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Ausgabe 3/08


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„Ob Österreich darauf Wert legt oder nicht“

Wie US-EmigrantInnen Österreich sehen ...

 

Im Juni 2008  interviewten wir  in einem gemeinsamen Projekt unserer Gedenkdienststellen zehn EmigrantInnen aus Österreich, die in Washington, DC und Umgebung leben. Bei diesen Interviews wurden die EmigrantInnen auch nach ihrem Österreich-Bild befragt. Zwei davon wollen wir hier vorstellen.


George Czuczka


George Czuczka wurde 1925 in Wien geboren. Ab Anfang der 1930er-Jahre lebte die Familie  im Karl-Marx-Hof in Wien Heiligenstadt, wo sie die Februarkämpfe von 1934 miterlebte. Georges Eltern waren Sozialisten und beteiligten sich am Widerstand gegen die austrofaschistische Diktatur. Nach dem „Anschluss“ verhaftete die Polizei den Vater und hielt  ihn ein Jahr  in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald fest. 1939 konnte die Familie in die USA emigrieren.


Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte George Czuczka nach Europa zurück, wo  er  für diverse Entnazifizierungskommissionen arbeitete sowie an den Kriegsverbrecherprozessen in Dachau teilnahm. Von 1951 bis 1975 war er Redakteur  bei  der Stimme Amerikas und anschließend  im amerikanischen Foreign Service sowie amerikanischer Presseattaché in Wien.


Befragt  nach  seinem  Verhältnis zu  Österreich  erzählte  uns  George Czuczka: „Na ja - ich hab mir die österreichische Staatsbürgerschaft wiedergeholt. (...)Sag ma mal so: Ich habe meinen Frieden mit Österreich geschlossen, ob Österreich Wert darauf legt oder nicht. Ich war ja fünf Jahre lang in Österreich. Als Presseattache an der Botschaft  in Wien. Das war ja eine ganz andere Zeit in den späten 60er-Jahren. Und die Tätergeneration – whatever that means – und die Tätergeneration war noch da. (...) Wir waren (dann) längere Zeit nicht mehr  in Österreich  und  waren  dann überrascht, dass sich Wien ganz schön verändert hatte. Zumindest im Gegensatz zu den 50er- und 60er Jahren (...) Aber  jetzt,  in den  letzten  fünf bis zehn Jahren, da hat es sich wirklich geändert (...)“. Über die ÖsterreicherInnen sagt George Czuczka: „Ich gehe nicht with a chip on my shoulder nach Österreich, wie es viele  taten und  immer noch tun und die alle Österreicher in einen Topf werfen – denn ich weiß es aus meinen eigenen Erfahrungen, aus meinem eigenen Leben – dass es nie so war (...)“.


Mit der Kollektivschuldthese scheint George Czuczka also nicht viel anfangen zu können. Obwohl er sich im Klaren  ist, dass die Nationalsozialisten in Österreich einen hohen Grad an Unterstützung hatten, argumentiert er in den Kernbereichen  seiner Ausführungen niemals in nationalen Kategorien. Dies scheint übrigens auf die meisten EmigrantInnen zuzutreffen, die sozialistisch sozialisiert wurden.


Helma Goldmark


Zweifellos ist das Österreichbild der interviewten EmigrantInnen aber auch von anderen Einf lüssen  geprägt,  wie  die persönlichen Erfahrungen Helma Goldmarks mit ausländischen Faschisten  zeigen.  1926  in Graz geboren  bekam  sie  zunächst den österreichischen Antisemitismus und die illegalen österreichischen Nazis mit. Obwohl SA-Männer  ihrem Vater während des Novemberpogroms 1938 beide Beine gebrochen und die Zähne ausgeschlagen hatten, sodass man ihn „ihn  nicht  erkannt“ hat, spielte sich die wohl  prägendste Tragödie  gut  drei Jahre später ab:


Im  Februar wurde ihr Vater – die Mutter verstarb bereits  1937 – von Zagreb, wohin Helma  und  ihr  Vater geflüchtet waren, nach Jasenovac deportiert, wo er starb. Ihr Hass richtet sich auch am deutlichsten gegen die kroatischen Faschisten, die Ustascha: „Die Ustascha in Kroatien warn viel inhumaner denn woimmer  ich war. Das warn Tiere. Das, buchstäblich Tiere.“


Gegen Graz hat sie nicht diesen Hass „oder gegen die Leute; die Leute die jetzt dort sind ham ja nichts zu tun gehabt mit dem. Naja, es  is, es war natürlich, ich kann nicht sagen dass ich keine Gefühle der Unrichtigkeit habe, aber ich halte es nicht gegen die Stadt. (…) Das is nicht, dass ich verbittert bin, ich bin nicht verbittert.“


1942 rettete sich Helma nach Italien von wo sie im Juli 1947 in die USA auswanderte. Von dort beantragt sie derzeit die österreichische Staatsbürgerschaft.  „Ich möchte gern noch einmal nach Österreich  fahren.  Ich  hab  das Grab meiner Mutter dort.“


Es scheint  uns,  dass politische Sozialisation und persönliche Erlebnisse zwei Pole sind, welche massiv zur Entwicklung des Österreich-Bildes beitragen. Ob und  in welchem Ausmaß die politische Sozialisierung (zum Beispiel durch das Denken in Klassengegensätzen) zu dieser Sichtweise beiträgt, wird durch die Durchführung und Auswertung weiterer Interviews zu überprüfen sein.


Philipp Rohrbach
leistete 2007/2008 Gedenkdienst am Leo Baeck Institute in New York.


Konstantin Wacker
leistete 2007/2008 Gedenkdienst am United States Holocaust Memorial Museum in Washington, DC.

 

Die Interviews können auf der Hompage des Leo
Baeck Institutes (www.lbi.org) angehört werden.