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Ausgabe 4/08


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„Keine schönen Biester, sondern Mörderinnen“

Ein Gespräch mit Professor Sigrid Jacobeit, Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück von 1992 bis 2005, über die im Oktober 2004 eröffnete Ausstellung: „Im Gefolge der SS-Aufseherinnen im KZ-Ravensbrück.“

 

 

Als einziges Konzentrationslager auf deutschem Gebiet wurde Ravensbrück als „Schutzhaftlager“ für Frauen errichtet. Die SS verlegte im Frühjahr 1939 die ersten weiblichen Häftlinge nach Ravensbrück. Die Rote Armee befreite das Lager am 30. April 1945. Zwischen 1939 und 1945 verrichteten zahlreiche Frauen ihren Dienst als Aufseherinnen in den Konzentrationslagern der nationalsozialistischen Diktatur.

 

 

Gedenkdienst: Im Oktober 2004 konnten Sie die Ausstellung „Im Gefolge der SS“ über die KZ-Aufseherinnen in Ravensbrück nach über zehnjähriger Vorbereitung eröffnen. Welche Hürden erschwerten die Realisierung des Projektes beziehungsweise dehnten den Entstehungsprozess derartig aus?

 

Jacobeit: Das hat natürlich mit mehrerlei Gründen zu tun. Zum einen war es konzeptionell von Anfang an klar, dass es eine Aufseherinnen-Ausstellung geben wird. Das war schon in den Jahren 1993/1994 Konzept der Gedenkstätte Ravensbrück. Aber der Zeitpunkt der Realisierung war eher im zweiten Teil der Realisierung von Ausstellungsprojekten angesiedelt. Das Thema der Aufseherinnen und des SS-Personals war zu dem Zeitpunkt noch in keiner Weise erforscht, es gab also keinerlei gründliche wissenschaftliche Forschungen dazu, und es war auch nicht das Anliegen der Überlebenden, dass wir bereits auch in der ersten Ausstellung thematisieren: „SS-Aufseherinnen in Ravensbrück“. Wir wollten eigentlich zunächst versuchen, dem Ort und seinen Opfern gerecht zu werden.

 

 

Auf welche Quellen konnten Sie sich generell beziehen?

 

Wir haben Interviews mit Überlebenden geführt und das waren so die ersten Versuche, Informationen über die Aufseherinnen zu sammeln, und auch Quellen zusammenzutragen, die dieses Aufseherinnenhaus dann füllen sollten. Wir haben uns auf die Interviews bezogen. Es gab zu jenem frühen Zeitpunkt relativ wenige Verwaltungsunterlagen der SS. Aber eine weitere wichtige Quelle sind natürlich auch die Prozessunterlagen. Das sind die Hauptquellen. Und dann natürlich die Dinge, die 1945 in der Presse spektakulär erschienen.

 

 

Die Direktorin der Gedenkstätte, Insa Eschbach, nennt Ravensbrück ein Paradigma der KZ- Haft von Frauen, aber auch Paradigma weiblicher Täterschaft. Nach welchem Muster erfolgte die Rekrutierung, Auswahl und Ausbildung der KZ-Aufseherinnen?

 

Das ist ein wichtiger Schwerpunkt und eine immer wieder gestellte Frage. Man muss dazu wissen, es war eine Zeit der Beseitigung von Arbeitslosigkeit. Männer bauten unter anderem die Autobahnen – die Arbeitslosen wurden ja zu allen möglichen Projekten geschickt, im Rahmen des Arbeitsdienstes usw. Und es gab eben auch arbeitslose Frauen in solchen kleinen Städten, wie es Fürstenberg ist – jene kleine Stadt neben dem Dorf Ravensbrück. Im Umfeld Fürstenbergs und der umliegenden Dörfer gab es Frauen, die keine Arbeit hatten und die hörten plötzlich, dass da ein Lager errichtet worden war, wo es Asoziale, Arbeitsscheue, Juden gibt, und wo es eine Chance gäbe, diese zu beaufsichtigen. Das wurde plötzlich zu einer attraktiven Information, und man bekam eine Wohnung in neu gebauten Häusern, heute würden wir sagen, ein Apartment, und man wäre allein und einmal von Zuhause weg. Denn viele junge Frauen wohnten zum Teil noch bei ihren Eltern. So fassten viele den Entschluss, sich dort im KZ zu bewerben.

 

 

Welche Motive bewegten die meist sehr jungen Frauen, ihren Dienst in der SS zu tun? Umgaben Sie vorwiegend ideelle oder materielle Interessen? Nur wenige von ihnen waren Mitglieder der NSDAP.

 

Ich würde diese Frauen, also speziell aus der Region, die würde ich eher folgender Kategorie zuordnen: materielle Gründe, ausschließlich materielle Gründe. Natürlich hat dieses System auch im Laufe dieser sechs Jahre dazu beigetragen, die Menschen in eine Richtung zu bringen, dass die Häftlinge als Untermenschen zu betrachten sind, die wir in unserer Gesellschaft nicht brauchen. Aber das war wahrscheinlich nicht der Hauptgrund, und ich möchte das als These auch in den Raum stellen: Der Hauptgrund war der materielle Anreiz. Aber ein zweiter Grund war dieser ideologisch infiltrierte, der mit der beginnenden Tätigkeit noch zunahm. Es gab ganz wenige, die gesagt haben: „Ich kann das nicht. Das halte ich nicht aus.“ Das hat es gegeben, aber die meisten haben sich doch sehr schnell arrangiert, haben die Häftlinge mit Füßen getreten und die Hunde drauf gehetzt.

 

Viele fühlten sich als Eliten der Gesellschaft und diese Aufseherinnen haben sich sehr schnell in dieses elitäre Denken versetzt, obgleich sie doch auf der niedrigsten Stufe innerhalb der SS-Hierarchie waren.

 

 

Spiegelt diese Hierarchie innerhalb der SS, die Sie eben bereits beschrieben haben, das Geschlechterbild des Dritten Reiches, bedenkt man, dass auch in Ravensbrück Kommandostab und Wachtruppen ausschließlich männlichen SS-Mitgliedern vorbehalten blieben? Welche Auswirkungen hatte diese Rangordnung auf das Verhalten der Frauen?

 

Zum einen könnte man sagen, entspricht diese Hierarchie spiegelgerecht dem Frauenbild in der Nazi-Zeit. Denn Frauen konnten keine Karriere machen. Die höchste Funktion hatte die ScholtzKlink inne. Das war einfach so. Es gab in diesem ganzen großen Regierungsfeld keine einzige Frau, die wirklich etwas Wichtiges zu sagen hatte. Das entsprach dem Konzept dieses Regimes. Und genau so hat sich das im KZ- System und damit in der Hierarchie der SS abgebildet. Und dennoch hat man Frauen gebraucht. Man hat sie gebraucht in der Tradition der Bewachung von Frauen. So sind diese Geschlechterstereotype im Frauen-KZ Ravensbrück exemplarisch zu beobachten. Dadurch, dass die Frauen eigentlich überhaupt Macht hatten, haben sie sich mehrheitlich in dieser Machtrolle „Frau mit Macht“ sehr wohl gefühlt. Sie haben sich in dieser Machtrolle sehr wohl gefühlt und hatten damit natürlich auch das Bedürfnis, sich in dieser Möglichkeit der Hierarchie zu bewähren, im wahrsten Sinne des Wortes. Und es ist auch passiert, dass Frauen von der normalen Aufseherin – es gab eine solche hierarchische Struktur – zur Oberaufseherin ernannt worden sind, die für einen gewissen Zeitraum dem Schutzhaftlagerführer gleichgestellt war. Das ist dann wieder abgeschafft worden.

 

 

Holocaust-Forscher Raul Hilberg schreibt, dass gerade die „Abfolge alltäglicher Erledigungen in den gewaltigen Vernichtungsprozess mündete.“ Bestätigt Ihre Forschung dieses Festhalten an einem vermeintlich konkreten Alltagskanon als Voraussetzung und Notwendigkeit für den Holocaust“

 

Unbedingt. Denn dieser Alltag wurde zur Routine und dennoch hat er die Aufseherinnen bisweilen überfordert. Das hängt mit der Zunahme der Belegung zusammen. Diesem Chaos waren sie in ihrer Alltäglichkeit eigentlich auch nicht mehr richtig gewachsen. Und diese Tatsache wurde zur Chance für die Häftlinge. Das kriegen wir immer wieder erzählt. Sie waren froh, wenn die Aufseherinnen fast Angst hat ten vor Schmutz, vor Krach, vor Lärm, vor Überfüllung. Und trotzdem haben sich einige in ihrer Statur dann doch entsprechend behauptet, die keine Handlungsspielräume zugelassen aben. Sie haben diese vermeintliche Normalität praktiziert. Es ist wichtig, das Geschehen in verschiedenen Zeitetappen zu betrachten. Man darf den Anfang nicht mit dem Ende vergleichen. Dementsprechend haben die einen sich gleichmäßig verhalten, routiniert, und die anderen waren eben dieser Routine nicht mehr gewachsen, weil es gar keine wirklich Routine mehr gab, weil sie auch ein wenig außer Kontrolle geriet. Es gab also wirklich zunehmende Spielräume für die Überlebenden, die andererseits eine zunehmende Brutalität auslösten.

 

 

Inwiefern ist die Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen TäterInnen im Nationalsozialismus notwendig, inwieweit dient sie der Mythenbildung und wirkt somit verfälschend?

 

Ich glaube, und betrachte dass an dieser Stel le ethnologisch, diese Mythenbildung ist ein Produkt der Zeit nach 1945. Und sie ist sehr gefährlich. Weil man die Rolle der Aufseherinnen einfach abtut mit den Worten: „Sie war ein schönes Biest.“ Das ist die einfachste Form eines Urteils, schön verbrämt noch, ummantelt - einfach falsch. Ich denke ganz im Gegenteil, man muss gerade solchen Biografien gründlich nachgehen, sehr präzise nach Quellen suchen, möglichst noch das letzte Mosaiksteinchen zusammenfinden, um genau diesem Bild, dieser Mythenbildung zu widersprechen. Die waren alle schön und blond und Biester. „Mehr nicht?“, fragt man dann eigentlich gleich. Es ist einfach ganz furchtbar. Zum Teil waren das grausame Verbrecherinnen, keine Biester, sondern Mörderinnen.

 

 

Wie gelang den ehemaligen Aufseherinnen die Integration in die Nachkriegsgesellschaft? Wurden die Biografien der Frauen innerfamiliär aufgearbeitet oder vielmehr verdrängt? Wie erinner(te)n sie sich an ihren Dienst in der nationalsozialistischen Diktatur im KZ-System?

 

Es gibt einige, die verurteilt worden sind, auch zum Tode. Einige sind ganz normal in die Gesellschaft zurückgekehrt, sind untergetaucht, haben in Vorbereitung der Ausstellung gesagt: „Ja ,ich bin die..., aber ich stehe nicht zur Verfügung.“

 

Zu nennen ist an dieser Stelle auch das Thema der Rehabilitierungsverfahren ab 1992. Die hat es ja auch gegeben. Da hatte ich auch eine Magisterstudentin, die eine Arbeit dazu gemacht hat, über diese berühmten Vorgänge, die sich da unmittelbar nach der Wende abspielten. Dass dann Aufseherinnen plötzlich Entschädigungen haben wollten, weil sie nach 1945 beispielsweise in Sachsenhausen eingesperrt waren. Solche haben dann auch versucht, sich bei diesem Entschädigungskonzept zu melden und irgendwelche Gelder zu bekommen. Das ist auch gelungen. Doch die Überlebenden haben protestiert, und eine ehemalige Aufseherin hat dann auch zurückgezahlt.

 

 

Welche Reaktionen rief die Ausstellung denn insbesondere in der nahen Umgebung des ehemaligen Lagers hervor?

 

Es war sehr interessant zu beobachten. Es kamen am Anfang relativ viele Fürstenberger plötzlich in die Gedenkstätte, die vorher nie kamen. Das haben unsere Damen, die die Ausstellung begleiten, beobachtet. Die Fürstenberger kennen sich ja ziemlich gut untereinander. Und das war in den ersten Wochen ganz spannend. Sie waren neugierig, fragten sich, was wir zeigen und wie wir es zeigen. Wir haben kaum eine Reaktion gehört. Und die Besucherzahlen gingen sehr schnell wieder zurück. Die Neugierde war sehr schnell befriedigt, denn man liebt diesen Ort ohnehin nicht. Und man ist eigentlich nur gekommen, um in diese Ausstellung zu gehen.

 

 

Wie gefällt Ihnen selbst denn letztendlich die Ausstellung?

 

Ich finde die Ausstellung gestalterisch nicht gelungen. Das sage ich auch ganz ehrlich. Es ist etwas passiert, was nicht hätte passieren sollen. Das Haus ist durch diesen Einbau, der gemacht wurde, zerstört. Dieser massive Einbau der Wände mag einem gestalterischen Konzept entsprechen, aber ich hätte mir im Sinne des behutsamen Umgangs mit dem Haus und den Räumen eine sehr behutsame Ausstellung vorgestellt. Es hieß vom Gestaltungsbüro, die Wände mögen die Räume brechen. Das “anheimelnde Haus“ müsse gebrochen werden. Doch dadurch breche ich gar nichts. Die Aussagen sind stark genug.

 

 

Das ist eine unnötige Übertreibung finde ich.

 

Genau so ist es. Der Ort braucht diese Wände nicht. Die Gestaltung überfrachtet das Haus. Es merkt aber keiner, weil die Besucher im Besucherbuch ja nur artikulieren, dass es gut ist, dass es eine solche Ausstellung gibt. Es ist richtig schade. Einige der Überlebenden haben gesagt, sie werden nicht sagen, dass es ihnen nicht gefällt, sie werden einfach nichts sagen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Interview: Maria Neumann

2006/7 EVS-Freiwillige bei Gedenkdienst