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Ausgabe 3/08


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Frankreichs Blick auf Österreich

Ein Kommentar


Zwischen Wien und Paris  liegen gut 1.200 Kilometer Luftlinie. Jahrhunderte alte historische Zwiste und Fehden erstrecken sich über diese Distanz: um den Thron Kontinentaleuropas wurde gefochten, Machtansprüche großbrüstig eingeklagt und um die Kulturhauptstadt wettgeeifert. Selten war man sich einig, allein Louis XVI. war den Wiener Herren lieber als ein marodierender Revolutionspulk. Dann kam Napoleon, die Monarchie hielt stand. Sie fand sich kurzweilig im Zwist mit Preußen wieder, doch schon bald darauf  einte  der Hass  auf Frankreich die Gemüter. Man spuckte allerlei wohlklingende Worte von Waffenbrüdern und Treueeid und raste berauscht der Katastrophe entgegen. An ihr ging der Vielvölkerstaat zugrunde.


Das Land  siechte  vor  sich hin und nicht  nur  dumpfe  Geister  drängten „heim  ins Reich“. Österreich selbst  fiel es schwer, sich zu schätzen, war doch der alte Glanz dahin. Nun, zu dieser Zeit etwa musste auch das kollektive Interesse Frankreichs an Österreich eingefroren sein. Der Monarchie-Romantik wird gemeinsam gehuldigt, manschunkelt sozusagen versöhnlich im Dreiviertel-Takt und gibt sich ein Stelldichein im Widerhall vergangener Gloria.


Das Bild Österreichs  in Frankreich vereint  in  sich  große  Liebe  an Kultur und Landschaft mit unausgegorener, gar minimaler historischer Kenntnis. Dieser Widerspruch, und das scheint mir das Verdienst eines beinahe wütend-hedonistischen Geschichtsverschleißes nach 1945 zu sein, erstreckt sich gleich einer potemkinschen Fassade entlang einer ernüchternden Realität.


Franzosen wissen, grob gesprochen, wenig über das Österreich der  letzten Jahrzehnte. Kurt Waldheim  ist ein Begriff; indes kann die Diskussion um seine Person und deren polarisierende Wirkung nur schwer l ich in einen Kontext  gekleidet werden. Man kennt Jörg Haider, doch nicht selten scheint sich sein politischer Werdegang bis zum Bundeskanzler oder -präsidenten fortgesponnen zu haben.


Die Fälle  von Natascha Kampusch und Josef F. bewegten im vergangenen Jahr auch Frankreich. Mit deren Aufdeckung vollzog sich, und diesen Eindruck gewann ich vielerorts, ein flüchtiger Paradigmenwechsel. So schien es kurzzeitig, als hätte man sich  in der unversehrten Alpenidylle geirrt und wäre mit heiterem Mummenschanz zum Besten gehalten worden. Viel  ist  freilich nicht darauf zu geben –  auch Frankreich gefällt Österreich wohlgekleidet besser.


Julien Then
leistete 2007/2008 Gedenkdienst am Maison de la culture Yiddish