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Ausgabe 4/08


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Geschlecht & Erinnerung

Weiblichkeitsbilder in der Erinnerung an das Dritte Reich

GEDENKDIENST-Tagung 2008 in Kooperation mit der ÖH an der Uni Wien

 

Am 21. und 22. November 2008 veranstalteten der Verein GEDENKDIENST und die Österreichische HochschülerInnenschaft an der Universität Wien eine internationale wissenschaftliche Tagung, die einem Thema gewidmet war, welches in der öffentlichen Diskussion bisher wenig Beachtung gefunden hat: den Geschlechterverhältnissen in der Erinnerung an das Dritte Reich. In der österreichischen Erinnerungskultur sind gröbere geschlechterspezifische Verwerfungen und Disparitäten festzustellen. Angesichts der Tatsache, dass national-sozialistische Geschlechterkonzepte oder stereotype Vorstellungen davon unseren Alltag heute noch beeinflussen, erschien uns eine Auseinandersetzung mit dieser Problematik umso notwendiger.

 

„Den Opfern für ein freies Österreich 1934-1945“ ist jenes Denkmal der Stadt Wien am Zentralfriedhof gewidmet, welches wir als Motiv für unsere Tagung gewählt haben. Bereits vor der feierlichen Enthüllung durch Bürgermeister Theodor Körner am 1. November 1948 und selbstverständlich auch danach gab es eine rege Debatte um dieses Denkmal, insbesondere um seine Widmung. Ein Aspekt, der diesem Denkmal ebenfalls anhaftet, blieb jedoch in der öffentlichen Auseinandersetzung unbeachtet, nämlich die Geschlechterbilder, die dieses Denkmal vermittelt. In den Pressemeldungen der Rathauskorrespondenz lesen wir am Tag der Denkmalenthüllung: „Die drei Hauptphasen der Tragödie unserer Zeit werden durch drei Statuen versinnbildlicht. [In unserer Grafik sind nur zwei abgebildet.] Auf der ersten Stufe steht eine steinerne Frauengestalt, gebeugt und verhüllt: Die Trauer. [Diese ist im Vordergrund unserer Grafik zu sehen.] Sie steht am Beginn der Unterdrückung. Doch als der Widerstand im Laufe der Jahre wächst und sich trotz härtester Mittel der Staatsgewalt organisiert, steht eine zweite Figur, die Klage, mit erhobenem Haupt und emporgereckter Hand auch anklagend, auf den Stufen. [Diese Figur ist in unserer Grafik nicht abgebildet.] Dort aber, wo die Kerkermauern plötzlich zerbrechen, steht sieghaft die große Bronzestatue eines Mannes, des Befreiten, der in das Licht eines neuen Lebens tritt.“1 Wäre nicht „die Befreiung“ auch weiblich? Die Stadien vor der Befreiung werden durch allegorische Darstellungen des jeweiligen Zustandes versinnbildlicht, am Ende aber steht DER Befreite und nicht DIE Befreiung oder DIE Freiheit.

 

Als OrganisatorInnen dieser Tagung sehen wir es als unseren gesellschaftspolitischen Auftrag, diese Fragen in der Öffentlichkeit zu stellen und eine Debatte über Missstände anzuregen, deren Ursprung insbesondere in nicht aufgearbeiteten Aspekten der NS-Vergangenheit unserer Gesellschaft zu verorten ist. Die Vergangenheit können wir nicht ändern. Ihre Deutung und unsere Haltung ihr gegenüber liegen hingegen in unserer Verantwortung. „[…] was zur Disposition stand und steht, ist nicht die Vergangenheit selbst, sondern sind die ethisch-moralischen Grundlagen gegenwärtigen politischen Handelns.“2 Auch Sigrid Jacobeit, die langjährige Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück und Professorin an der Humboldt Universität zu Berlin, wies im Eröffnungsreferat der Tagung darauf hin, dass Erinnerungskultur immer auch Konfliktkultur ist. Hierin liegt die gegenwartsbezogene Relevanz der Thematik unserer Tagung. Eine Debatte über die Geschlechterverhältnisse unserer heutigen Gesellschaft kann nur dann sinnvoll und zukunftsträchtig geführt werden, wenn uns bewusst ist, dass die Geschichte der Austragungsort dieses Konfliktes ist.

 

Die Umrisse dieses „Schlachtfeldes“ skizzierte Jacobeit, indem sie einen Überblick nicht nur über die Forschung, sondern auch über den aktuellen Stand der Arbeit an den verschiedensten Gedenkstätten gab.

 

Den zweiten Höhepunkt des ersten Abends unserer Tagung bildete eine Podiumsdiskussion, die von Johanna Gehmacher moderiert wurde und die unter dem Titel stand: „Nationalsozialismus, Gedächtnis, Geschlecht. Zur Dis/Kontinuität nationalsozialistischer Geschlechterbilder“. Den ZuhörerInnen wurde ein weites Spektrum unterschiedlicher Erfahrungen mit dieser Thematik geboten, zumal die Teilnehmerinnen aus verschiedensten Disziplinen kamen. Brigitte Bailer-Galanda ist Leiterin des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW) und war Mitglied der Historikerkommission. Ruth Beckermann hat in und für ihre Filme viele ZeitzeugInnen interviewt und mit den Mitteln einer Filmemacherin versucht, auch Geschlechterrollen auf die Spur zu kommen. Terezija Stoisits, die heute Volksanwältin ist, war als Abgeordnete der Grünen unter anderem in die Gesetzgebung zur Opferfürsorge involviert, die keineswegs als geschlechterneutral bezeichnet werden kann. Wolfgang Wippermann, der ebenfalls an der Diskussion hätte teilnehmen wollen, musste sich aus gesundheitlichen Gründen leider entschuldigen. Die Beteiligung des Publikums war jedoch enorm: Am Freitagabend besuchten rund 80 Interessierte die Tagung und regten durch Fragen eine lebhafte Diskussion an.

 

Auch am Samstag blieb die Publikumsbeteiligung trotz des dichten und inhaltlich anspruchsvollen „Vortragsmarathons“ hoch:Die Zahl der ZuhörerInnen schwankte im Laufe des Tages zwar zwischen 60 und 80, ihre Aufmerksamkeit und ihr Interesse, das sich durch viele Fragen äußerte, blieb aber während des ganzen Tages erfreulich hoch. Bei der Planung des Ablaufs haben wir uns bemüht, Vielfalt auch durch verschiedenste Sicht- und Herangehensweisen der Vortragenden zu erreichen. Wir luden deshalb WissenschaftlerInnen ein, die universitär verankert sind, aber auch solche, die außeruniversitär forschen. Elizabeth Harvey, Professorin an der Universität Nottingham, gab einen Einblick in ihre gegenwärtige Erforschung von NS-Frauenorganisationen, innerhalb derer sich Frauen für die „Volksgemeinschaft“ bewähren mussten. Sie kontrastierte dabei ideologische Konzepte mit sehr persönlichen Lebenserfahrungen konkreter Frauen. Gabriele Czarnowski vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Uni Graz zeigte die Verflechtung der Kategorien „Rasse“ und „Geschlecht“ innerhalb nationalsozialistischer Eugenikprogramme anhand konkreter Beispiele wie etwa der Untersuchung der „Ehetauglichkeit“ auf.

 

Zwei grundverschiedene Perspektiven aus der nicht-universitären Forschung boten zwei weitere Wissenschaftlerinnen: Helga Amesberger vom Institut für Konfliktforschung hat sich eingehend mit der Produktion von Geschlecht in lebensgeschichtlichen Interviews beschäftigt und demonstrierte, mit welcher – zumeist unbewussten – Wirkmacht Geschlechterkonzepte unser Denken beeinflussen. Claudia Kuretsidis-Haider kommt aus einer gänzlich anderen Richtung. Sie leitet die Zentrale Österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz. Ihre Perspektive ist demnach die der Rechtsgeschichte und ihr Resümee lautete: „Von einer gleichberechtigten Sicht der strafrechtlichen Schuld in den Nachkriegsprozessen kann nicht die Rede sein.“ Wichtig war uns auch die Einbindung von Personen, die nicht im universitären Bereich tätig sind. Deshalb haben wir auch die Leiterin der Lern- und Gedenkstätte Schloss Hartheim, Irene Leitner, eingeladen, die in ihrer täglichen Arbeit Geschichte vermittelt und daher aus Erfahrung weiß, welche Bedeutung die Vermittlung von geschlechterspezifischer Geschichte für die Sensibilisierung junger Menschen hat. Sylvia Köchl und Kerstin Lercher haben abschließend einen Einblick in die Tätigkeit der Lagergemeinschaft Ravensbrück.

 

1 1.11.1948: Die Enthüllung des Opferdenkmals auf dem Zentralfriedhof, online unter: www.wien.gv.at/ma53/45jahre/1948/1148.htm (07.11.2008).

2 Uhl (2004: 25)

 

 

Johann Kirchknopf

war Projektleiter der Tagung, ist Vorstandsmitglied des Vereins und leistete 2006/2007 Gedenkdienst am London Jewish Cultural Centre

 

 

Literaturverweis:

Heidemarie Uhl, Die Transformation des „österreichischen Gedächtnisses“ in der Erinnerungskultur der Zweiten Republik. In: Geschichte und Region 13, H. 2 (2004) 23-52. Die Tagung wurde durch die finanzielle Unterstützung des BMWF, BMUKK, Wien Kultur und des Zukunftsfonds der Republik Österreich ermöglicht und stand unter der wissenschaftlichen Beratung von Johanna Gehmacher.

 

 

 

 

Editorial

 

Liebe Leserin! Lieber Leser!

 

So manche/r stößt sich daran, dass wir im Sinne geschlechtsneutraler Formulierung ein „Innen“ an manche Wörter anhängen. Besonders schwierig ist das in unserer vorliegenden Zeitungsnummer. Diese widmet sich nämlich dem Thema „TäterInnenschaft“. Gab es während der männlich dominierten nationalsozialistischen Herrschaft überhaupt Frauen, die als Täterinnen aktiv waren? Ist es legitim, von „TäterInnen“ zu schreiben?

 

Im Leitartikel gibt Johann Kirchknopf einen Überblick über die „Gedenkdienst“-Tagung „Geschlecht & Erinnerung“, die sich allgemein mit Weiblichkeitsbildern in der Erinnerung an das Dritte Reich auseinandersetzte. Fragen zum Themenkomplex „TäterInnenschaft und Geschlecht“ steht dann Sigrid Jacobeit in einem Interview Rede und Antwort. Auch die meisten anderen Artikel beschäftigen sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema „TäterInnenschaft“, etwa mit der Erfassung derselben in Oberösterreich oder mit dänischen Freiwilligen in der SS.

 

Anlässlich des 70. Jahrestages der Novemberpogrome beleuchtet Veronika Zangl dann noch die Rezeption derselben in ZeitzeugInnenberichten. Auf der Rückseite dieser Ausgabe befindet sich eine von mehreren positiven Neuerungen, die Klaus Kienesberger in seinem Intermezzo als Chefredakteur in die „Gedenkdienst“-Zeitung eingebracht hat: die Rezension von Bucherscheinungen.

 

Konstantin Wacker

Redakteur GEDENKDIENST