AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 3/08


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Kein Bild

Die Rolle Österreichs im kollektiven Gedächtnis der niederländischen Bevölkerung während der Besatzungszeit 1940 bis 1945.


9. November 2004. Im Herinneringscentrum  Kamp Westerbork  findet  im Gedenken  an die Pogromnacht  1938 eine Lesung einer Überlebenden statt. Während der Tag mit den Vorbereitungen ausgefüllt ist, meldet sich eine Mitarbeiterin von Radio Drenthe im Museum und fragt ein Interview mit der deutschen Freiwilligen zu den Geschehnissen des Pogroms an. Diese ist nicht im Zentrum, also erkläre ich mich als österreichische Freiwillige  dazu  bereit, woraufhin  die Journalistin erstaunt meint, dass eine Österreicherin wohl kaum etwas zu dem Thema zu sagen habe.  Immerhin habe es ja keine „Reichskristallnacht“ in Österreich gegeben.


Nach einem kurzen Moment der Fassungslosigkeit versuche ich zu erklären, dass nur ein Teil der Moskauer Deklaration besage, Österreich sei das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen, der Anschluss  im März 1938  für viele Menschen  eine „Heimkehr ins Reich“ bedeutete und dass in der Nacht von 8. auf 9. November 1938 auch in Österreich ein Pogrom stattgefunden hat. Die Journalistin verzichtet dennoch dankend auf das Interview mit mir.


Diesem Telefonat  folgten Gespräche mit zahlreichen KollegInnen über die Beteiligung von ÖsterreicherInnen am Holocaust. Das Ergebnis war stets ähnlich: Meine GesprächspartnerInnen verstanden meinen Standpunkt und  teilten  ihn auch, meinten aber  beschwichtigend, dass ein Großteil der niederländischen Bevölkerung  den Holocaust  nicht mit ÖsterreicherInnen verbinde und die historische Verantwortung dafür Deutschland zu tragen habe.


Diese  Tatsache  ist  erstaunlich,  da nach  dem Überfall  der Nazis  auf  die Niederlande im Mai 1940 eine deutsche Zivilverwaltung  installiert wurde, an deren Spitze eine Reihe von Österreichern stand: Reichskommissar Arthur Seyß-Inquart, sein Wirtschaftsbeauftragter Hans  Fischböck und sein Sicherheitsbeauftragter, der Höhere SS- und Polizeiführer Brigadeführer Hanns Rauter, der unter anderem mit der Errichtung der zwei großen Judendurchgangslager, Vught und Westerbork, beauftragt war1.


Ich hatte geplant, an dieser Stelle et was ausführlicher auf die Beteiligung von ÖsterreicherInnen am niederländischen Besatzungsapparat einzugehen; im Zuge meiner Recherche stellte sich allerdings heraus,  dass of fensicht l ich in der Vergangenheit keinerlei wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex stattgefunden hat: Trotz  intensiver Bemühungen konnte ich kein Werk finden, das sich vertiefend mit dieser historischen Verantwortung auseinander setzt. In der Annahme, in den Niederlanden mehr Glück mit weiterführender Literatur zu haben, konsultierte ich sowohl das Herinneringscentrum als auch das NIOD  (das niederländische Kriegsdokumentationsarchiv). Das ernüchternde Resultat: Die aktive Tätigkeit von ÖsterreicherInnen in Führungspositionen während der Besatzungszeit ist lediglich dokumentiert, bis dato aber nicht unter diesem Gesichtspunkt aufgearbeitet.


Trotz der fehlenden Beschäftigung mit diesem Teilaspekt der niederländischen Besatzung war und ist es für mich grotesk, dass die aktive Beteiligung von ÖsterreicherInnen an der Shoah angezweifelt beziehungsweise ausgeblendet wird. Das eingangs beschriebene Erlebnis ist nun zwar schon einige Jahre her, es zeigt aber meines Erachtens nach wie vor anhaltendes, sehr nachsichtig gezeichnetes Bild der österreichischen Verantwortung im Ausland – zumindest in den Niederlanden.


Julia Walder
leistete Gedenkdienst im Herinneringscentrum Kamp Westerbork 2004/2005

1 http://www.doew.at/projekte/holocaust/shoah/flucht/nl.html