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Ausgabe 3/08


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„Das erste Opfer“

Die „österreichische Nationalausstellung“ in Auschwitz


Schon  das  Titelbild  der  von  der Republ ik  Öster reich  gestal teten „Nationalausstellung“ in Auschwitz führt zu Irritationen: Da wird eine rot-weiß-rot eingefärbte  österreichische  Landkarte von Soldatenstiefeln niedergetrampelt, und links daneben prangt der programmatische Titel: „Österreich – Erstes Opfer  des Nationalsozialismus“. Das Foto kann unter www.gedenkdienst.at abgerufen werden.


Das „Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau“ zeigt neben einer allgemeinen Ausstellung mehrere so genannte „Nationalausstellungen“  jener Länder, welche Opfer in Auschwitz zu beklagen hatten. Diese wurden meist  im Auftrag der zuständigen Ministerien unter der Mitwirkung von Überlebenden gestaltet und stellten das Leiden der Häftlinge aus dem eigenen Land  in den Mittelpunkt. In diesem Sinne erfüllen die „Nationalausstellungen“ auch die Funktion eines „Gedenkraumes“ für BesucherInnen aus dem jeweiligen Land. Diese Verbindung von historischer Information und Gedenken macht die „Länderausstellungen“ zu Orten der Sinnstiftung, zu Darstellungen des Selbstbildes in Bezug auf ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus.


Die österreichische Ausstellung wurde 1978 anlässlich des 40. Jahrestages des „Anschlusses“ eröffnet und  ist ganz im Sinne der damaligen Geschichtsauffassung gestaltet. Sie erzählt die Geschichte der politischen Wirren der Ersten Republik, der Errichtung des „Ständestaates“, des „Anschlusses“ Österreichs an Deutschland und – besonders prominent vertreten –  jene des Widerstandes der unterschiedlichen politischen Richtungen. Kaum erwähnt werden die Begeisterung vieler ÖsterreicherInnen über den  „Anschluss“, die  rege Beteiligung weiter Teile der Bevölkerung an der Demütigung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung und die steilen Karrieren, die viele Österreicher im Vernichtungs-system  des  Nationalsozialismus  gemacht haben. Österreich war demnach das erste Opfer des Nationalsozialismus. Dieser die gesamte Nation umfassende Opferstatus wird gegen Ende der Ausstellung noch einmal auf den Punkt gebracht. Auf einer Glastafel vor dem symbolbeladenen Bild des brennenden Stephansdoms werden als österreichische  Opfer  des  Nationalsozialismus die WiderstandskämpferInnen und jene ÖsterreicherInnen, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ermordet wurden, angeführt, aber ebenso die nicht aus dem Krieg heimgekehrten österreichischen Wehrmachtssoldaten sowie die zivilen Opfer des Krieges.


Nun ist das in dieser Ausstellung repräsentierte Geschichtsbild ausgehend von der „Waldheim-Affäre“ viel diskutiert,  kritisiert  und mittlerweile  weitgehend verworfen worden. Nicht  nur das österreichische Geschichtsbild hat sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts grundlegend verändert. Auch  in vielen anderen europäischen Staaten zerbrachen Nachkriegsmythen, die seit 1945 die Diskurse, Bilder, Symbole und Rituale der Erinnerung an Krieg, Nationalsozialismus  und  Holocaust  bestimmt hatten. Deshalb wurde ein Großteil der „Länderausstellungen“  in  den  letzten Jahren neu gestaltet. Nur zwei Ausstellungen sind noch  im „Originalzustand“: Die derzeit geschlossene Ausstellung des nicht mehr existierenden Staates Jugoslawien – und die österreichische.


Viele Menschen, die die österreichische Ausstellung in Auschwitz kennen, weisen immer wieder auf die Notwendigkeit einer Neugestaltung hin. Auch Gedenkdienstleistende haben immer wieder versucht, Kontakt zu öffentlichen Stellen aufzubauen und sich für eine Neugestaltung einzusetzen. Seit 2005 gibt es zumindest eine Tafel, die auf die einseitige Sicht“ der Ausstellung und auf einen „Perspektivwechsel im Umgang mit der NS-Vergangenheit“  hinweist.  Im  Juni 2008 präsentierte eine ExpertInnenkommission im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands einen Bericht, der eine dringende Änderung dieser Ausstellung  fordert (www.doew.at). Vor allem die „vielfältigen Bezugspunkte zwischen Auschwitz und Österreich – ÖstereicherInnen als Verfolgte, im Widerstand, als TäterInnen und Bystanders sowie die Nachgeschichte/Rezeption von Auschwitz in der Zweiten Republik“ seien in diesem Zusammenhang zu beachten.


Es scheint  also weitgehende Einigkeit darüber zu herrschen, dass diese Ausstellung in der bestehenden Form nicht  weiter bestehen kann. Dennoch konnte sich die Politik noch nicht zu  einer  dahingehenden Entscheidung durchringen. Schließlich ist Auschwitz weit weg – zumindest auf der geistigen Landkarte.


Peter Larndorfer
leistete 2001/2002 Gedenkdienst in der internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz. Seit 2003 Studium der Geschichte in Wien.