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Ausgabe 4/08


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Warum normale Menschen mordeten

Motive einer Krankenschwester

 

Als Anfang der 1960er Jahre Anklage gegen sie erhoben wird, ist Anna Günther eine fast 70-jährige, kleine, rundliche Frau mit spitzer Nase. Die streng nach hinten gekämmten Haare hat sie im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden. Die ausgebildete Krankenpflegerin hat mehr als 20 Jahre in Heil- und Pflegeanstalten für psychisch kranke Menschen gearbeitet. Wegen dieser Tätigkeit steht sie in München vor Gericht, denn sie war zwischen 1938 und 1945 in der Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde in Pommern beschäftigt gewesen. Obrawalde liegt heute in Polen. In der Pflegeanstalt wurden zwischen Sommer 1942 und Januar 1945 zirka 18.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, sowie psychisch Kranke ermordet. Ärztinnen und Ärzte bestimmten, wer von den PatientInnen getötet werden sollte und das Pflegepersonal verabreichte tödliche Spritzen mit Morphium oder Veronal bzw. gab den Kranken eine Überdosis dieser Medikamente in Wasser aufgelöst zu trinken.

 

Die Krankenpflegerin Anna Günther wurde beschuldigt, an der Ermordung von 150 PatientInnen beteiligt gewesen zu sein.1 Sie selbst beschrieb das Töten in einer Vernehmung so: „Unsere Patienten hatten fast durchweg Angst vor Spritzen. Um nun den zu tötenden Patienten das aufgelöste Mittel einzugeben bzw. die Spritze zu verabfolgen, war das Zusammenwirken von mindestens zwei Pflegerinnen nötig. [...] Bei dem Eingeben des aufgelösten Mittels ging ich mit großem Mitgefühl vor. Ich hatte den Patientinnen vorher erzählt, dass sie nur eine kleine Kur mitzumachen hätten. [...] Beim Eingeben nahm ich sie liebevoll in den Arm und streichelte sie dabei. Wenn sie beispielsweise den Becher nicht ganz austranken, weil es ihnen zu bitter war, so redete ich ihnen noch gut zu, sie hätten doch nun so viel getrunken und sollten den Rest auch noch zu sich nehmen, weil sonst die Kur nicht zu Ende geführt werden könne. Einige ließen sich dann auf mein gutes Zureden soweit bewegen, dass sie noch den Trinkbecher vollends leerten. In anderen Fällen gaben wir das Mittel auch löffelweise ein.“2

 

Eine erstaunliche Aussage. Welche Krankenpflegerin hält es sich ernsthaft zugute, Patienten sanft und liebevoll ermordet zu haben? Spontan möchte man vermuten, Frau Günther sei krank, Sadistin oder eine ausgesprochen fanatische Nationalsozialistin. Aus der Forschung zu den TäterInnen im Nationalsozialismus wissen wir inzwischen, dass weder das eine noch das andere für die Mehrheit derjenigen zutrifft, die sich am ationalsozialistischen Massenmord gegen Jüdinnen und Juden, gegen Sinti und Roma oder Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung beteiligt haben. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen, die es bislang zur Psychologie der TäterInnen gegeben hat, kommen zu dem glei chen Ergebnis: die Mörderinnen und Mörder waren in der überwiegenden Mehrheit psychisch gesunde und in diesem Sinne ganz normale Menschen. Es gibt in den Unterlagen keinen Anlass zu vermuten, die Krankenpflegerin sei eine Ausnahme.

 

Die Mehrzahl der nach dem Krieg wegen der Mitwirkung am nationalsozialistischen Euthanasieprogramm Angeklagten argumentierten vor Gericht, sie hätten sich am Morden beteiligt, weil sie den entsprechenden Befehlen hätten gehorchen müssen. Nicht so Frau Günther. Als man sie fragte, ob sie in irgendeiner Weise gezwungen worden sei, an den Tötungen mitzuwirken, antwortete sie: „Ich erkläre hiermit ausdrücklich, dass ich von Niemandem zur Mitwirkung gezwungen wurde.“3 Anna Günther wurde freigesprochen, ebenso wie die anderen 13 mit ihr angeklagten Krankenpflegerinnen weil – so das Gerichtsurteil – „sie in keinem Fall aus eigener Initiative mitwirkten, sondern lediglich im Rahmen ihres Dienstes den ihnen von den Vorgesetzten erteilten Weisungen nachkamen, ohne sich innerlich mit den ihnen erteilten Tötungsbefehlen zu identifizieren und sie zu billigen.“4

 

Gesellschaftlicher Wertewandel

 

Wenn wir herausfinden wollen, weshalb Menschen wie Anna Günther gemordet haben, dann muss ein sozialer Prozess rekonstruiert werden. Es geht darum zu verstehen, weshalb für Frau Günther das eigene Handeln rational und sinnhaft war. Grundlegend für die Analyse menschlichen Handelns ist die Erkenntnis, dass all unser Handeln nur möglich ist, weil wir ihm einen Sinn beimessen. Selbstverständlich laufen viele unserer Entscheidungen routiniert und intuitiv ab, aber doch geht allen eine Interpretation, eine Deutung der Situation voraus, ohne die wir nicht handlungs fähig wären.

 

Die Krankenpflegerin Anna Günther war Teil einer Gesellschaft, die in einem relativ kurzen Zeitraum eine radikale Verschiebung erlebte. Es war dies eine Gesellschaft, die sich aufspaltete in ein Innen und ein Außen, in eine „Wir-Gruppe“ und eine „Sie-Gruppe“, das heißt in diejenigen, die dazugehörten und diejenigen, die nicht dazugehörten. Grundlage dieser Spaltung war die Idee von der Existenz einer arischen Rasse und eines gesunden Volkskörpers. Dies begründete und legitimierte Ausgrenzung, Entrechtung und schließlich Ermordung von jüdischen Frauen, Männern und Kindern. Auch darüber, wie das Innere der „Gesellschaft der Zugehörigen“ auszusehen habe, gab es dezidierte Vorstellungen.

 

Körperlich oder geistig Behinderte und psychisch Kranke passten nicht in die Vorstellung vom gesunden arischen Volkskörper. „Unnütze Esser“ wurden sie genannt. Schon Kinder wuchsen mit der Vorstellung auf, dass es wertvolle und wertlose Menschen gab. In Schulbüchern konnte man lesen, dass die Pflege eines einzigen Erbkranken (gemeint waren Menschen mit Behinderungen) am Tag 5,5 Reichsmark koste und dass davon eine ganze gesunde deutsche Familie leben könne. Es gab „rassisch wertvolle“ Arier und solche, auf die man, weil sie krank oder schwach waren, verzichten konnte. Ein Werbeplakat aus den 1930er Jahren zeigte einen sitzenden, offenbar bewegungsunfähigen Mann und einen hinter ihm stehenden Pfleger. Auf dem Plakat ist zu lesen: „60.000 Reichsmark kostet dieser Erbkranke die Volksgemeinschaft auf Lebenszeit“ und weiter „Volksgenosse, das ist auch dein Geld.“ Unmissverständlich wurde auf verschiedenen Ebenen klar gemacht, dass Behinderte und unheilbar Kranke der Volksgemeinschaft schadeten. Ihre Existenz, so verkündeten es Schulbücher, Zeitungsartikel und Plakate, sei ein Problem, denn sie bedeutete eine Belastung für jeden gesunden ‚Volksgenossen’. So wurde es im Lauf der Zeit nur folgerichtig, in „lebenswertes“ und „lebensunwertes“ Leben zu unterscheiden und etwas gegen diejenigen, die nicht in die erste Kategorie fielen, zu unternehmen.

 

Ein solcher Umbau der Gesellschaft ist weder ein zentral gesteuerter Vorgang, noch geschieht dies von einem Tag auf den anderen. Bevor Menschen in großer Zahl in Heimen und Anstalten ermordet wurden, hatte man Tausende zwangssterilisiert um die „Vermehrung von Volksschädlingen“ wie es hieß, zu verhindern. Psychisch Kranke, geistig und körperlich Behinderte waren abgeholt, in Meldebögen erfasst und – „zu ihrem Wohl“ – in Anstalten eingewiesen worden. Die Kürzung von Essensrationen für bestimmte Gruppen von PatientInnen war ohne Widerspruch eingeführt worden. Erst als die weitgehend geheime Ermordung von AnstaltsinsassInnen in der Öffentlichkeit bekannt wurde – ungefähr 70.000 Menschen waren bis Ende August 1941 im Rahmen der Aktion „T4“ bereits ermordet worden – regte sich in der Öffentlichkeit vereinzelt Protest. Das ‚Programm’ wurde offiziell beendet, insgeheim jedoch in einzelnen Heimen fortgesetzt, darunter auch in der Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde, dem Arbeitsplatz von Frau Günther.

 

Tötungsarbeit

 

Das Personal in den Heil- und Pflegeanstalten ermordete die PatientInnen innerhalb ihrer Dienstzeiten und integriert in den normalen Pflegealltag. Es ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, in welchem formalen Rahmen die Morde ausgeführt wurden. Der Arbeitskontext, die Berufskleidung, die Arbeitswerkzeuge geben den Ärzten und Krankenschwestern die Gewissheit einer legitimen, nach bestimmten Regeln, vorschriftsmäßig ablaufenden Beschäftigung. Genau das irritiert bei Frau Günthers Aussagen besonders: Sie betont ihre Professionalität als Krankenpflegerin, wenn sie schildert, dass sie einzuschätzen wusste, wann es besser war, eine tödliche Spritze zu setzen oder das Gift mit dem Löffel einzuflößen. Während wir aus der Außenperspektive über Mord sprechen, geht es aus der Binnenperspektive der Täterin offenbar nur um eine Arbeit, die besser und schlechter ausgeführt werden konnte, aber in jedem Fall ausgeführt wurde. Eine Einstellung mit katastrophalen Folgen.

 

Ärzte und Ärztinnen suchten die Kranken aus, die getötet werden sollten, KrankenpflegerInnen brachten sie um, indem das Halten der PatientInnen, das Spritzen und das Drohen oder Gutzureden von verschiedenen Personen ausgeführt wurde. Diese Aufteilung der Tötungsarbeit eröffnete viele Gelegenheiten, die Verantwortlichkeit zu verteilen. Nicht wenige der Schwestern und PflegerInnen waren nach dem Krieg davon überzeugt, keinen Tatbeitrag geleistet zu haben, weil sie die Kranken nur festgehalten oder die tödlichen Medikamente zusammengestellt hatten. Sie hatten ja nicht getötet. Eine arbeitsteilig ausgeführte Handlung bietet Möglichkeiten, das eigene Handeln zu relativieren und sich selbst gegen diejenigen abzugrenzen, die ‚Schlimmeres’ tun. Auch diese Bewertung findet sich in der Aussage von Frau Günther, wenn sie hervorhebt, „zärtlich“ mit den PatientInnen umgegangen zu sein. In ihrer Darstellung und wahrscheinlich auch in ihrem Selbstbild handelte sie so ‚humaner’ als Andere.

 

Die Krankenpflegerin Frau Günther war weder sadistisch noch geisteskrank. Vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die menschliches Leben in „lebenswert“ und „lebensunwert“ eingeteilte, gewöhnte sie sich, zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen, schlicht an veränderte Arbeitsaufgaben und erfüllte diese so gut sie konnte. Primo Levi, Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz schrieb über Täterinnen und Täter im Nationalsozialismus: „Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlicher ist, das sind die normalen Menschen.“

 

1 Ebbinghaus, Angelika Krankenschwestern vor Gericht, S. 236. In: dies. (Hg.), Opfer und Täterinnen. Frauenbiografien im Nationalsozialismus, Nördlingen 1987, S. 218-247.

2 Ebenda S. 239.

3 Ebenda S. 240.

4 Urteil des LG München I vom 12.3.1965, 112 Ks 2/64. Euthanasie. Heil- und Pfleganstalt Meseritz-Obrawalde (Lfd. Nr. 587 ). Justiz- und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen Nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945-1966, Band XX. Irene Sagel-Grande, H.H. Fuchs und C.F Rüter Amsterdam 1979, S. 710.

 

 

Michaela Christ