen  zweiten Trend: Das  individuelle Sicherheitsgefühl nimmt infolge der angespannten Arbeitsmarkt  situation, des stetig steigenden Leistungs- und Anpassungsdrucks und ungewisser Zukunftsaussichten rapide ab, gleichzeitig ist ein starker Trend zur Individualisierung fühlbar, Menschen ziehen sich zurück und fühlen sich paradoxerweise immer einsamer. Das drängt die These auf: Angst als Normalzustand, drohender wirtschaftlicher und sozialer Abstieg als unabänderliches Gesetz des Marktes, fortgesetzte Zerstörung  sozialer Errungenschaften als Messlatte staatlichen Fortschritts – all das erzeugt berechtigt Wut und Unsicherheit, keineswegs „nur“ im unteren Einkommensdrittel. Wahlen sind eine der wenigen Gelegenheiten, derartige Stimmungslagen zu artikulieren – dass es nur die extreme Rechte ist, die davon profitiert spricht nicht für sie, sondern gegen alle anderen.

 

Florian Wenninger
ist Obmann des Vereins GEDENKDIENST