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Ausgabe 3/08


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Unverständige Nachbarn?

Annäherung an das Österreich-Bild in Tschechien


Österreich  ist  seit  neuerem  eines  der  beliebtesten  Reiseländer  in Tschechien, besonders natür l ich im Winter. Aber viele TschechInnen assoziieren damit ein Paradies der „Sauberkeit“ und des Wohlstandes. Es kursiert das Bild vom „Legoland“, in dem alles  in geregelten Bahnen abläuft. Aber hinter solchen Biertischfantasien verstecken sich bei Nachfrage auch Vorwürfe, die von schwermütigem Herzen kommen.


In den Medien kennt man Österreich hauptsächlich dank Temelín. Man greift sich an den Kopf, weil sich die österreichischen  AtomgegnerInnen  nicht gleichermaßen für die bayerischen Reaktoren  interessieren.  Die  Form  der Proteste, nämlich Grenzblockaden, trifft außerdem einen wunden Punkt: Bewegungsfreiheit blieb für die TschechInnen jahrzehntelang ein Traum. Ausgerechnet von ihren Unterdrückern aus vergangenen Zeiten sollen sie nun wieder darin eingeschränkt werden? Die intensivierten österreichischen Polizeikontrollen an der Post-Schengen-Grenze im Frühling dieses Jahres werden in Tschechien als „Schikane“ wahrgenommen.


Es gibt ein wichtiges  tschechisches Narrativ, das vom südlichen Nachbarland nicht wirklich wahrgenommen wird. Im modernen Museum von Lidice, dem von den Nazis  im  Juni 1942  zerstörten Dorf bei Prag, zeigt sich sinnbildlich das Trauma. Auf einer Wand flimmert  ein Kurzfilm mit  schicksalhafter Tonuntermalung, die man noch bis in die entferntesten Winkel des Museums hören kann. Es ist eine Ansprache von Reinhard Heydrich, der im Herbst 1941 seine Pläne  für die okkupierten  tschechischen Gebiete ankündigt: „Letztendlich wird der Tscheche hier nichts mehr zu suchen haben.“ Sei es die Gefangenschaft im Konzentrationslager, Zwangsarbeit oder „nur“ das Verbot des Studiums, die Erfahrungen mit der deutschen Herrschaft prägen bis heute die meisten Familiengeschichten.


Im  Jahr  2002  hat  die Regierung  in Prag die Beneš-Dekrete, die  von den sudetendeutschen Vertretungsorganisationen gerne als die  juristische Legitimation eines „Völkermordes“ bezeichnet werden, für „unantastbar“ erklärt. Die Dekrete haben zuerst eine konkrete Dimension: Würden sie aufgehoben, dann könnten plötzlich Eigentumsansprüche gegenüber heutigen BewohnerInnen ehemaliger sudetendeutscher Häuser angemeldet werden, die diese aber ihrerseits rechtmäßig vom  tschechischen Staat erkauft haben. In den Grenzgebieten geht eine gewisse Angst um, wenn sudetendeutsche Denkmäler aus dem Boden sprießen oder ehemals deutsche Kirchen von österreichischen oder deutschen SpenderInnen renoviert werden.


Darüber  hinaus  gelten  die Dekrete symbolisch als eine Entschädigung  für den Naziterror, als Strafe  für die deutschen Unterdrücker. Für eine Perspektive, die versucht, die Vertreibungen der Sudetendeutschen aus dem Kontext der Naziokkupation zu nehmen und als isoliertes Verbrechen  zu  betrachten,  hat man gerade deshalb in Tschechien kein Verständnis.  Österreich  demonstriert seine Ignoranz gegenüber dem Trauma, wenn die sudetendeutschen Verbände von den großen Parteien hofiert werden. Das wirkt besonders auf die tschechische Politik zurück.


Im August dieses Jahres veranstaltete  die  tschechische  Organisation „Antikomplex“ eine mehrtägige Spurensuche  im  österreichisch-tschechischen  Grenzgebiet novohradské hory (Gratzener Bergland). Auf die Suche nach der sudetendeutschen  Vergangenheit begab sich eine gemischte Gruppe von Alt und  Jung,  Tschechisch- und deutschsprachigen. „Antikomplex“  möchte  vor allem das Unrecht der Vertreibungen thematisieren. Es ist also nicht der Fall, dass auf diesem Feld in Tschechien Untätigkeit herrscht. Die tschechische Gesellschaft befindet sich in einem Wandel, sagt Ondřej Matějka, Gründungsmitglied der Gruppe. Es läuft derzeit  ein  großes Forschungsprojekt zu sudetendeutschen Antifaschisten, für das Jahr 2011  ist die Eröffnung eines Museums zur deutschen Geschichte  in Böhmen und Mähren geplant. Nicht zufälligerweise in Ustí nad Labem in Nordböhmen: Denn wenn es einen großen Unterschied zu  den Spurensuchen  in den vergangenen Jahren an der bayerischen oder sächsischen Grenze gibt, so Ondřej, dann  ist es der Eindruck, dass gerade an der österreichischen Grenze sehr wenige grenzüberschreitende Projekte existieren.


Till Hilmar,
leistete Gedenkdienst an der Gedenkstätte Terezín, 2007/2008