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Ausgabe 3/08


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vor.gelesen | rezensionen

Erinnern, Lernen, Gedenken


Perspektiven der Gedenkstättenpädagogik


Werner Nickolai, Micha Brumlik (Hrsg.), Lambertus Verlag, Freiburg im Breisgau 2007


Die deutsche Erinnerungs- und Gedenkstättenpädagogik  vermag  immer wieder zu überraschen.  Mit  Jürgen Klinsmann den Vater des vielstrapazierten deutschen Fußball-„Sommermärchens“ im Jahr 2006 zu einem Buchbeitrag über Gedenkstättenpädagogik einzuladen, zeugt von (positiver) Frechheit und lässt gelernte ÖsterreicherInnen mit der Erkenntnis zurück: Bei uns würd´ es so etwas nicht  spielen.  Den Wert  der Gedenkstättenpädagogik in der Mitte der Gesellschaft zu verankern und dafür positive Vorbilder zu  finden, stellt nicht nur das Geschick der HerausgeberInnen Werner Nickolai und Micha Brumlik unter Beweis, sondern unterstreicht auch einen gänzlich anderen Stellenwert des Instruments Gedenkstättenpädagogik im Nachbarland. Damit sind die Stärken dieser Publikation auch schon umrissen: Die AutorInnen stammen nicht (nur) aus dem einschlägigen Eck, sondern kommen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Denn in dem schmalen Büchlein geht es nicht darum, die neuesten pädagogischen Ansätze zu diskutieren, sondern vielmehr den Wert von Erinnerungs- und Gedenkarbeit an Gedenkstätten zu verdeutlichen. Der Publikation geht des darum, das Instrument an sich in die Welt zu tragen.


Umso positiver ist der Mut zu bewerten, über Grenzen zu denken und diese auch mitunter zu überschreiten. Mag sein, dass manche/r WissenschaftlerIn ob der etwas dünn gesäten pädagogisch-didaktischen Aufsätze die Nase rümpfen mag und dass manche der orgestellten Ansätze  zumindest  diskutierenswert sind: Eine breite Offensive der Gedenkstättenarbeit täte auch der hiesigen Gesellschaft ganz gut. Man darf gespannt sein, wer zuerst bei Hickersberger oder Prohaska anklopft...


Klaus Kienesberger

 


Zwischen Mutterkreuz und Gaskammer


Täterinnen und Mitläuferinnen oder Widerstand und Verfolgung?


Andreas Baumgartner, Ingrid Bauz, Jean-Marie Winkler (Hrsg.), edition Mauthausen, Wien 2008


Der vorliegende  Sammelband ist  das  Ergebnis  des  Symposiums „Frauen und Mädchen als Häftlinge des KZ Mauthausen“ an der Universität in Linz im Jahr 2006. Die Zielgruppe des Sammelbands  ist nicht primär die akademische Fachwelt, obgleich akademische Standards gewahrt werden. Aus den unterschiedlichen Perspektiven und mittels verschiedener  Methoden  beleuchten Fachleute des jeweiligen Gebiets das Leben und Handeln von Frauen im und um das KZ-Mauthausen. Themen wie das Frauen-KZ Mauthausen, Frauen im Widerstand, sexuelle Ausbeutung und sexuelle Gewalt, die Rolle von Täterinnen, das Leben nach der Befreiung, aber auch Randthemen wie Schwangerschaft und Mutterschaft während  der Verfolgung und weibliche Homosexualität während der NS-Zeit werden behandelt. Aufbereitet  für ein Laienpublikum bringen die wenigsten Artikel neue, oder gar bahnbrechende Erkenntnisse, gewährleisten jedoch einen einführenden Überblick in den aktuellen Forschungsstand. Durch seinen innovativen Ansatz und sicher auch weil es sich dabei um „work in progress“ handelt, ist der Beitrag von Andreas Baumgartner über „Die Wahrnehmung der KZ in der Lokalbevölkerung - geschlechterdifferente Erinnerung“ eine hervorstechende Ausnahme, zumal er durch oral-history-Interviews, die er mit ZeitzeugInnen   aus der Umgebung des damaligen KZ geführt hatte, versucht, die Einbettung des Konzentrationslagers in die damalige Gesellschaft zu erschließen – und zwar mit einem Fokus auf geschlechterspezifische Wahrnehmung. Methodisch wie auch  thematisch stellt dieser Sammelband somit eine gelungene Einstiegsliteratur in verschiedene Themenfelder der Frauenforschung zum Nationalsozialismus dar.

 


Johann Kirchknopf

 


1938. Auftakt zur Shoah in Österreich


Orte – Bilder – Erinnerungen


Dieter J. Hecht, Eleonore Lappin, Michaela Raggam-Blesch, Lisa Rettl, Heidemarie Uhl (Hrsg.), Milena Verlag, Wien 2008


Unter  Leitung  von  Heidemarie  Uhl führt die Österreichische Akademie der Wissenschaften aus Anlass des Gedenkjahres 2008 das Projekt „Topographie der Shoah. Gedächtnisorte des zerstörten jüdischen Wien“ durch, wodurch Vertreibung, Verfolgung und Ermordung österreichischer Jüdinnen und Juden sichtbar gemacht werden. Ausgangspunkte der Untersuchung waren aber nicht primär Denkmäler als Manifestationen kollektivierter Erinnerung, sondern persönliche Erinnerungen und die damit verbundenen Orte. Nicht die Meistererzählung von Österreich als „erstem Opfer“ des NS-Terrors, sondern die Perspektive der Opfer sollte die Ereignisse des Anschluss-Jahres wiedergeben. Auch die aus diesem Projekt hervorgegangene Broschüre „1938. Auftakt zur Shoah in Österreich“ basiert größtenteils auf autobiographischen Quellen, die durch reichhaltiges Bildmaterial ergänzt werden. Herausgegeben wurde die Broschüre von namhaften ZeithistorikerInnen, die vor allem die ZeitzeugInnen zu Wort kommen lassen und  sich darauf beschränken,  in groben Zügen den historischen Rahmen zu zeichnen. Bereits die Gestaltung des Umschlages verdeutlicht die sorgfältige Konzipierung dieses handlichen Kompendiums. „Souvenir Wien 1938“ von der New Yorker Künstlerin Melissa Gould – selbst Tochter von Opfern der Nazis – symbolisiert eindrucksvoll die Intention der HerausgeberInnen, nämlich persönliche Erinnerungsstücke in den Raum zu stellen und durch künstlerische Gestaltung ihre Verwobenheit mit dem Heute sichtbar zu machen. Bleibt nur zu wünschen, dass diese an vielen öffentlichen Einrichtungen verteilte, sehr gelungene Broschüre auch von vielen gelesen wird.

 


Johann Kirchknopf

 


Der Holocaust


Judenverfolgung und Holocaust


Alexander Brakel, be.bra verlag, Berlin-Brandenburg 2008


Auf nur 180 Seiten bietet der  junge deutsche Historiker Alexander Brakel eine sehr kompakte und doch umfassende Einführung in die Geschichte der Vernichtung  der  Juden und Jüdinnen Europas.  In klar gegliederten Kapiteln zeichnet er die schrittweise Radikalisierung der antijüdischen Maßnahmen von 1933 bis 1944 chronologisch nach. Bemerkenswert  ist dabei, wie gut lesbar sein Text bleibt, ohne auf der anderen Seite die Komplexität des Themas zu trivialisieren. Brakels Fokus liegt dabei klar auf der Perspektive der TäterInnen. „Daraus spricht keine  Ignoranz gegenüber den Opfern, sondern die Überzeugung, dass auf diese Weise die Ursachen und Voraussetzungen für den Mord an sechs Millionen Menschen am besten darstellbar sind“, wie er  in seinem Vorwort anmerkt. Durch exemplarische Fälle zeigt er den LeserInnen, dass die Führungsebene des Reichssicherheitshauptamts selten durch explizite Befehle klare Verhältnisse schuf, sondern es oft an den subalternen Befehlsempfängern lag, eigenmächtig Realitäten zu schaffen. Immer wieder legt er auch die Verstrickung der Wehrmacht in die Vernichtung offen und widmet sich abschließend der Frage, was die deutsche Bevölkerung vom Massenmord im Osten wusste. Einige kleine Fehler (so wird  in einer Bildunterschrift das Lagertor von Groß-Rosen zu dem von Auschwitz oder die dortigen Häftlingstätowierungen sind vom linken Unterarm fälschlicherweise auf den Oberarm verrutscht) scheinen mehr einem etwas schlampigen Lektorat geschuldet als der Unwissenheit des Autors.


Brakels Buch eignet  sich somit hervorragend sowohl als Orientierung für interessierte Laien als auch als kompaktes Nachschlagewerk für Fachleute.

Matthäus Rest

 


Der österreichische Widerstand


1938-1945


Wolfgang Neugebauer, Edition Steinbauer, Wien 2008


Sagen wir es gerade raus: Das Buch war längst überfällig. Seit Jahrzehnten ist Wolfgang Neugebauer, ehemaliger Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands  (DÖW) unbestritten einer der wichtigsten Widerstandsforscher hierzulande und hat wesentlich dazu beigetragen, die verengte Sichtweise auf widerständiges Handeln zu erweitern. Trotzdem ist es ihm – wie er selbst im Vorwort erwähnt – lange Jahre nicht gelungen, seine Forschungen in einer Überblicksdarstellung zusammenzufassen. Auch  im vorliegenden Buch muss Neugebauer Abstriche machen, die Darstellung der österreichischen Widerstandsbestrebungen  auf  die  Jahre 1938 bis 1945 beschränken und somit die spannenden Jahre 1933 bis 1938 ausblenden. Nichtsdestotrotz  ist es bereits im Erscheinungsjahr ein Standardwerk, weil es Neugebauer gelingt,  kompakte, schlüssige und ausgewogene Überblicksdarstellungen zu den wichtigsten Widerstandsgruppierungen  zu  geben und diese anschließend durch ausgewählte Einzelbeispiele zu vertiefen. Eingebettet ist die Darstellung der verschiedenen Ausprägungen organisierten und nicht-organisierten Widerstehens in eine Übersicht des nationalsozialistischen Repressionsapparats und die Geschichte des Nationalsozialismus in Österreich.


Da speziell die Geschichte des österreichischen Widerstands im Gedenkjahr 2008 angesichts der Opfer- und TäterInnendiskurse etwas unterzugehen scheint, ist das Erscheinen dieses Buches als besonders positiv zu werten und der Erwerb ausdrücklich zu empfehlen!


Klaus Kienesberger

 


Jahrbuch 2008


Antisemitismus


Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (Hrsg.), Lit Verlag, Wien 2008


Das diesjährige Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes behandelt das Thema Antisemitismus. Die AutorInnen nähern sich dem Thema auf unterschiedliche Weise an und beleuchten Funktionen und Wirkungsweisen  des Antisemitismus  und seine historischen und aktuellen Aus prägungen.


Eine Frage wird  in nahezu allen Beiträgen gestellt: die nach der Kontinuität und den Brüchen antisemitischer Diskurse: „Gibt es einen neuen Antisemitismus - oder nur neue Antisemiten?“lautet etwa der Titel des Beitrages des Historikers Frank Stern.  Er beschreibt  den Antisemitismus als „kulturellen Kitt“, dessen Ausformungen sich immer wieder erneuern und sich veränderlichen gesellschaftlichen Bedingungen anpassen. Elisabeth Klamper zeigt  in  ihrem Beitrag die Kontinuität des religiös argumentierten Antisemitismus am Beispiel längst überwunden geglaubter Vorstellungen. Eine andere Art von Kontinuität zeigt Andreas Peham in seiner psychoanalytisch orientierten Kritik am Antisemitismus. Seine Analyse beschreibt den Antisemitismus als Externalisierung eigener Ängste und Schwächen und die Projektion dieser auf „die Juden“ zur Stärkung des eigenen Ichs.  Im anschließenden Beitrag zeigt Karin Stöger Parallelen und Verschlingungen zwischen antisemitischen und antifeministischen Imaginationen auf.


Weitere Beiträge behandeln die Rolle des postnationalen Selbstbildes Europas für das Verhältnis zu Israel, die vieldiskutierte Frage nach dem Verhältnis zwischen Antisemitismus und Islam und bieten einen Überblick über die empirische Antisemitismusforschung in Österreich und Anregungen  für eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Schule.


Peter Larndorfer