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Ausgabe 4/08


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Szenen einer Ehe

Wie viel haben die Menschen über die verbrecherischen Taten des Naziregimes tatsächlich gewusst? Inwiefern waren sie trotzdem, oder auch deshalb, dessen loyale Unterstützer? Dazu gibt es in der Forschung neuere Erklärungsmuster. Drei Publikationen sollen hier zusammengefasst werden – die besprochenen Bücher beziehen sich auf die Situation in Deutschland.

 

Klar ist zunächst, dass die Nazis schon ab dem Jahre 1933 versuchten, die Öffentlichkeit in Deutschland nach totalitären Prinzipien zu organisieren. Die Zeitungen sollten demnach vor allem Zustimmung zum politischen System demonstrieren, nicht die BürgerInnen informieren. Daraus lässt sich aber noch nicht folgern, dass die Menschen auch tatsächlich so dachten, wie sich die Partei es wünschte. Vorsicht und Zurückhaltung war gefragt. Forscher wie Peter Longerich, Robert Gellately oder Götz Aly konstatieren einen „Rückzug“ der kritischen Meinungen in private Situationen.

 

„Notwendige Maßnahmen“

 

Der Beginn der Naziherrschaft in Deutschland war voll begeistertem Schwung. Der kanadische Forscher Robert Gellately beschreibt, wie es gelang, dass mit dem Kampf gegen den Kommunismus nicht nur eine Partei an die Macht kam, sondern die Mehrheit euphorisch auf der Suche nach „Recht und Ordnung“ die verhassten Weimarer Zustände hinter sich ließ. Eine „hart durchgreifende“ Regierung war derart gefragt, dass die Partei ohne größere Probleme auch die ersten Konzentrationslager als notwendige Maßnahme rechtfertigen konnte. Diese waren nämlich kein Geheimnis, sondern im Gegenteil eine Art „normativer Kern“ der neuen Gesellschaft: Sie waren als „moralische Erziehungsanstalten“ für Feinde der Volksgemeinschaft gedacht. Die Propaganda versprach, dass die inhaftierten Frauen und Männer nach ihrem Lehrgang in „Fleiß, Sauberkeit und ehrlicher Arbeit“ als brave BürgerInnen in die Volksgemeinschaft zurückkehren werden und die Lager bald gar nicht mehr nötig seien. Die Gemeinde Dachau war im Jahre 1933 sogar stolz, dass eines der ersten Lager gerade dort eröffnet wurde und machte sich Hoffnungen über neue Arbeitsplätze. Die folgende und massenhaft praktizierte, beschönigende Berichterstattung über die Lager wurde von den ZeitungsleserInnen aber nicht für bare Münze genommen. Viele Bürger Innen konnten bereits die Sprache einer totalitären Presse soweit entzif fern, dass die idealisierten Berichte für sie auch klar eine Botschaft der Abschreckung enthielten. Trotzdem reagierte die Regierung mit dem Ausbau der Polizeibefugnisse in erster Linie auf ein Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung. Ein Indikator für das hohe Ansehen der „neuen“ und effizienteren Polizei sind die jährlich gefeierten, populären „Polizeitage“. Mit einem neuen, harten Strafrecht und der „Säuberung der Straßen“ – der Verfolgung politisch definierter Gruppen, den „Asozialen“, „Arbeitsscheuen“ und anderen „potentiell kriminellen“ Subjekten – hatten die meisten jedenfalls keine Probleme. Nach Gellately ist dann sogar der Krieg für viele BürgerInnen der gerechtfertigte Versuch, diese „inneren“ polizeilichen Anstrengungen der deutschen Gesellschaft auf die „zurückgebliebenen“ Völker der Welt auszuweiten.

 

Die Naziführung ließ mit großem Aufwand die Einstellungen ihrer BürgerInnen ausforschen – so besorgt war sie über mögliche Ablehnung ihrer Politik. Der Sicherheitsdienst der SS (SD) hatte einen eigenen Nachrichtenapparat, der fast täglich der „Volksstimmung“ auf den Zahn fühlen sollte. Diese Berichte der SD-Spitzel sind nicht objektiv, sondern durchtränkt von volksgemeinschaftlichem Idealismus: „Berichteten sie vorgesetzten Dienststellen Negatives, so hätten sie damit implizit die Frage aufgeworfen, was sie denn dagegen zu tun gedächten“, so Longerich.

 

Nach Robert Gellately akzeptierte die Mehrheit der Deutschen die polizeiliche Infiltration des Privatlebens nicht nur, sondern nützte sie auch noch für eigene Zwecke aus. Schockierend ist, was Gellately beispielsweise für den Raum Unterfranken beweist: Die Mehrheit der Denunziationen ging nicht von der Gestapo oder anderen Parteistellen, sondern direkt von der Bevölkerung aus. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass in vielen Fällen keine ideologische Motivation dahinterstand: Um ihren Ehestreit zu lösen oder den ungeliebten Nachbarn loszuwerden riefen einige BürgerInnen mit erfundenen Vorwürfen der „Rassenschande“ bei der Gestapo an. So konnten auch berufliche Konkurrenten aus dem Weg geschafft werden. Die NSDAP-Führung ärgerte sich über Anzeigen mit solchen Hintergründen. Generell aber waren Denunziationen für die Judenverfolgung und später die Unterdrückung der ZwangsarbeiterInnen zentral, sie hielten das Verhältnis zwischen Polizei und BürgerInnen „lebendig“. Wer so einen Schritt tat, der wusste, welchen Gefahren er sein Opfer aussetzt. Aus den ersten Lagern berichteten die Zeitungen ein regelmäßiges und monotones „auf der Flucht erschossen“ – niemand konnte sich wirklich Illusionen über das Schicksal der „Schutzhäftlinge“ machen.

 

Viele „Arier“ hießen die Judenverfolgung offen gut. Einige andere sahen darin eine unangenehme, aber anscheinend notwendige Unternehmung. Im „Rückzug ins Private“ sieht Longerich hier mehr als nur eine gleichgültige Abwendung von den Geschehnissen. Die Einführung des Judensterns 1941 rief unter der Bevölkerung oft Ablehnung hervor. Wenn manche in Straßenszenen den Stern konsequent ignorierten, wollten sie damit Solidarität zeigen. Die Partei reagierte schnell auf den Missmut – nämlich mit harten Strafen für all jene, die sich gemeinsam mit Juden in der Öffentlichkeit zeigten.

 

Neue Phase

 

Der Krieg läutete eine neue Phase ein. Die Lager verschwanden aus der Berichterstattung. An die Notwendigkeit der „Vernichtung des Judentums“ erinnerte die NS-Führung die Bevölkerung ohne Unterlass. Die permanent von der Regierung verbreitete Konstruktion von Juden als dem „inneren Feind“, also Kriegsgegnern, hatte für die deutschen BürgerInnen eine konkrete Botschaft: Der Erfolg des Krieges hinge vom Erfolg der Judenverfolgung ab und umgekehrt. Und der Krieg müsse gewonnen werden, um die Verbrechen rechtfertigen zu können. Verbrechen, die bekanntlich eine Art „öffentliches Geheimnis“ waren: Schon ab Herbst 1941 waren die ersten Gerüchte über die Praktiken der Massenerschießungen und Vergasungen bei den Menschen im Reich bekannt. Auch hier reagierte die Partei mit Strafen, dadurch wurde das Interesse aber nicht erstickt.

 

Der Historiker Götz Aly errechnet mittels Indikatoren gesellschaftlicher Randphänomene eine „Loyalitätskurve“, die bereits mit Kriegsbeginn drastisch abfällt. So fällt auf, dass die zuvor hohe Anzahl der Kirchenaustritte mit dem Jahr 1939 schlagartig abnimmt. Immer weniger Familien gaben ihren Kindern Vornamen wie Adolf oder Horst, gegenläufig zum Trend in den dreißiger Jahren. In den Zeitungen fanden sich im Kriegsverlauf konstant weniger Todesanzeigen, die ihre gefallenen Angehörigen im Sinne des Nationalsozialismus beklagten.

 

All diejenigen aber, die nicht mehr an den Erfolg des Nationalsozialismus glaubten, sollten gegen Kriegsende durch eine neue Strategie eingebunden werden: Durch das Schüren von Angst – „Kraft durch Furcht“. Die Anzahl der Todesurteile gegen Reichsdeutsche wegen Wehrkraftzersetzung“ stieg rasant. Die Partei bezweckte damit vor allem eines: jeder sollte nun als Nationalsozialist untergehen – und die Verantwortung für die Verbrechen sollte zerstreut werden. Die besprochenen Untersuchungen machen vor allem deutlich, dass es sich beim Verhältnis zwischen Führung und Volk um ein lebendiges handelte. Mit dem Kriegsverlauf schwand der ideologische Zusammenhalt aber weitgehend. Ein Befund sticht besonders ins Auge: das halb artikulierte Unrechtsbewusstsein in der Bevölkerung. Es ist wohl die Grundlage der Verdrängung.

 

 

Till Hilmar

 

leistete 2007/08 Gedenkdienst an der Jugendbegegnungsstätte Theresienstadt

 

Literaturverweis: Aly, Götz (Hg.): Volkes Stimme. Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus, Bonn 2006

Gellately, Robert: Hingeschaut und Weggesehen. Hitler und sein Volk, Bonn 2003

Longerich, Peter: „Davon haben wir nichts gewusst“. Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945, Bonn 2006